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Sie fragt Ihn: Die weibliche Seite

Er fragt – Sie fragt

Unsere beiden Autoren eint ein Wunsch: Das andere Geschlecht zu verstehen. “Schnurzelburzel” und “Honigmäulchen” stellen sich in dieser unikaten Serie regelmäßig Fragen, deren Antworten die Gemütslagen, Vorstellungen und Gedankengänge des anderen Geschlechts erhellen sollen. Diese Woche:

Lebt ihr mit dem Gefühl, dass euch seit ihr kleine Jungs seid, eure weibliche Seite abtrainiert wurde?

Liebes Honigmäulchen,

Die weibliche Seite. Jeder versteht wohl sofort, was genau damit gemeint ist. Viele Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften oder Hobbies werden dem Geschlecht der Frauen zugeschrieben. Einige dieser Eigenschaften haben sicher evolutionäre Hintergründe oder können durch hormonelle Prädispositionen erklärt werden. Falls man diese als Mann haben sollte,  scheint mir dies nur sehr schwer abtrainierbar.

Andere Eigenschaften wurden uns dahingegen von der Gesellschaft eingetrichtert. Häufig geschieht dies völlig irrational und unbegründet und hat sich im Laufe der Geschichte vielfach verändert. Dennoch haben sie dafür gesorgt, dass heranwachsende Jungs ihr Verhalten nach diesen Maßstäben ausrichten. Bei mir kam es des öfteren vor, dass ich mich für eines meiner Interessen oder Begabungen geschämt habe.

Als kleiner Junge musste ich meine Schwester häufiger zum Reiten begleiten. Irgendwann stieß dieser tolle Sport bei mir selber auf Interesse. So fing ich an zu reiten und machte dies bis in die Pubertät hinein. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass fast nur Mädchen in dem Stall reiten und meine Klassenkameraden den Sport nicht unbedingt so cool wie Rudern oder Fußball fanden. Mit 14 habe ich Reiten als mädchenhaft empfunden. Aber was für ein Schwachsinn! Die Kavallerie war stets eine der angesehensten Truppen des Militärs und kaum ein Sport kann derart action-geladen und gefährlich sein.

Die Peer-Pressure, der soziale Zwang sich seiner „coolen“ Altersgenossen und deren Normen anzupassen, hat dafür gesorgt, dass ich mit dem Sport aufgehört hab, in dem ich sehr gut war. Aber das war meine eigene Entscheidung. Womöglich hatte ich zu wenig Selbstbewusstsein und Angst aufzufallen. Die Mittelstufe ähnelt einem  Struggle for Life und der dortige Sozialdarwinismus hat dafür gesorgt, dass jeder Junge nach außen hin möglichst viel „Kerl“ kultiviert.

Meinen Eltern kann ich in dieser Hinsicht keinen Vorwurf machen. Gegenüber sämtlichen Hobbies war man positiv gestimmt. Doch auch meine Eltern haben, unabsichtlich oder gewollt, dafür gesorgt, dass ich subtil ihre Wünsche bezüglich ihres Sohnes erfülle.

So wurden mir zu Weihnachten speziell männliche Geschenke à la Dampfmaschine oder LEGO-Technik gemacht, obwohl meine Begeisterung in der Hinsicht nicht gerade grenzenlos war. Eingeprägt haben sich mir Sprüche meiner Mutter wie: „Es ist wichtig für einen Jungen viel Sport zu treiben“.  Ist es denn nur für Jungen wichtig Sport zu treiben?

Extrem habe ich dies bei meiner Studienplatzwahl gemerkt. Während meiner Schwester weitgehend freie Wahl gelassen wurde und sie so ihr Studium der Kunstgeschichte und Philosophie begann, musste ich mich für jeden Studienwunsch in diese Richtung rechtfertigen. Von mir wurde erwartet etwas zu studieren, was meine Rolle als Familienernährer sicherstellt.

Abgesehen davon, dass ich jetzt nicht Literaturwissenschaften sondern BWL studiere, beginne ich meine kreative oder musische und sagen wir ruhig „weibliche“ Seite als großen Vorteil zu sehen. Nicht nur, dass ich auch ohne weibliche Begleitung Klamotten einkaufen gehen kann. Ab einem gewissen Alter wird man nicht mehr kritisch beäugt, wenn man sich für Kunst oder klassische Musik interessiert.  Viele Mädchen, gerade die Münchner Studentinnen schätzen es, auf einen Typen zu treffen, der auch anderes als Fußball und Autos im Kopf hat und mit dem man gemeinsame Interessen teilt.

Und keine Sorge, ich kann auch eine Ikea-Regal aufbauen, kenne mich mit Automodellen aus und würde gerne mal wieder, wie als kleiner Junge, auf Bäume klettern und keine Angst davor haben schmutzig zu werden.

Aber du doch auch, oder Honigmäulchen?

Dein Schnurzelburzel

 

 

 

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