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Weihnachten, wie es früher war

Unbekannte Seiten eines bekannten Festes

Die meisten denken beim Wort „Weihnachten“ sofort an weißen Schnee, üppigen Christbaumschmuck, das Christkind und in buntes Papier gepackte Geschenke. Das alles gehört zu unseren Traditionen, aber muss es deswegen wirklich „alt“ sein? Tatsächlich haben die Weihnachtsfeste, die noch im 19. Jahrhundert hier in Bayern gefeiert wurden, wenig mit dem Fest der Liebe zu tun, wie es uns von „Last Christmas“ und Co. präsentiert wird. Sie sind vielmehr ein Produkt (heidnischen) Aberglaubens und erinnern ein wenig an moderne Horrorgeschichten.

Frau Percht, Thomas und die „wilde Jagd“

Krampus-Figur auf einem Perchtenlauf in Klagenfurt © Anita Martinez

Ein Großteil der Weihnachtsbräuche, die noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts im Alpenraum gefeiert wurden, gehen auf die Vorstellung zurück, dass sich zur Zeit der Wintersonnenwende um den 21. Dezember Menschenwelt und Geisterwelt berühren würden: In den längsten Nächten des Jahres werden die Grenzen zwischen beiden Bereichen durchlässig, was für die Menschen eine große Gefahr darstellt. Entsprechend musste es bestimmte Verhaltensregeln geben, um die Geister zu besänftigen und die Menschen vor ihnen zu schützen. So galt es beispielsweise, nachts das Haus nicht zu verlassen, um von der „wilden Jagd“, einem Geisterheer, nicht entführt und fortgetragen zu werden. Mancherorts wurden Speiseopfer vorgenommen, beispielsweise in Form von Milch, Krapfen oder sogar Nudeln. Diese wurden häufig mit Orakeln verbunden, um Vorhersagen für das neue Jahr zu treffen.

Mit der Vorstellung der „wilden Jagd“ wurde die Gestalt der Frau Percht, manchmal auch Holda genannt, verbunden. Insbesondere Kinder und Mägde sollten durch Schreckensgeschichten über sie diszipliniert werden. So wurde erzählt, Frau Percht würde schlampige Kinder und Mägde bestrafen, indem sie ihnen den Bauch aufschneidet und den Dreck aus ihren unordentlichen Kammern dort hineinkehrt, um die Bäuche anschließend wieder zu verschließen.

Teilnehmer eines Perchtenlaufs in Klagenfurt © Klafubra

Die Perchtenläufe, die heutzutage mancherorts wiederbelebt werden, könnten als Antwort auf diese Vorstellungen verstanden werden. Dabei verkleiden sich die Teilnehmer als mythische Gestalten, die man mit dieser Ausnahmezeit assoziiert. Zusätzlich zu den wild auftretenden und häufig brutalen Dämonengestalten, die die Umstehenden attackieren und verjagen (Schiachperchten), gibt es dabei auch weniger furchteinflößende, kunstvoll ausstaffierte Gestalten (Schönperchten). Zu den einzelnen Charakteren, die manchmal im Zusammenhang mit Perchtenläufen auftreten, gehört der Blutige Thomas (bluadige Thamerl), der Kindern das Hirn mit seinem Hammer einzuschlagen droht, sowie die bekannte Figur des Knechts Rupprecht/Krampus. Gemeinsam ziehen diese Gestalten von Hof zu Hof bzw. von Dorf zu Dorf und fordern von den Anwohnern in Heischezügen Gaben ein. Die frühesten Berichte über derartige Bräuche stammen aus Süddeutschland und Tirol Ende des 16. Jahrhunderts.

Produkte christlichen Aberglaubens

Allerdings sind einige der „alten“ Bräuche rund ums Weihnachtsfest wohl eher dem christlichen Volksglauben entsprungen. Dazu gehört beispielsweise das sog. Stefansreiten, das heute noch mancherorts am Stephanitag, dem 26. Dezember, zelebriert wird. In der Vergangenheit wurde dieser Brauch sehr unterschiedlich begangen. So ritten die Knechte mancherorts von Hof zu Hof und forderten von den Bewohnern Essen und Alkohol ein, wobei sie teils derbe Lieder sangen, in denen sie den „Spendern“ unverhohlen drohten. Andernorts fanden am 26. Dezember Wettrennen zu den Quellen statt, deren Sieger in der nächsten Zeit die Kontrolle über diese Quellen haben sollten, denen man eine heilende Wirkung für Pferde nachsagte. Andere, weniger dramatische Ritte zu und um Kirchen sowie eine Weihung der beteiligten Pferde durch Priester sollten ebenfalls die Gesundheit der Tiere sicherstellen.

Die Frage nach den Ursprüngen des Stefansreitens sind auf Grund der schwierigen Quellenlage nicht mit Sicherheit zu beantworten, allerdings zeigen Bilddarstellungen und überlieferte Lieder, dass es bereits im 12. Jahrhundert eine Art Kult um die Figur Stefans in Teilen Europas gegeben haben muss. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass diese Figur wohl eine Synthese verschiedener Gestalten darstellt, die heute nicht mehr vollständig aus der Tradition rekonstruiert werden können. In jedem Fall ist es bemerkenswert, dass das Stefansreiten als Kirchenprozession im süddeutschen Raum weiterhin betrieben wird, wenn auch in einer eher friedlichen Form. Es scheint also weiterhin ein gewisses Bedürfnis an derartigen Bräuchen zu geben, was auch die Wiederbelebung der zwischenzeitlich fast vollkommen verschwundenen Perchtenläufe zeigt. Die Faszination der dunklen Jahreszeit mit ihren Dämonen und Mythen ist offensichtlich ungebrochen.

Sebastian Schindlbeck