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Spielkinder im Schnee

Wie ich den ersten Schneetag in Vancouver erlebte

 

Gestern bin ich seit Langem mal wieder auf die Nase gefallen. Wörtlich. Also eigentlich bin ich auf Knie und Hände gefallen, also vielleicht doch nicht wirklich wörtlich auf die Nase – aber doch ganz real und auch ein bisschen schmerzhaft hingefallen! Schuld war die etwas zu späte Feststellung, dass der schmale Gehweg, auf dem ich unterwegs war, zu dieser spezifischen Abendstunde schon gefroren war. Verdutzt rappelte ich mich vom harten Asphalt auf, blickte mich schnell um ob jemand meinen kleinen, unnötigen, doch eher peinlichen Sturz gesehen hatte und begann dann die übliche Bestandsaufnahme: Keine Kratzer, keine Schürfwunden, Lieblingsjeans zum Glück noch heil, nur zwei blaue Flecken an den Knien. Kein Grund zur Sorge, dachte ich, und setzte meinen Weg – vorsichtig diesmal – fort.

 

Dass eine solche Außentemperatur, die gefrorene Straßen und Gehwege hervorrufen kann, theoretisch auch Schnee bedeuten könnte, das kam mir gestern überhaupt nicht in den Sinn. Das wurde mir erst bewusst, als ich heute Morgen die Jalousien meines kleinen, gemütlichen Wohnheimzimmers öffnete und ungläubig auf die unter gefühlt zehn Zentimeter Neuschnee begrabene leere Baustelle und die beiden schneebedeckten Tannen vor meinem Fenster blickte. Schnee in Vancouver, das gab’s höchsten alle paar Jahre und wenn dann im Januar oder Februar – selbst hier oben auf dem Burnaby Mountain, wo die Simon Fraser University liegt, an der ich gerade mein Auslandssemester abschließe, ist Schnee eher eine Seltenheit. Das erzählten mir zumindest die Kanadier.

Zwischen dem Recreation Center und dem Shell House – meinem Wohnheim – sind Bäume und Büsche unter der weißen Pracht begraben. (c) Stephanie Berens

Die Uni verfällt in einen Dornröschenschlaf

Den Burnaby Mountain, der schlappe 370 Meter hoch ist, als Berg zu bezeichnen, klingt für jemanden, der mit den Alpen vor der Haustür aufgewachsen ist, doch eher übertrieben. Nichtsdestotrotz ist der Berg/Hügel anscheinend doch steil genug, um Bussen und Autos eine ordentliche Rutschpartie zu vergönnen und die gesamte Universität in den Ausnahmezustand zu versetzen: Sämtliche Kurse und Klausuren wurden abgesagt, der Busverkehr wurde zeitweise eingeschränkt, alle Büros und Dienste waren geschlossen, selbst Starbucks hatte zu. Auf Facebook und Twitter machte ein Video aus Montreal die Runden, in dem Busse und Autos ineinander schlitterten und sich am Schluss sogar ein Polizeiwagen zu dem Blechhaufen gesellte – währenddessen sperrte die Royal Canadian Mounted Police abends die Zufahrten zur Uni ab und besiegelte damit das Gefühl der Abgeschnittenheit von der Außenwelt.

 

Gerade dieser Ausnahmezustand hat mich heute aber komplett fasziniert: Der ganze Campus hat sich in einen Spielplatz verwandelt, und wir bierernsten Studenten in kleine, quirlige Kinder. Überall liefen warm eingepackte Leute mit einem dicken Grinsen im Gesicht und leuchtenden Augen herum, Schneemänner und Schneetiere wurden mit großem Eifer gebaut, Schneeballschlachten veranstaltet, und sogar Hügel runtergerutscht. Seit Wochen hatten wir alle nichts anderes im Kopf als die nächste Klausur, die nächste Hausarbeit, das nächste Gruppenprojekt. Wüster Schlafmangel zeichnete sich in jedem Gesicht ab, dem man begegnete, Fragen nach dem Wohlbefinden wurden stets mit einem resignierten Augenrollen und der Liste der noch bevorstehenden Prüfungen beantwortet. Irgendwie schienen sich alle durch diese letzten Wochen des Semesters zu quälen, die Augen nur noch auf das Ziel gerichtet, das es zu erreichen galt – die Endphase einfach nur zu überleben, möglichst geistig und körperlich in einem noch akzeptablen Zustand. Aber heute war das alles anders: Der Schnee war Ausrede genug um Laptop und Lehrbücher getrost stehen zu lassen, und sich mit Mütze, Schal und Handschuhen bewaffnet in das kalte, weiße Vergnügen zu schmeißen.

Vom Burnaby Mountain Park aus hat man eine hervorragende Sicht auf den Stanley Park und die Lions Gate Bridge, die nach North Vancouver führt. (c) Stephanie Berens

Ich kann mich nicht wirklich dran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so frei und so wie ein Spielkind gefühlt habe. Ich bin vergnügt durch den Schnee gestapft, habe die verschneiten Bäume im Wald bewundert, unseren sonst so grauen und verregneten Campus bestaunt, der heute wie von einem weißen Zauber in Atem gehalten wurde und eine solch friedliche Atmosphäre hatte wie noch nie. Ich hab einen Schneebären gebaut, mit Freunden abends im Burnaby Mountain Park spontan eine vorgefertigte Schlittenpiste und die dazu passende Plastikmatte zum rutschen gefunden, ich hab gequietscht und gelacht, hab die anderen mit Schneebällen beworfen und einen ordentlich Anteil davon zurückbekommen. Ich glaube, dieser Tag hat uns allen das Ende des Semesters gerettet. Und uns daran erinnert, dass wir auch im bitteren Ernst des Lebens und des Studiums und überhaupt einfach mal wieder im Schnee spielen gehen sollten.

Stephanie Berens