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Früher floss Blut, heute laufen Filme und Bier

Ein letzter Sommertag auf dem Münchner Viehhofgelände

Farbkleckse auf dem alten Kopfsteinpflaster führen die Besucher entlang der gesprayten Mauern zum Gelände des ehemaligen Viehhofs. Im Herzen Münchens, in der Tumblingerstraße, findet man das Open-Air-Kino und Kulturfestival. An diesem Samstag Nachmittag klettert das Thermometer über die 30-Grad-Marke. Besuchergrüppchen haben sich unter den Schatteninseln der Sonnenschirme an den Biertischgarnituren eingefunden. Loungiger Reggae strömt über das Grundstück. Eine grüne Bimmelbahn fährt ihre Runden. Für einen Euro darf man mitfahren, einmal über das sieben Hektar große Areal. Die Hälfte der Einnahmen gehen an das Münchner Kinderhospiz.

Jenseits des Eingangstors genießt das Auge die Weite des Geländes, eine Seltenheit in der Großstadt. Vor allem in einer sich ständig verdichtenden Großstadt wie München. Geschützt von den übermannshohen Backsteinmauern entstand hier ein Ort der Freiheit. Diese riesige Brache zog vor sieben Jahren den Veranstaltungskünstler Hartmut Senkel magnetisch an. „Der Zwischennutzer gräbt und sucht. Doch jeder Ort hat eine Anziehungskraft. Die Herausforderung für einen Zwischennutzer ist es, sich ohne Rezension auf einen Ort einzulassen, so ungebügelt und kalt er auch sein mag“, meint Senkel. So entstand der Nachtbiergarten „Zur Freiheit“, mit dem angrenzenden Open Air- Kino.

Abendliches Open-Air Kino im Viehhof © A.U.G.E. / Massimo Fiorito

Freiheit und Platz trotz Großstadt

Schon früh entdeckte Hartmut Senkel die Freiheit beim Segeln. Zweimal überquerte der 52-Jährige bereits den Atlantik. Ein Stück dieses Freiheitsgefühls brachte er nach München. Seine sonnengebräunte Haut verrät, dass er auch heute alles andere als ein Stubenhocker ist. Der Biergartenbereich von der Größe eines halben Fußballfeldes wird von einem gestreiften Zirkuszelt, einer Strandlounge, diversen Essensständen, einem Mini-Karussell und einem kleinen Bolzplatz umschlossen. Hinter dem Selbstbedienungsbereich und der Kinokasse erstrecken sich Reihen an Sitzgelegenheiten vor der Kinoleinwand an einer der Mauern des ehemaligen Industriegeländes. Ein grüner Oldtimer-Doppelstockbus unterstützt die räumliche Teilung des Geländes in Biergarten und Kinobereich.

Freiheit, darum geht es hier. Hartmut Senkel rührt in seinem Espresso. Er trägt ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt, das auch zu einem Seefahrer passen würde. „Der öffentliche Raum gehört uns. Und es ist die Aufgabe von uns, den Bürgerinnen und Bürgern, diesen Raum zu gestalten“, sagt er. Vor sieben Jahren entdeckten Hartmut Senkel und Jan Oltznauer das verlassene Grundstück eher zufällig und fragten sich: „Warum macht hier niemand etwas draus?“ Daraufhin ließ Senkel Taten folgen. Der gelernte Maschinenbauer und Begründer der Veranstaltungsagentur „A.U.G.E. – Außergewöhnliche Umsetzung Großartiger Ereignisse“, nahm sich der Freifläche an, und schuf somit einen Entschleunigungsort mitten in der Isarvorstadt. Somit trug er maßgeblich zur Färbung des gesamten Viertels bei. Es geht Senkel nicht zuletzt auch um Identifikation: „Wenn man den Menschen ihre Wurzeln, Heimat und Identifikation nimmt, dann werden sie blass.“

Wohnzimmer-Ersatz und Fläche zum Austoben

Der früher boomende Schlachtbetrieb hat sich auf ein kleines Areal am anderen Ende Geländes zurückgezogen. Zurück blieb etwas, das in München immer seltener wird: Platz. Raum für Bürgerinnen und Bürger, sich zu entfalten und zu gestalten. Seit 2011 laufen jeden Sommer Filme im Open-Air-Kino vor der Kulisse der brachliegenden Industriefläche. Kreativität strotzt an jeder Ecke. Die behandschuhte Faust von Mickey Maus scheint aus einer Mauer zu dreschen, die Illusion eines Graffitikünstlers, der sich auf der überdimensionalen Backsteinleinwand austoben durfte. An der Wand nebenan spielen zwei gesichtslose Gestalten in grauen Kapuzenmänteln vor schwarzem Hintergrund mit einem gelben Gummiband Fingertwist. Geschützt von den hohen Mauern entstand hier ein Ort der Begegnung mitten im Herzen Münchens. Das „ausgelagerte Wohnzimmer“ wird es im Viertel genannt. „Wenn so viele das sagen, dann muss da ja wohl was Wahres dran sein“, sagt Hartmut Senkel mit einem Lächeln.

