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„Wir werden sichtbar bleiben“

Ein Rückblick auf den IDAHOBIT 2018 in München

Trotz des verhangenen Himmels ging es vorletzten Donnerstag im Glockenbachviertel außergewöhnlich bunt zu. Menschen mit Regenbogenfahnen und großen, farbenfrohen Transparenten versammelten sich, um an der jährlichen Demo zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie teilzunehmen. Seit 2005 trifft sich die LGBTI-Community jedes Jahr am 17. Mai, um ein Zeichen für Vielfalt und Selbstbestimmung zu setzen, denn an diesem Datum im Jahr 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten. Einerseits ein Grund zum Feiern – andererseits auch ein Anlass, um Aufmerksamkeit auf Aspekte zu richten, die für die Community noch immer problematisch sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass Transidentität weiterhin von der WHO als psychische Erkrankung eingestuft wird.

Vor Beginn der Demo richteten verschiedene Organisationen das Wort an die LGBTI-Community. © Stephanie Berens

Bevor sich der Zug in Richtung Gärtnerplatz in Bewegung setzte, richteten mehrere Sprecher*innen das Wort an die Teilnehmer*innen. Ein Sprecher der Aids-Hilfe München kommentierte die Umbenennung des Tages, der in den letzten Jahren von IDAHOT zu IDAHIT und schließlich zu IDAHOBIT wurde, um erst neben Homosexuellen und Transmenschen erst Intermenschen und nun auch Bisexuelle einzubeziehen. Er betonte, dass alle Mitglieder der LGBTI-Community klar benannt und nicht nur schweigend mitgedacht werden sollen. Außerdem kritisierte er, dass Transmenschen in Deutschland noch immer pathologisiert werden: „Es kann nicht sein, dass Dritte darüber bestimmen wer ich bin, wie ich mich fühle und wie ich mich definiere.“ Trotz der Ungerechtigkeiten, die der Community häufig zuteil werden, müsse man Hoffnung bewahren und weiterhin standhaft bleiben: „Auch nach Diskriminierung und Diffamierung sind wir immer noch hier, und wir werden sichtbar bleiben.“

Den Beginn des Zuges bildete die Münchner Aids-Hilfe. Auf dem Transparent steht: „Diskriminierung bekämpfen – Grenzen überwinden. Ein München für alle!“ © Stephanie Berens

Auch andere Sprecher griffen das Thema Trans in ihren Reden auf. Ein Sprecher der Trans-Inter-Tagung rief dazu auf, Trans- und Intermenschen zuzuhören, nach ihrer Meinung zu fragen, sie die Community und das Leben außerhalb mitgestalten zu lassen und vor allem für ihre Rechte mitzukämpfen: „Privilegien bringen die Pflicht mit sich, diese Rechte auch für andere einzufordern.“ Das Gedenken an eine Transfrau namens Joanna, die neulich in München ermordet wurde, unterstrich die Dringlichkeit seiner Aussage. Der Sprecher kritisierte die Behörden, die in solchen Fällen mögliche transphobe Motive hinter der Tat häufig nicht wahrnehmen würden. Ausgrenzung von der Gesellschaft begleite Transmenschen oft bis in den Tod: „Wenn ihr uns im Alltag ignoriert, bereitet ihr den Boden dafür, dass uns andere ermorden und kein Hahn danach kräht.“

Der Zug ging quer durch das Glockenbachviertel bis zum Gärtnerplatz und endete vor dem „Sub“ in der Müllerstraße. © Stephanie Berens

Um die Situation der LGBTI-Community zu verbessern, bedürfe es auch staatlicher Maßnahmen. Mehrere Sprecher forderten die bayerische Landesregierung auf, einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Homo-, Inter- und Transphobie umzusetzen sowie eine Koordinierungsstelle für queere Lebensfragen an der Bayerischen Staatskanzlei einzurichten. Jedes andere Bundesland hat bereits solche Aktionspläne oder bereitet deren Umsetzung momentan vor. Ein Sprecher des Trans-Selbsthilfevereins VivaTS brachte die Notwendigkeit dieser Maßnahmen auf den Punkt: „Kein Mensch kann wirklich frei leben solange wir nicht alle frei leben können.“

Stephanie Berens