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Was das Leserattenherz begehrt

Ein Besuch auf dem Lisar-Bücherflohmarkt

An diesem Samstag ist die Isarpromenade zwischen Maximiliansbrücke und Luitpoldbrücke ungewöhnlich belebt. Im einladenden Schatten der Bäume, die Zuflucht vor der sommerlichen Hitze spenden, reiht sich ein Tapeziertisch voller Bücher an den anderen. Manche der Waren sind auch auf Decken ausgebreitet oder stehen in Pappkartons, alten Lederkoffern oder sogar ordentlich zurechtgefalteten Ikea-Tüten.

Kleine, selbstgebastelte Schilder weisen auf die Preise hin – meist ein bis zwei Euro für Taschenbücher, zwei bis drei Euro für gebundene Werke. Ein junger Mann hat sich in einem überdimensionalen, dunkelblauen Sitzsack ausgebreitet. Manche Buchverkäufer haben Liegestühle mitgebracht, in denen sie gemütlich sitzen und zu den vorbeilaufenden Kunden hinaufblinzeln. Eine Frau mit roten Haaren und gelbem T-Shirt sitzt zusammengekauert auf einem Hocker vor ihrer Bücherdecke und strickt.

Die im leichten Wind flatternden orangefarbenen Luftballons und die großen weißen Banner, die hier und da zwischen den Bäumen gespannt sind, verraten, dass gerade der Lisar-Bücherflohmarkt stattfindet. Lisar – Lesen an der Isar – ist ein Projekt, das vor sechs Jahren von einigen Münchnerinnen gegründet wurde und nun schon in die dreizehnte Runde geht.

Die Inspiration für den Lisar-Bücherflohmarkt stammt von den berühmten Bouquinisten in Paris. © Stephanie Berens

Pro Tapeziertisch zahlen die Verkäufer zehn Euro, kleinere Tische und Decken kosten fünf Euro. Angefangen hat der Flohmarkt mit acht Ständen, mittlerweile sind es schon über hundert. „Die genaue Zahl weiß ich gerade auch nicht. Nach der neunzigsten Anmeldung sind uns die Quittungen ausgegangen,“ erzählt Johanna, die ihren Nachnamen nicht im Internet lesen möchte. Die freundlich lächelnde Dame mittleren Alters steht hinter einem langen Tisch, auf dem sich die Bücher nur so stapeln. Ein kleines Plastikschildchen an ihrer Bluse weist sie als Mitorganisatorin des Lisar-Bücherflohmarkts aus. Neben ihrem Tisch steht ein dunkelgrün bemalter Klappstand, der an die Verkaufsstände der Bouquinisten in Paris erinnert. Diese Stände entlang der Seine waren auch die Inspiration für den Bücherflohmarkt.

Mundpropaganda ist vor allem wichtig

Auf die Frage, was man denn alles bräuchte, um so ein Projekt auf die Beine zu stellen, überlegt Johanna kurz und antwortet dann schlicht: „Gute Freunde.“ Aber auch um Versicherungen muss sich gekümmert werden, genauso wie um die Genehmigung von der Stadt. „Das erste Mal mussten wir schon Überzeugungsarbeit leisten, damit die auch sehen, dass man wieder aufräumt und solche Sachen, aber mittlerweile werden wir da sehr unterstützt,“ schaltet sich Andrea ein, die neben Johanna am Stand steht und deren Nachname ebenfalls unerwähnt bleiben soll. Die kräftige Frau hat die dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebändigt, vor ihrem Bauch baumelt eine Kamera. Mit der fängt Andrea die besten Augenblicke für die Website des Flohmarkts ein. Außerdem kümmert sie sich um die Lisar-Facebookseite. „Die Mundpropaganda ist vor allem wichtig“, meint sie.

Wie erfolgreich die Mundpropaganda ist, zeigen die knapp 2000 Likes, die Lisar auf Facebook hat. Weniger genau festlegen lassen sich die tatsächlichen Besucherzahlen – Andrea schätzt sie auf etwa 1500 bis 2000. Trotz der vielen anwesenden Verkäufer und Kunden ist es erstaunlich still auf der Widenmayerstraße. Neben dem Rauschen des Straßenverkehrs auf der einen und der Isar auf der anderen Seite ist fast nichts zu hören.

Die Auswahl an Büchern kennt keine Grenzen

Zweimal im Jahr findet man auf dem Lisar-Bücherflohmarkt alles, was das Leserattenherz begehrt: Von Romanen und altbekannten Klassikern über Kinderbücher aus allen Jahrzehnten, Donald-Duck-Comichefte, Kochbücher, Reiseführer, Garten- und Lebensratgeber bis hin zu Atlanten und antiquarischen Wälzern.

