Wir schreiben München – schreibt mit!

Der UniKater: Abenteuer Baustelle

Streifzüge durch Münchner Geschichten

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Ich habe mal wieder eine kleine Geschichte zu erzählen! Diesmal handelt es sich um eine Art Abenteuergeschichte. Sie hat zumindest alles, was man von einem guten Abenteuer erwartet: einen kühnen, furchtlosen Helden; eine niederschlagende Wendung; und vor allem rasante Action. Und glaubt mir, ich kann wirklich froh sein, gerade noch mal mit meinen sieben Leben davon gekommen zu sein. Aber fangen wir am Anfang an.

Es war ein wunderschöner, sonniger Tag. Der Sommer war voll im Gange und die jungen Menschen im Univiertel waren wieder gefühlt auf Stresslevel 180. Das heißt wohl leider, dass ich mir keine Hoffnungen auf Streicheleinheiten machen sollte, dachte ich mir und überquerte, umgeben von bleichen Beinen, die Ampel in der Schellingstraße. Das Wetter lud zum Chillen ein und einer meiner Lieblingsorte, um diese Kunst zu praktizieren, war die Wiese hinterm Brunnen beim Amerika-Institut. Ich ging also direkt am Lost Weekend vorbei, tappte anmutig die Treppenstufen hinauf und konnte schon von Weitem erkennen, dass etwas nicht stimmte: Die Sicht auf den Brunnen war mir durch menschenhohe, hölzerne Absperrungen verwehrt.

Es war ausschließlich die Metalltreppe hoch zur Mensa frei, die Wege rechts und links daran vorbei waren beide mit großen Holzwänden blockiert. Das ist für einen geschickten Kater wie mich aber natürlich kein Problem. Ich könnte einfach die Treppe ein paar Stufen hoch laufen und anschließend vom Geländer auf die Wiese springen und mir ein gemütliches Plätzchen suchen. Doch auch daraus wurde nichts. Sobald ich an der Treppe angelangt war und durch ihre Öffnungen hindurchschauen konnte, erbot sich mir ein deprimierender Anblick: Der ganze Boden war nur Beton – reiner, grober, grauer Beton.

Wo war meine wunderschöne Wiese abgeblieben? Ich wusste ja, dass im Gebäude nebenan lauter Menschen in schweißgetränkten T-Shirts dabei waren, anscheinend irgendwas zu bauen. Aber dass sie so weit gehen würden und mir meinen heißgeliebten Ruheplatz verderben – ja sogar buchstäblich wegnehmen? Das ging zu weit! Ich fauchte ein Mal ins Nichts, machte einen Buckel und entschied, mich zu beschweren.

Der UniKater in Angriffslaune © Sophie Obwexer

Ich ging meinem ursprünglichen Plan nach und hüpfte vom Treppengeländer auf die freie Fläche. Auch auf dem rauen Beton landete ich natürlich mit anmutiger Eleganz. Ich konnte es kaum erwarten, meine Krallen auszufahren und sie jemandem ins Gesicht zu bohren. Ich musste mich wirklich gehörig zusammenreißen, sie vorerst drinnen zu lassen, während ich mich auf den Weg zu der großen Fensterfront machte.

Dort angekommen, ging ich an der Wand entlang, um einen passenden Eingang zu finden, und tatsächlich wurde ich schnell fündig: Jemand hatte ein Fenster im ersten Stock geöffnet. Mit einem kräftigen Satz saß ich auf dem Fenstersims und blitzschnell war ich drinnen. Ich hopste vom Fenster auf den Boden und wedelte sofort vier kleine Staubwölkchen mit meinen Tatzen auf. Die Luft war heiß, aber staubtrocken. Ich schaute mich um und war enttäuscht: keine Menschenseele weit und breit. Aber allzu fern konnten sie nicht sein, ich hörte schließlich das laute Hämmern und Bohren aus den oberen Stockwerken.

Ich folgte der Treppe hinauf und da sah ich sie schließlich. Starke Menschen mit hochroten Köpfen, von deren Stirn ein Tropfen nach dem anderen auf den Boden tropfte. Nur ein paar Meter vor mir lief einer, der trug lediglich eine dunkelgraue Latzhose und hielt eine ganze Menge ziemlich langer, roter Rohre in seinen Armen. Die musste er scheinbar vom einen Ende des Raumes zum anderen transportieren und wirkte dabei unglaublich vertieft in seine Aufgabe. Das machte ihn zum perfekten Opfer!

Ich machte mich bereit ihn anzuspringen, als er plötzlich abrupt innehielt, sich zu mir umdrehte und laut aufschrie. Im selben Zug ließ er seine roten Rohre fallen, die mit einem dumpfen „Klonk!“ nacheinander auf den Boden fielen und auf mich zu rollten. Ich war für einen Moment perplex, dann fauchte ich laut auf und sprang in die Höhe – vielleicht nicht unbedingt die schlauste Taktik, um der rollenden Bedrohung auszuweichen. Die Rohre waren extrem schnell direkt unter mir und so kam ich wieder zu Boden und versuchte, mit zumindest einer meiner Pfoten Halt auf einem der glatten Dinger zu kriegen. Ich fuhr sogar meine Krallen aus, aber selbst das war vergebens. Ich war absolut hilflos und das einzige, was mir blieb, war aufzupassen, dass ich nicht zwischen die Rohre rutschte und von ihnen überrollt wurde.

Aber auch davon ließ ich mich nicht irritieren. Ich tapste sanft von einem Rohr aufs andere und balancierte dabei geschmeidig hin und her, während sie mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Treppenhaus donnerten. Dort preschten sie schließlich alle mit voller Wucht gegen die Wand, veranstalteten dabei ein lautes Konzert und fielen völlig willkürlich und unkoordiniert die Treppen hinunter. Ganz im Gegensatz zu mir: Ich stieß mich kurz vor der Wand vom obersten Rohr in Richtung Mauer ab, rannte ein paar Schritte an ihr entlang, nur um dann von dort elegant auf den Boden zu springen. Ich war der Gefahr der Rohre allerdings immer noch nicht entkommen. Denn nun musste ich vor den herabstürzenden Rohren davon laufen. Ich nahm also all meine Kraft in die Beine und raste mit einem irrsinnigen Tempo die restlichen Treppen hinunter und geradewegs zu dem Fenster, durch das ich das Gebäude betreten hatte. Ich hatte ein derartiges Momentum drauf, dass es mich mit einem leichten Sprung geradewegs über die Fensterkante katapultierte und ich auf der anderen Seite mächtig mit meinem Schwanz navigieren musste, um dennoch auf allen vieren zu landen.

Doch wie ihr wisst, landet eine Katze ja immer auf ihren vier Pfoten. Ich hatte jedoch durch die ganze Aufregung meine Krallen ausgefahren, welche bei der Landung ganz schön in Mitleidenschaft gezogen wurden. Ich beschloss, dass ich genug Abenteuer für einen Tag erlebt hatte und machte mich auf den Weg nach Hause, um mich auszuruhen und meine Krallen zu behandeln. Ich kann wirklich von Glück reden und froh sein, so haarscharf an einer Katastrophe vorbei geschlittert zu sein. Vorerst sind meine sieben Leben noch komplett und in Zukunft werde ich auf jeden Fall vorsichtiger auf Baustellen agieren.

Bis dahin, euer UniKater!