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Vegetarierin vs. Fleischesserin

Liebe Fleischesserin,

darf ich dich kurz beim Verspeisen deiner Leichenteile stören? Das Schnitzel-Massaker auf deinem Teller erweckt in mir das dringende Bedürfnis, mich erst zu übergeben und dann zu einer Predigt anzusetzen, die dich restlos bekehren und von den Fesseln des Fleischkonsums befreien wird. Komm, erhebe dich von der Schlachtbank und folge mir in den heiligen Tempel des Gemüses! Lege Rechenschaft ab vor dem Zucchini-Gott, beichte deine Sünden dem Schutzpatron der Tiere, flehe die Geister der von dir gegessenen Kühe, Schweine, Hühner und Schafe um Vergebung an und lass dir schließlich mit der für Vegetarier geeigneten Gemüsebrühe das unnütz vergossene Blut von den Händen waschen.

Mal im Ernst. Es mag ja sein, dass die Anatomie des Homo sapiens sapiens uns als Allesfresser ausweist. Aber das muss noch lange nicht heißen, dass du, liebe Fleischesserin, dir auch wirklich alles Essbare gedankenlos in die Luke stopfen musst. Eine vegetarische Ernährung hat viele positive Auswirkungen auf die Gesundheit, indem sie zum Beispiel einem zu hohen Blutdruck oder Cholesterinspiegel vorbeugt sowie Gewichtsprobleme verhindern kann. Bestimmt schleuderst du mir gleich trotzdem das uralte Argument entgegen, dass Fleisch viele Nährstoffe hat, die der Mensch nun mal braucht. Natürlich wäre der Verzehr von Fleisch am einfachsten. Aber wenn du ein bisschen über deinen fleischüberladenen Tellerrand hinweg recherchieren würdest, könntest du auch genügend Alternativen finden. Eiweiß befindet sich auch in Getreide, Kartoffeln und Hülsenfrüchten; Vitamin B12 ist auch in Milchprodukten enthalten (oder kann im Fall einer veganen Ernährung auch durch geeignete Präparate ersetzt werden); Linsen, Bohnen und Erbsen enthalten viel Eisen, genauso wie eine Reihe bestimmter Gemüsesorten. Man muss nur ein bisschen kreativ sein und sich informieren.

Der Verzicht auf Fleisch hat natürlich nicht nur einen gesundheitlichen, sondern vor allem auch einen ethischen Aspekt, liebe Fleischesserin. Durch den Kauf von billigem Fleisch, unterstützt du aktiv Massentierhaltung und das damit verbundene Leid und Elend der Tiere. Aber selbst wenn du darauf achtest, nur Bio-Fleisch von „glücklichen“ Tieren zu konsumieren, befürwortest du trotzdem die Idee, dass Tiere allein für den Nutzen des Menschen erst „produziert“ und dann getötet werden. Ich finde es höchst unverständlich, wie du, meine liebe Tiermörderin, das mit deinen Moralvorstellungen vereinbaren kannst. Zudem lässt sich bei dir und deinen fleischessenden Genossen oft eine perfide Doppelmoral erkennen: Hunde, Katzen und andere typische Haustiere findet ihr ja so süß und niedlich. Selbst wenn ihr ein Kälbchen oder ein Lämmchen auf Facebook oder Instagram rumhopsen seht, verteilt ihr Abermillionen von Likes für das kleine Geschöpf. Dann legt ihr das Handy weg und verspeist ein Kalbsteak oder ein Lammkotelett. Wie geht das denn bitte zusammen?

Zu guter Letzt muss ich jetzt auch noch die Umwelt ins Spiel bringen, um meinen Status als predigenden Gutmenschen zu vervollständigen, bevor ich dich zu deinem verteufelten Schnitzel zurückkehren lasse. Die Produktion von Fleisch hat katastrophale Auswirkungen auf das Klima. Bei der Haltung von Rindern zum Beispiel entsteht durch die Verdauung von Futter Methan und bei der Felddüngung mit Gülle schließlich Lachgas. Laut dem Umweltbundesamt ist Methan 25 Mal schädlicher als Kohlendioxid, bei Lachgas liegt dieser Wert sogar bei 300. Außerdem verbraucht die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch weltweit durchschnittlich 15.415 Liter Wasser, und die Menge an verfüttertem Getreide könnte stattdessen auch 3 Milliarden Menschen satt machen. Wenn du, liebe Fleischesserin, also auf Fleisch verzichten könntest, gäbe es weniger pupsende Kühe, die uns das Klima versauen, genauso wie weniger hungernde Menschen und mehr Wasser. Aber Hauptsache ich muss ständig meine Ernährungsweise rechtfertigen.