Zur letzten Kategorie zählt auch der in dunkelbraunen Stoff gebundene Band „Kochkost und Rohkost des Nieren-Blasenkranken“. Dieses Werk ist am Stand von Willi Höning zu finden, der eigentlich einen recht gesunden Eindruck macht. Der hagere, ältere Herr erklärt auf bayerisch, dass er zwar zum ersten Mal auf dem Lisar-Flohmarkt verkaufe, seine Bücher dieses Jahr aber auch schon anderswo angeboten hat. „Ich war heuer schon in Ismaning. Da zahlt man nichts, aber da kommt halt auch keiner. Hier ist’s dafür mit Parken schlecht.“ Deshalb ist Höning mit der U-Bahn gekommen, seine Bücher hat er in Kisten auf einer Sackkarre gestapelt. Der Rest fand in einer großen Reisetasche Platz. „Da geht schon einiges rein,“ meint er.

Auf dem Lisar-Bücherflohmarkt darf alles verkauft werden, was gedruckt ist. © Stephanie Berens

Die Menge an Büchern, die an diesem Tag in die Widenmayerstraße geschleppt wurde, ist durchaus beachtlich. Eine Verkäuferin kann sogar genaue Gewichtsangaben machen: „320 Kilogramm Bücher stehen hier. Das weiß ich, weil ich mit jeder einzelnen Kiste auf der Waage stand. Ich musste ja sichergehen, dass mein Auto das überhaupt packt.“ Ihren echten Namen möchte auch sie nicht in den Medien lesen. „Schreiben Sie einfach Daisy Maier, so heiße ich immer in der Zeitung,“ winkt sie ab.

Die Bayerin im bunten Sommerkleid, die graublonden Haare zum lockeren Pferdeschwanz zusammengefasst, hat ihren Stand direkt an der Maximiliansbrücke. Der lange Tapeziertisch biegt sich fast unter dem Gewicht der prall gefüllten Kisten. Auf dem Boden stehen weitere Kartons, in denen die Bücher ordentlich, mit dem Buchrücken nach oben, aufgereiht sind. Selbst die Buchtitel sind alle in die selbe Richtung ausgerichtet. „Ich hab die alle gelesen, das sind alles meine“, sagt Maier und deutet stolz auf ihre Waren.

Der Flohmarkt hält immer unerwartete Schätze parat

Zum fünften Mal verkauft sie schon auf dem Lisar-Bücherflohmarkt und ist immer noch begeistert. „Es macht irrsinnig Spaß, weil da Leute sind, die mit Büchern auch wirklich was anfangen können.“ Immer wieder beugt sie sich über den Tisch und berät ihre Kunden, die neugierig in ihren Schatzkisten stöbern. So zum Beispiel auch Peter Fuhr. Wie oft er schon diesen Flohmarkt besucht hat, weiß er nicht genau – drei oder vier Mal werden es gewesen sein. Der schlaksige Mann mit den lachenden Augen genießt die angeregten Gespräche mit den Verkäufern, ist aber auch bei jedem Besuch von der angebotenen Ware fasziniert. „Es gibt eine sehr gute Auswahl, von Taschenbüchern bis hin zum Antiquarischen. Man macht oft überraschende Funde, nach denen man gar nicht gesucht hat.“

Daisy Maier war inzwischen erfolgreich – eine Kundin verlässt mit zufriedenem Lächeln den Stand, den neuen Lesestoff packt sie sorgsam in ihre Tasche. Nicht nur die Menschen, die sie auf dem Flohmarkt trifft, begeistern Maier, auch der Umsatz lässt sich sehen. „Hier verkauft sich viel mehr als auf einem normalen Flohmarkt, da gibt es richtige Sammler, die hier nach Büchern suchen.“ Bei all ihrer Leidenschaft für Bücher, ist es da nicht schwierig, sich von den heißgeliebten Schätzen zu trennen? „Nein, mein Statiker hat schon gesagt, ich muss ein paar Bücher aus der Wohnung entfernen, damit sie nicht zusammenbricht,“ grinst sie. Dem Aufgebot der Kunden an ihrem Stand nach zu urteilen, bleibt ihr dieses Schicksal jedoch sicherlich erspart.

Stephanie Berens

Der nächste Lisar-Bücherflohmarkt findet am 23. September von 9:30 bis 17 Uhr statt. Nähere Informationen findet ihr hier.

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