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Der UniKater – Streifzüge durch Münchner Geschichten

Kollektive Verstörung vor dem Prüfungsamt

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Es ist bitterkalt draußen. Über Nacht hat es geschneit, die Dächer der Häuser und der Autos sind mit einer flockigen weißen Schicht überzogen. Die Menschen haben sich in dicke Mäntel gehüllt, die Mützen und Kapuzen sind tief in die Stirn gezogen, die rot gefrorenen Nasenspitzen vergraben sie in ihren Schals. Feste Stiefel stampfen durch den nassen Matsch, der sich auf den Gehwegen gebildet hat. Ich hab weder Mantel, noch Mütze noch Stiefel. Die kleinen Schneeflocken, die vom Himmel herunterwirbeln legen sich ganz sanft auf mein Fell. Ärgerlich schüttele ich mich, bevor das Weiß bis auf meine Haut durchsickert und ich anfange noch mehr zu frieren als eh schon. Meine Samtpfoten frieren auf der Straße fast fest. Höchste Zeit, sich ein warmes Plätzchen zu suchen.

Ich tapse durch die Amalienstraße, immer schön nah an den Hauswänden entlang, um dem beißenden Wind zu entgehen. Vor einer Druckerei mache ich Halt. Ob ich mich unbemerkt durch die Tür schleichen und mich neben so ein warmes, brummendes Kopiergerät setzen kann? Doch durch die Glasscheibe der Tür erkenne ich drinnen regen Betrieb. Und das um 9 Uhr morgens. Junge Menschen mit tiefen Schatten unter den Augen und nervösem Blick stehen an einem langen Tisch und blättern hektisch in den Papierstapeln, die vor ihnen liegen. Die Angestellten der Druckerei laufen von einem zum anderen, verschwinden zwischendurch in einem Hinterraum und bringen schön gebundene Papierstapel wieder heraus. Seltsamer Auflauf. Ich beschließe, dass mir das zu viel Publikum für mein Vorhaben ist und laufe weiter.

Der UniKater ist auf der Suche nach einem warmen Plätzchen – ob er an der Uni wohl fündig wird? © Sophie Obwexer

Auf der anderen Straßenseite steht das große Unigebäude mit den imposanten Marmortreppen und Statuen innen drin. Vielleicht finde ich dort eine geschützte Ecke, in der ich ungestört ein Nickerchen machen kann? Ich warte ab, bis der nächste Student die schwere Holztür aufreißt und flitze dann zwischen seine Beine durch und in das Gebäude. Im Moment ist alles leer. Ich springe flink eine Treppe hinauf, passiere eine offene Tür, schleiche einen langen Gang entlang und befinde mich plötzlich in einem großen, hellen Hof, in dem ein geschmückter Weihnachtsbaum steht. Hochinteressant! Ich teste die Brauchbarkeit des Baumes als Schlafplatz und schnuppere an einem der unteren Äste. Doch irgendetwas pikst mich auf einmal heftig in meine empfindliche Nase. Erschrocken mache ich einen großen Satz, beäuge den Baum misstrauisch und mache mich lieber vom Acker.

Auf der Treppe gegenüber vom Baum-Monster laufen Menschen gerade nach oben. Bei dem Wetter suchen die bestimmt auch einen warmen Platz, denke ich mir, und nehme die Verfolgung auf. Treppe rauf, um die Ecke, in ein Treppenhaus, noch weiter rauf, durch eine Tür, nochmal um die Ecke – und plötzlich befinden wir uns in einem sehr breiten Flur. Vor einer großen, schweren Holztür, auf der in goldenen Lettern das Wort „Prüfungsamt“ steht, hat sich eine Gruppe Menschen versammelt. Sie sehen kollektiv verstört aus, ähnlich wie die in der Druckerei. Bleich, nervös, als hätten sie tagelang nicht geschlafen, und alle mit zwei sorgfältig gebundenen Papierstapeln in der Hand. Ich ducke mich unter einen der Stühle, die im Flur stehen und luge vorsichtig zu der Gruppe hinüber.

Einer nach dem anderen passiert die große Tür, verschwindet für einige Minuten und kommt ohne Papierstapel, dafür mit einem leicht verwirrten, aber glücklichen Strahlen im Gesicht wieder heraus. Seltsam. Dieses Prüfungsamt muss transformatorische Kräfte besitzen. Vielleicht sollte ich das auch mal versuchen? Ob die da drin auch Verwandlungen von eiskalt zu kuschelig-warm durchführen? Bevor ich jedoch einen Schlachtplan entwerfen kann, wie ich unbemerkt durch die Tür huschen könnte, merke ich jedoch wie meine Augenlider langsam schwerer werden. Dieser Platz unter dem Stuhl ist gar nicht so übel. Also lege ich meinen Schwanz um meine Pfoten, bette meinen Kopf darauf und schlafe ein, begleitet vom Takt der auf- und zugehenden Tür und dem leisen Gemurmel der glücklichen Studenten.

Bis bald! Euer UniKater

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