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Der Serienguide: Morden im Land der Mitternachtssonne

Auf der Suche nach Serien-Nachschub?

Seit einigen Jahren wandelt sich die TV-Landschaft. Galt es früher noch als Todesurteil für die Karriere eines Schauspielers, wenn er vom Film zu einer Serie wechselte, toben sich die Darsteller mittlerweile sowohl auf den großen, als auch auf den kleinen Leinwänden aus. Doch nicht nur, dass Serien immer hochkarätiger besetzt werden, auch inhaltlich trauen sich die Produzenten immer mehr! Bei der Flut an neuen und grandiosen Serien kann man allerdings leicht den Überblick verlieren. Deswegen möchte ich euch regelmäßig einige Serienjuwele vorstellen, die ihr vielleicht noch nicht kennt. Dieses Mal geht es um:

Midnight Sun – Midnattssol

Früher oder später macht sich bei allen Studenten ein gewisser Widerstand gegen das eigene Fach breit, meist zuverlässig in der zweiten Semesterhälfte. Dann verfliegt allmählich das Interesse an den einzelnen Themen und Vorlesungen, während gleichzeitig die Prüfungsphase unerbittlich näher rückt. Dann ist Kreativität gefragt. Einigen reicht ein netter Kneipenbesuch mit Freunden, anderen der schnelle Shoppingrausch, um dem Alltag zumindest für einige Stunden zu entgehen. Wieder anderen ist das nicht genug, sie zieht es in die Ferne, zu fremden Ländern und Kulturen. An euch Reisehungrige, die den anstehenden Sommerurlaub gar nicht mehr erwarten können und gern um ein paar Wochen nach vorn verschieben wollen, richtet sich unser heutiger Serientipp, Midnight Sun. Ihre Handlung spielt vor Allem in und um Kiruna, einer kleinen Bergbaustadt nördlich des Polarkreises, wo grundliegend verschiedene Menschen und Kulturen vor der atemberaubenden Naturkulisse Lapplands aufeinandertreffen. Das friedliche Zusammenleben findet jedoch ein jähes Ende, als der brutale Mord an einem unscheinbaren französischen Touristen eine Welle der Gewalt lostritt und alte Wunden aufreißt.

Malerische Landschaft in Lappland zwischen Bergen und Sümpfen (c) pixabay

Wie der Plot setzt auch die Inszenierung auf das Fremde und Exotische, allerdings ohne dabei ins Klischeehafte abzugleiten. So wird die Szenerie der Serie von der überwältigenden Weite der endlosen kahlen Sumpfgebiete, Gebirge, Flüsse und Gletscher nördlich des Polarkreises geprägt. Die im Sommer monatelang ununterbrochen am Himmel stehende Midnattssol [=Mitternachtssonne] verstärkt den Eindruck von einer Welt, die ihren eigenen Gesetzen folgt und nicht mehr dem menschlichen Willen unterworfen ist. Die skandinavische Urbevölkerung der Sámi hat dieser Region den Namen Sápmi gegeben. Ihre Kultur zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Serie und wird sehr detailgetreu wiedergegeben, von der Verwendung zahlreicher samischer Symbole bis hin zum Auftritt bekannter samischer Aktivisten wie Sofia Jannok. Die Sámi bilden einen Pol im sich anbahnenden Konflikt. Dem gegenüber steht die gewaltige Mine Kirunas, in der bereits seit Generationen riesige Mengen an Eisenerz gefördert werden. Ihre tägliche Produktionsmenge entspricht dem Materialbedarf für sechs Eifeltürme, und mit ihr würde der Stadt jegliche Lebensgrundlage verloren gehen. Beide Parteien stehen sich hier unversöhnlich gegenüber, schwedische Minenarbeiter einerseits und samische Ureinwohner andererseits, die zerstörerische Ausbeutung der Natur und ihre Bewahrung. Diese gegensätzlichen Positionen legen den Grundstein für die Konflikte, die schließlich mehrere Tote fordern und Kiruna an den Rand des Untergangs bringen.

Anders Harnesk (Gustaf Hammarsten) und Kahina Zadi (Leïla Bekhti) auf Mörderjagd (c) Ulrika Malm/Photo numérique/SVT

Der grausame Tod des französischen Staatsbürgers Pierre Carnot (Denis Lavant) bildet dabei den Auftakt der in Midnight Sun erzählten Handlung und zieht die französische Polizistin Kahina Zadi (Leïla Bekhti) in die lappländischen Auseinandersetzungen hinein. Gemeinsam mit dem schwedischen Staatsanwalt Anders Harnesk (Gustaf Hammarsten) stellt sie sich der Aufgabe, den Mörder ihres Landsmannes zu finden. Rasch steigt die Zahl der Opfer an, während die Sámi zunehmend in Verdacht geraten: Viele der Morde wurden mit Hilfe unterschiedlicher Naturgewalten verübt, an den Tatorten werden samische Symbole und Kultgegenstände hinterlassen. Möchte sich der samische Täter also für die Entrechtung seines Volkes und die Zerstörung von Kulturstätten rächen? Oder versucht jemand vielmehr aus rassistischen Motiven, den Verdacht gezielt auf die Sámi zu richten, um so einen Rassenkonflikt auszulösen? Als sich abzuzeichnen beginnt, dass der Täter eine Todesliste mit 22 Namen abarbeitet und niemand vor ihm sicher ist, droht die Situation endgültig zu eskalieren.

Wem wohl dieser mysteriöse Schädel gehört? (c) SVT

Dabei schafft es die Serie, die sehr lebhafte und realistische Charakterisierung der Figuren nicht zu vernachlässigen. Gemäß der skandinavischen Krimitradition werden stattdessen Täter, Opfer und Ermittler lebendig und ambivalent geschildert und durchleben tiefgreifende persönliche Entwicklungen. So wird mit Hilfe des Nordic Noir die Kulisse für das eigentliche Drama mit all seinen gesellschaftlichen und menschlichen Konflikten perfekt aufbereitet und verleiht der Geschichte Tiefe und eine große Schlagkraft. Die behandelten aktuellen Themen Rassismus und misslungener Pluralismus erhalten auf diese Weise die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, auch wenn die Serie freilich keine Lösung dafür anbieten, sondern nur auf sie hinweisen kann. Es lohnt sich also, sich dem unkonventionellen Achtteiler Midnight Sun für einige Stunden zu widmen. Die Serie ist ein kleines Fenster in eine große, unbekannte Welt, und somit für jeden zu empfehlen, dem zu Hause gerade die Decke auf den Kopf zu fallen droht.

Sebastian Schindlbeck