Deine demonstrativ in eine Möhre beißende Vegetarierin

… und die Antwort:

Liebe Vegetarierin,

nicht aufregen, sonst verschluckst du dich noch an deinem Sellerie. Außerdem ziehen deine Argumente bei mir nicht. Ich habe solche Möchtegern-Predigen schon tausende Male über mich ergehen lassen und mein Gott, es langweilt mich nur noch. Denkt ihr auch mal etwas weiter? Wohl nicht, denn ihr seid zu sehr damit beschäftigt andere bekehren zu wollen und euch als Retter der Welt anzupreisen. Aber erstmal zu eurem Klischeedenken: Wieso werden wir Fleischesser immer dargestellt, als wären wir egoistisch, uninformiert und würden uns NUR genüsslich in Bergen von Fleisch wälzen? Das ist derart übertrieben und einfältig, dass es mich schon amüsiert, wie kleinkariert du doch denkst. Ich streite nicht ab, dass es Menschen gibt, die einen wirklich übertriebenen Fleischkonsum haben, aber das ist NICHT die Norm. Um jetzt auch mal an eurem angeblichen Heiligenschein zu kratzen: Wie viele Mücken, Spinnen, Mäuse oder sonstige Tierchen habt ihr denn so trotz eurer „ach so vorbildlichen Ernährung“ auf dem Gewissen? Und was ist mit dem Tragen von Schuhen aus echtem Leder oder Make-Up, das durch Tierversuche getestet wurde? Mal ganz abgesehen von der Milch, die ihr genauso trinkt wie wir und die von Kühen kommt, die auf unnatürliche Art dazu gebracht werden diese zu produzieren. Diese Aspekte bedenkt nämlich auch nicht jeder von euch. Und das ist dann heuchlerisch und inkonsequent. Also wenn schon Vegetarier, dann bitte richtig!

Im Endeffekt sind wir alle auch nur Tiere und unterliegen dem Gesetz „Fressen und gefressen werden“, mit dem kleinen Unterschied, dass wir ganz oben in der Nahrungskette stehen. Und das, so wie alle Errungenschaften der Menschheit, verdanken wir im Übrigen dem Essen von Fleisch. Denn ohne Fleisch, hätten wir unser Gehirn nicht in diesem Ausmaße entwickeln können und stünden nicht da, wo wir heute sind. Und sag mir jetzt nicht, dass du das nicht toll findest. Das ist Biologie! Wir sind Allesfresser! Es gibt nichts Natürlicheres! Viele Tiere haben auch andere Tiere auf ihrem Speiseplan. Wollt ihr den nun auch verbieten Fleisch zu essen? Wo kommen wir denn da hin? Ich höre dich schon erneut aufschreien: „Aber vegetarische Ernährung ist viel gesünder und es gibt genug Alternativen.“ Bla bla bla… Um es mal klarzustellen: Bis jetzt gibt es keine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass vegetarische Ernährung gesünder ist. Es mag vielleicht genügend Alternativen geben, aber diese weisen entweder nicht die notwendige Nährstoffdichte auf oder können nicht effizient genug verwertet werden. Wenn überhaupt. Vegetarische Ernährung führt zudem nicht selten zu Mangelerscheinungen. Das sagen selbst Experten und raten deshalb auch davon ab. Der Evolutionsbiologe Josef Reichholf betont sogar, dass es gefährlich sein kann auf Fleisch ganz zu verzichten. Beispielsweise kann es dadurch passieren, dass der weibliche Körper nicht fähig ist ein Kind im Mutterleib zu versorgen. Weitere Nebenwirkungen können Schlafstörungen, Blutarmut, Muskelschwund oder Herzinsuffizient sein. Fakt ist also: Viele Nährstoffe können durch pflanzliche Quellen nicht im notwendigen Maße bereitgestellt und ideal verarbeitet werden. Okay, Vegetarier mögen vielleicht länger leben, aber das liegt nicht am Verzicht auf Fleisch, sondern weil diese Menschen generell einen gesünderen Lebensstil haben. Das hat also nichts direkt mit Fleisch zu tun. Natürlich sterben weniger Tiere, wenn diese von Leuten wie euch nicht auf dem Teller gewollt sind, aber auch hier hast du nicht ganz zu Ende gedacht. Denn, auch wenn ihr auf Fleisch verzichten mögt: Pflanzen sind auch Lebewesen! Und so schlecht geht es den Tieren nun auch wieder nicht. Ich habe mich selber auf einem Hof mit Massentierhaltung davon überzeugen können, dass dort kein Tier leidet. Ganz im Gegenteil. Sie werden sogar sehr gut behandelt, da mit ihnen ja Geld verdient wird. Ja, sie hatten sogar Spielzeug und mehr Platz als vorgeschrieben ist. Es gibt auch extra Initiativen, die den Bauern helfen das Wohl der Tiere darüber hinaus zu verbessern. Und um es mal festzustellen: Bei den paar asozialen Unmenschen da draußen, die profit-geil die Gesetze und Richtlinien missachten, juckt es uns Fleischessern auch in der Faust. Wir liebe Tiere auch außerhalb unseres Teller.

