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Gib‘s mir: Stadtkind vs. Landkind

Liebes Landkind,

Entschuldige, so verstehst du mich wahrscheinlich gar nicht. Wenn du vom Land kommst, sprichst du sicher nur Bairisch, also: Servus!

Weißt du, früher wollte ich auch mal auf einem Bauernhof wohnen. Ich dachte, das wäre sicher idyllisch: Meine beste Freundin eine Kuh, mein Straßenlärm gackernde Hühner und kein Zwang, sich jemals schick anzuziehen. Aber im Laufe der Jahre ist mir klar geworden, dass genau das das Problem ist: Eure Welt ist so klein! Das aufregendste Event ist das jährliche Massenbesäufnis in der Scheune (wobei „Masse“ eine Übertreibung ist), euer Bekanntenkreis umfasst 20 Leute oder so und was das für den Partnermarkt bedeutet, davon fangen wir besser gar nicht an. Ich meine, wenn ihr zum ersten Mal in die große Stadt fahrt, dann seid ihr bestimmt total überfordert von allem! Die ganzen Autos, das schnelle Internet, die ganzen Möglichkeiten…! Für jemanden, der hinterm Berg lebt, bestimmt schon ganz schön heftig!

Und das ist ja noch nicht alles: bekanntlich führt dieses Landleben ja auch zu einer ausgesprochen naiven und zuweilen streng konservativen Art, weil ihr ja alle auch so religiös seid (was ich verstehen kann, was soll man denn auch machen am Sonntag auf dem Land!). Wenn ihr also mit Großstädtern wie uns in Kontakt tretet, dann kommt es da ja schon immer wieder zu Missverständnissen: Wie? Sex vor der Ehe? Was meinst du mit „Ob du deinen Teller leer isst, beeinflusst das Wetter nicht“? Aber wenn du das hier liest, dann bist du ja offenbar deinem tristen Landleben entflohen und in die Stadt gezogen (sonst hättest du ja gar kein Internet), also: Willkommen! Das war die einzig richtige Entscheidung! Aber bitte sei vorsichtig, denn diese große weite Welt, in der du jetzt bist, ist nicht nur das Paradies der unendlichen Möglichkeiten sondern kann auch gefährlich sein (Stichwort: viele Autos)!

Dein Stadtkind

…und die Antwort:

Grüß Gott liebes Stadtkind,

so begrüßt man sich bei uns im Schwabenland. Was du vermutlich nicht wusstest, weil man das ja in der Stadt auch gar nicht wissen muss. Genauso wenig, wie du wissen musst, dass außer Bairisch auch andere Dialekte in Deutschland existieren. Außer der großen Stadt gibt es schließlich nichts, das zählt. Und wer von uns beiden lebt jetzt nochmal hinterm Berg?

Um noch ganz kurz bei der Sprache zu bleiben: Ich konnte deinen Brief ohne Probleme verstehen, aber es liegt ganz in meiner Hand, ob du mich verstehen kannst oder nicht – hast du darüber schon einmal nachgedacht? Würde ich hier auf Schwäbisch loslegen, hättest du keine Chance – aber so will ich mal nicht sein. Auf dem Land sind wir schließlich noch nett zueinander. Und ja, wir begrüßen uns sogar auf der Straße beziehungsweise dem Feldweg und freuen uns, wenn sich der nette Herr erkundigt „Wo g’herscht du naa?“ (Übersetzung für dich, mein liebes Stadtkind: „Wo gehörst du hin? Wer sind deine Eltern? Wo wohnst du?“). Und jetzt halt dich fest – meiner Erfahrung nach freut sich auch das ein oder andere Stadtkind über einen kleinen Plausch in der Tram oder einfach nur ein nettes Lächeln. Die Anonymität der Großstadt scheint wohl nicht ganz so berauschend zu sein, wie es scheint.

Eure unzähligen Möglichkeiten, von denen ihr so gern sprecht, nutzt ihr übrigens nicht einmal. Ihr kennt doch trotzdem nur die Menschen in eurer unmittelbaren Nähe, verharrt auf ewig in eurem Freundeskreis aus Schulzeiten (es zieht ja niemand weg aus der ach so tollen Stadt) und lasst die „Neuen“ in der Uni ganz einfach links liegen. Um dich zu zitieren: „Und was das für den Partnermarkt bedeutet, davon fangen wir besser gar nicht an.“ Apropos Möglichkeiten, warum kommen denn die ganzen Stadtkinder bei den vielen Angeboten am Wochenende immer in die Natur, in die Berge, an die Seen, in die Dörfer, kurz: aufs Land? Ist dir überhaupt bewusst, dass du damit dem Revier des Landkinds ziemlich nahe kommst und irgendwie suggerierst, dass du es hier gar nicht so schlecht findest? Und du wunderst dich noch, warum am Sonntag alle in die Kirche flüchten. So haben wir immerhin mal einen Hauch Ruhe von euch.

Insgeheim habe ich ja sogar ein bisschen Mitleid mit dir, mein liebes Stadtkind. Du hattest als Kind nicht die Möglichkeit einfach draußen auf der Straße mit Kreide den besten Verkehrsparcours zu malen oder Schnitzeljagden zu planen, die über Bäche und durch Wälder geführt haben. Du hast nicht das bedeutende Gefühl der Freiheit erlebt, als man mit 18 endlich Auto fahren konnte und gleichzeitig die Diskussion führen musste, wer am Wochenende auf das Trinken verzichtet und zum Club fährt. Du hast nie die Aufregung verspürt, als Landkind die große Stadt zu entdecken. Im Endeffekt ist es doch immer das, was wir nicht hatten, was wir haben wollen – du ein kleines bisschen Land und ich ein kleines bisschen Stadt.

Also, nicht wundern, wenn ich dich das nächste Mal freundlich anlächle, wenn wir uns begegnen, denn eigentlich sind wir uns doch ziemlich ähnlich.

Dein Landkind