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Studiaustausch nach St. Petersburg

Die Stadt durch ihre Zivilgesellschaft kennenlernen

Die Innenstadt der zweitgrößten Stadt Russlands kann uns durch seine prächtigen Bauten, hippen Cafés, breiten Straßenkreuzungen und riesigen Museen beeindrucken. Neben den russischen Studierenden, die an dem Austausch teilgenommen haben, konnten wir die St. Petersburger vor allem bei den Treffen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen kennenlernen.

Ein junger Mann mit blau gefärbten Haaren und großer Hornbrille holt uns in einem der für St. Petersburger typischen Hinterhöfe ab und öffnet die Tür in ein verwinkeltes Souterrainapartment. Auch wenn hier niemand lebt, vermitteln Bücherregale und die kleine Teeküche mit antifaschistischen Stickern an den Wänden einen gemütlichen Eindruck. In dem größten Raum sind Stühle und eine Leinwand für den Vortrag vorbereitet. Wir nehmen Platz und Ilya Ershov berichtet von seiner Arbeit hier im „Open Space“.

Zehn der dreißig Studierenden aus Russland und Deutschland, die an dem Austausch teilnahmen. © AnnaYurgenson

So ähnlich laufen die meisten unserer Treffen bei unserem Austauschprojekt ab. Im vergangenen Wintersemester haben sich Studierende der politikwissenschaftlichen Fakultät der LMU und der RANEPA St. Petersburg mit dem jeweils anderen Land und deren Zivilgesellschaft beschäftigt. Nach der theoretischen Vorbereitung sind zuerst die russischen StudentInnen für eine Woche nach München gekommen, bevor wir im Februar zu ihnen geflogen sind. Aufgeteilt in drei Untergruppen mit den Schwerpunkten Jugendaustausch, Umwelt, und Open and Creative Spaces konnten wir in beiden Städten Einrichtungen besuchen und deren VertreterInnen Fragen stellen. Eine der größten Herausforderungen für die Gruppen war es gleich in den ersten Tagen, in denen sich die fünf Deutschen und die fünf Russen kennenlernen, eine gemeinsame Forschungsfrage zu formulieren. Auch wenn wir die Fragestellung im Laufe der Interviews dann noch mehrmals abgeändert haben, konnten letztendlich doch alle ihre Forschungsberichte präsentieren. Das zweite Zusammentreffen der Gruppen in St. Petersburg war dann deutlich entspannter und wir hatten die Möglichkeit uns stärker auf die Orte zu konzentrieren, durch die wir geführt wurden. So haben wir auch Ilya Ershov getroffen der uns den von ihm mitgegründeten „Open Space“ vorgestellt hat:

Der Open Space wird von zahlreichen AktivistInnen als Treffpunkt und Veranstaltungsort genutzt © TheOpenSpace

Wie der Name schon vermuten lässt, stellt diese Organisation ihre Räumlichkeiten anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen zur Verfügung und ist mit diesem Angebot sehr gefragt. Im Schnitt wird die kleine Wohnung jeden Tag von mehr als vier Gruppen genutzt: von Bürotätigkeiten im Computerzimmer über Wohltätigkeitsauktionen bis zu thematischen Infoveranstaltungen. Als kostenloser Treffpunkt für AktivistInnen koordiniert das fünfköpfige Team des „Open Space“ die Raumvergabe und Instandhaltung. Um unabhängig zu bleiben werden die Gehälter und Mietkosten durch Crowdfunding und den Verkauf von Merchartikeln finanziert.

© TheOpenSpace

Zu den mehr als 80 Gruppen, die regelmäßig kommen, gehören unabhängige Wahlbeobachter und die LGBTQIA+ Community. Das Netzwerk um den „Open Space“ wird von der russischen Regierung nicht gern gesehen, was in einem Semiautoritären Staat zu strafrechtlichen Verfolgungen führen kann. Auch deshalb zieht es Ilya Ershov vor sich nicht als gemeinnützige Organisation registrieren zu lassen. Und dennoch bleibt die Angst neuerdings auch als Privatperson für politischen Aktivismus und das Weiterverbreiten ausländischer Medienberichte den Status einer „Foreign Agency“ zu erhalten. Diese werden zwar nicht direkt gehindert ihre Tätigkeit auszuüben, müssen jedoch regelmäßig Nachweise erbringen und das Label „Foreign Agent“ auf all ihren Veröffentlichungen anbringen. Dies hat den Beigeschmack eines ausländischen Spiones und wird auch aufgrund der Darstellung im staatlichen Fernsehen von der Bevölkerung als etwas Negatives wahrgenommen.

Ilya Ershov lässt den leeren Kaffeebecher mit dem Logo des „Open Space“ nervös von einer zur anderen Hand fliegen. Er ist bereits sehr vorsichtig mit seinen Posts, aber zum Glück sind es sowieso die persönlichen Kontakte zwischen den AktivistInnen, die diesen Ort auszeichnen.

Helena Borst (Gastautorin)