Und nun zu deinem Umweltkram: Was du mir da alles an den Kopf geworfen hast will ich gar nicht abstreiten, aber hast du dir schon mal folgendes überlegt: Würden wir alle so leben wie du, dann gäbe es kaum Viehmist, den wir zum Düngen der vegetarischen Produkte bräuchten. Oder willst du auf Chemie ausweichen? Und wusstest du, dass man zwei Drittel der weltweit genutzten Flächen nicht für den Ackerbau nutzen kann? Würden wir diesen Platz nicht nutzen wäre das verschwendetes Potential. Das wäre Fleisch, das hilft, dass nicht ganz so viele Menschen hungern müssen. Wenn wir also irgendwo CO2 einsparen wollen, dann sollten wir mal mehr unseren Hintern bewegen, statt das Auto zu nutzen und dafür den Kühen ihren Platz auf den Weiden lassen. Und falls doch mal Kühe auf den Ackerflächen stehen, dann reg dich nicht gleich auf, sondern bedenke, dass es hilft die Böden gesund und nährstoffreich zu halten. Sonst wäre dein Fraß nämlich bald nicht mehr so gut. Monokulturen und so, hast du sicher schon mal gehört. Genau genommen ist unser Ökosystem ohne Tierhaltung irgendwann am Ende. Wenn man Weidenhaltung dann noch richtig anpasst, kann das CO2 sogar gebunden und gegen den Anstieg effektiv genutzt werden. Jetzt bist du baff, oder?

Aber kommen wir mal endlich zu eurem eigentlichen Problem. Denn das sind nicht wir, die Fleisch essen, sondern die, die in der Politik und in der Wirtschaft ihre Hände im Spiel haben. Ihr Vegetarier zeigt gerne mit dem Finger auf uns, dabei ist die milliardenschwere Lebensmittelindustrie der wahre Übeltäter. Warum die Welt ist wie sie ist? Weil es in diesen Bereichen zu viele geldgierige Idioten gibt. DIESE Menschen handeln egoistisch und ohne Rücksicht. Dort, an der Wurzel des Übels, sitzen die Strippenzieher. Sie subventionieren das Fleisch, manipulieren uns, fördern nachhaltige Maßnahmen zu wenig bis gar nicht und beschließen Gesetze zu ihrem Gunsten. Und wir als kleine Bürger, egal ob Vegetarier oder Fleischesser, sitzen am kürzeren Hebel. Wir sollten die Mächte über uns mehr infrage stellen, statt uns gegenseitig anzugreifen. Ihr etwas radikaler, während wir bewusst und nachhaltig Fleisch konsumieren. Und falls dich das alles immer noch nicht beruhigt, dann sei dir noch folgendes gesagt: Egal, wie die Sachlage und die Fakten nun aussehen mögen, am Ende bleibt es die Entscheidung eines jeden einzelnen. Frei nach dem Motto: Leben und leben lassen. Solange man nicht jeden Tag Fleisch isst und jeder auf Qualität und Nachhaltigkeit achtet, ist doch alles gut. Im Endeffekt bleibt euch aber auch nichts anderes übrig als es hinzunehmen. Ihr denkt zu schwarz weiß. Aber das hier ist keine entweder oder Situation, sondern ein natürlicher Zustand. Das Problem liegt nicht bei den Menschen die Fleisch essen, sondern tiefer in der Politik und Wirtschaft. Jedenfalls genieße ich jetzt mein Schnitzel und stelle mir dabei genüsslich vor, wie ihr wohl um ein Stück Fleisch betteln würdet, wenn die Menschheit in irgendeinem apokalyptischen Szenario nichts mehr zu Essen hätte, aber jemand in der letzten Ecke noch eingeschweißte Würstchen finden würde.

Wohl bekomm‘s!

Deine Fleischesserin

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