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Rudolf Nurejew – Eine weiße Krähe

Die wahre Geschichte der sowjetischen Ballettlegende Nurejew

Der Kalte Krieg hat seinen Höhepunkt erreicht. Das berühmte Kirow-Ballett befindet sich in Paris, um die künstlerische Stärke der Sowjetunion zu präsentieren. Dabei fällt vor allem ein Mann auf: Rudolf Nurejew. Das Ausnahmetalent begeistert sich für Kunst und Kultur, ist fasziniert von dem bunten Pariser Leben und streift sehr zum Missfallen der KGB-Spione lieber mit der Chilenin Clara Saint durch nächtliche Jazz-Clubs als sich an Regeln zu halten. Nachdem er einmal von der Freiheit gekostet hat, kann sich der rebellische junge Mann davon nicht mehr losreißen. Er möchte in Frankreich bleiben. Doch das ist für einen Sowjet-Bürger gar nicht so einfach. Der Geheimdienst ist dabei nur eine Hürde…

Faszination Nurejew 

Ralph Fiennes liest die ersten sechs Kapitel der Biographie Nurejews und obwohl der Schauspieler sich nicht großartig für Ballett interessiert, bleibt ihm die Geschichte als eine im Gedächtnis haften, welche es sich lohnt auf die Leinwand zu bringen. Es sollte noch Jahre dauern bis er das erste Mal überhaupt selber Regie führt. Doch nach den Projekten ist es heute soweit: Nurejew – THE WHITE CROW ist ab September in den Kinos zu sehen. Fiennes selber hat ebenfalls eine Rolle darin übernommen, jene als Nurejews Lehrer und Mentor. Das Drehbuch zu der Lebensverfilmung stammt von David Hare (Der Vorleser). Gedreht wurde auf 16mm.

Gegenwärtige und vergangene Szenen wechseln sich ab, um das hürdenreiche Leben des Künstlers nachzuzeichnen bis es ihn zu jenem alles entscheidenen Moment am Pariser Flughafen führt.
Rudolf wächst in Ufa als einziger Sohn unter Schwestern auf. Geboren wurde er in der Transsibirischen Eisenbahn. Seine Familie ist arm und jeglicher Hochkultur fern. Der Junge selber wird in seinem Heimatort als „weiße Krähe“ bezeichnet: er ist ein Außenseiter, verschlossen, allein.
Sein Leben beginnt sich zu verändern, als seine Mutter in einer Lotterie Ballettkarten gewinnt. Jener Abend markiert den Zeitpunkt, an dem Rudolf beschließt Balletttänzer zu werden.

– Und das wird er auch. Mit 17 gelingt ihm die Aufnahme an der berühmtesten Ballettschule der Welt, dem Choreographischen Institut Leningrad. Eigentlich ist er bereits zu alt, um noch ein erfolgreicher Tänzer zu werden. Doch durch ununterbrochene harte Arbeit und eisernen Willen arbeitet er sich zur festen Besatzung der Kompagnie hoch.

 

Hinter der Kamera

Dargestellt wird Nurejew von dem ukrainischen Balletttänzer Oleg Ivenko. Es ist seine erste Filmrolle.

Ivenko ist ein erfolgreicher, mit Preisen ausgezeichneter Tänzer, der Fiennes mit seiner Präsenz, seinem Tanz und seiner schnellen Auffassungsgabe überzeugte. Ivenko gelingt es ein faszinierendes Porträt der schwierigen, mitunter gar eher unangenehmen Persönlichkeit des jungen Tänzers zu zeichnen.

Gedreht wurde der Authentizität wegen auf russisch, der „Originalsprache“. Drehorte waren St. Petersburg, das alte Leningrad, Paris und Serbien. In St. Petersburg durfte das Filmteam sogar als erstes seit 17 Jahren in der Eremitage drehen. Es sind beeindruckende Bilder, die entstehen und die 60er Jahre für einen Moment wieder auferleben lassen.

 

Das Ballett

Es ist bemerkenswert mit welcher Leichtigkeit die Tänzer über die Leinwand fliegen. Für Fiennes war es Neuland. Auch das Erarbeiten der Szenen ist anders als mit reinen Schauspielern. Zehn bis zwölf Stunden Dreharbeiten für ein paar Minuten Tanz; das ist eine enorme Herausforderung. Präzision und Leidenschaft muss über den Tag aufrecht erhalten werden. Am Ende soll der Film-Tanz auch wahren Ballett-Experten gegenüber bestehen.

Fiennes gelingt dieses Meisterwerk mit seinen Darstellern. Sie bezaubern, rauben den Atem und lassen einen bloß über die Kraft und Anmut staunen.

 

Andante statt Vivace

Doch das Feuer, welches auf der Filmbühne brennt, fehlt mitunter in der Geschichte.

„Er ist etwas langatmig und manchmal verwirrend. Man weiß nicht immer wie etwas zusammengehört.“

Die Zeitsprünge sind stellenweise nicht ganz erkenntlich und die 122 Minuten scheinen zu großzügig bemessen für die Geschichte, die sie letztendlich erzählen. Das Tempo fehlt, die Tiefe ist nicht ganz greifbar. Und wie es nach dem schicksalsträchtigen Tag am Flughafen in Nurejews Leben weitergeht, erfährt der Zuschauer auch nicht mehr. An diesem Punkt ist sein Leben im Film zu Ende erzählt. Gleichzeitig fragt man sich hier nun: und wo ist Nurejew heute?

Am Ende bleibt vor allem ein Bild im Kopf: Nurejew, die weiße Krähe, die die Rolle des Mannes im Ballett verändert hat.

 

Josephina Richardt