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Er fragt – Sie fragt

Sie fragt Ihn – Spießigkeit

Unsere beiden Autoren eint ein Wunsch: Das andere Geschlecht zu verstehen. “Schnurzelburzel” und “Honigmäulchen” stellen sich in dieser unikaten Serie regelmäßig Fragen, deren Antworten die Gemütslagen, Vorstellungen und Gedankengänge des anderen Geschlechts erhellen sollen. Diese Woche:

 Wie stellst du dir dein Leben in 15 Jahren vor? Spießig oder nicht spießig?

Mein liebstes Honigmäulchen,

mein pubertäres Ich würde sich gar nicht erlauben über deine Frage tiefer gehend nachzudenken und mit überzeugter Stimme behaupten: „Bloß nicht spießig!“

Früher war ich der unverbesserlichen Überzeugung, dass ein Leben, welches unserer Vorstellung nach als spießig gilt, kein glückliches Leben sein kann. Der Begriff spießig weckt sicher in den meisten Köpfen Bilder eines von geistiger Einengung und einem nach gesellschaftlichen Normen ausgerichteten Lebens. Oder  es erscheinen Jägerzäune und Jack Wolfskin-Jacken in unseren Köpfen. Mein Musiklehrer am Gymnasium pflegte zu sagen :“Noch seid ihr lecker, bald seid ihr Spießer.“

Zugegebenermaßen ein etwas merkwürdiger Spruch. Er bringt jedoch die drohende Gefahr einer jeden Generation gut auf den Punkt. Die Jugend wird irgendwann selbst spießig. Zumindest ein Großteil.  Und das stimmt sicherlich. Die Grünen gelten ja auch als neue Union. Und die Hipsterfamilien in Haidhausen und im Prenzlauer Berg symbolisieren den Neo-Biedermeier des 21. Jahrhunderts.

Einbauküche statt Abrüstung. Thermomix statt Anti-Nato-Demo.

Ich habe mir auch überlegt, was denn das Gegenteil wäre. Will ich den Rest meines Lebens die Wochenenden in Techno-Clubs verbringen? Oder in Batik-Klamotten in der Kaufingerstraße Flyer für eine hinduistische Sekte verteilen? Oder gar jedes Wochenende mit Jugendlichen am Lagerfeuer die Internationale grölen? Ach nein, liebes Honigmäulchen. Da strebe ich schon eher nach bürgerlichen Idealen.

Sicher beeinflussen mich auch gesellschaftliche Konventionen und in Hollywood-Streifen propagierte Lebensentwürfe.  Doch in meinem Träumen tauchen immer öfter eine Familie mit drei bis vier Kindern, ein großes Haus und Hund auf. Je intensiver ich mich mit meinem Studium beschäftige, desto mehr könnte ich mir auch vorstellen später richtig Karriere zu machen und eine Firma zu leiten. Einem Segelboot oder schöner Kunst an den Wänden wäre ich auch nicht abgeneigt. Ist das spießig? So stehen diese Ideale doch auch für Komfort, Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Sie unterstreichen für mich zentrale Aspekte meines Lebens wie Familienzusammenhalt, Tradition und Selbstverwirklichung.

All dies muss nicht spießig sein. Hauptsache, man setzt keine Scheuklappen auf, bleibt weiterhin tolerant und verfälscht nicht seine eigene Identität. Und hinterfragt auch ab und zu den eigenen Lebensstil, Konsum und Erziehung. Sind die Früchte die ich aus meinem Leben ernte wertvoll und einmalig? Oder bin ich austauschbar geworden? Eine Marionette?

Und so werde ich hoffentlich  auch in 15 Jahren gerne mal zu Techno feiern oder auf eine Demo gehen. Gerne mache ich aber auch einen Sonntagsspaziergang mit dir und fahre unsere Kinder zum Klavierunterricht.  Ich hoffe du kannst dir jetzt eine Zukunft mit mir noch besser vorstellen.

Dein Schnurzelburzel

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