Er nimmt sich viel Zeit an diesem Nachmittag, seine Stimme ist ruhig und bedächtig. Die Liebe und das Engagement, das er seit nunmehr sieben Jahren in dieses Projekt investiert, sind spürbar. Der Viehhof ist ein Ort mit Ecken und Kanten. Erfrischend in seiner Rauheit. „Im Fehler liegt der Charme. Wenn du nicht den Mut hast, etwas in seiner Gestaltung unperfekt zu lassen, wirst du Kälte ernten“, erklärt Hartmut Senkel.

„Das ausgelagerte Wohnzimmer“ Münchens © A.U.G.E. / Massimo Fiorito

Spielplatz und Chill-Out-Area

Die Besucher der Viehhofs sind bunt gemischt. Menschen aller Altersklassen und jeden Kleidungsstils genießen ihre Getränke an den Biertischen oder in einem der zahlreichen bunten Liegestühle, die über das Gelände verteilt sind. So auch Svenja Müller. Die kleine Tochter der 27-Jährigen sitzt zufrieden in ihrem Kinderwagen neben der Biertischgarnitur. Svenja wohnt nicht weit vom Viehhof. Sie kommt gerne her. „Hier ist nicht alles so geleckt“, meint die junge Mutter, die selbst in Berlin studiert hat. Der warme Sommerwind fährt der schlanken, leger gekleideten Frau immer wieder durch das zu einem Pferdeschwanz zusammengefasste Haar. Sie und ihre Freundin haben heute Kuchen und andere Leckereien in den Biergarten mitgebracht. Hier können sie sich austauschen und ihre Kinder sorglos toben lassen.

Die Spieloase für die Kleinsten befindet sich mitten im Biergartenbereich. Eine eingetopfte Palme spendet mit ihren aufgefächerten Wedeln Schatten. Kinder spielen in den Planschbecken, tauchen Förmchen in das Wasser, um es fasziniert wieder auszuschütten. Ab und zu muss ein Erwachsener staunend den Inhalt eines Eimerchens begutachten, den ein Kind ihm quietschend unter die Nase hält. Einige Eltern nutzen die Gelegenheit, ihre Füße in einem der Planschbecken abzukühlen. Hier dürfen auch Großstadtkinder sorglos von der Leine gelassen werden, die hohen Mauern beschützen sie vor dem Verkehr.

Das eigens für die Kleinen gezimmerte Stelzenhäuschen ist in regem Betrieb. Zwei Rutschen komplettieren den Spielkreis um die große Palme. Ein blondes, etwa drei Jahre altes Mädchen geht ungestört ihrem Bauprojekt im Sandkasten nach. „Es ist einfach entspannt hier. Du sitzt hier am Tisch und sie spielt zwei Meter weiter im Sand“, meint auch Svenja mit einem Lächeln. Am Rand des Biergartens schwankt eine Hüpfburg im Takt der herumtollenden Kinder. Auf dem Minikarussell drehen sich ein Kamel, ein Pferd und eine Giraffe im Kreis. Das Zirkuszelt, eingerichtet mit einem Ensemble von Sofas aus Omas Stube, Stehlampen und Klappstühlen, beherbergt Lesungen und das traditionelle sonntägliche „Tatort“-Gucken.

Etwas abseits vom Biergartenbereich räkeln sich Jugendliche in Shorts und T-Shirts in bunten Liegestühlen. Mit einem kühlen Getränk in der Hand malen einige mit ihren blanken Zehen Muster in den ausgestreuten Sand. Die Stimmung ist entspannt, entschleunigt. Der Lärm der Großstadt bleibt draußen. Nur in der Ferne ist ab und an das leise Rauschen eines Güterzuges zu hören. In der Strandecke des Viehhofs samt Feuerstelle und Palme geht dieses Geräusch fast als Meeresrauschen durch.

Abendliche Gemütlichkeit im Viehhof © A.U.G.E / Massimo Fiorito

Ein Brautpaar samt Fotograf und Trauzeugen wandert in Richtung der bunt gestalteten Mauern. Der warme Juniwind lässt das Kleid der Braut sanft wehen. In der einen Hand hält sie ein Sträußchen Blumen, in der anderen die Hand ihres Mannes. Der Rest des Gefolges vergnügt sich an einem der beiden Kickertische, die im Kies neben dem gestreiften Zirkuszelt stehen. Ab und an stößt einer der Spieler jubelnd die Faust in die Luft, wenn ein Tor gelungen ist. Die stolzen und festlich gekleideten Schwiegereltern bleiben im Schatten der Sonnenschirme zurück. „Ich mag das Lockere hier“, sagt Maria-Theresia Schiroky, die Mutter der Braut. Sie kommt aus Hamburg und hat so etwas wie den Viehhof in München nicht vermutet. Es sei der ausdrückliche Wunsch der frisch Vermählten gewesen, nach der Trauung für kühle Getränke und ein Fotoshooting in den Viehhof zu kommen. Danach soll in einem Festsaal weitergefeiert werden. Trotz der schicken Kleidung der Hochzeitsgesellschaft  scheint sie nicht fehl am Platz. Vielmehr unterstreicht sie die Vielfältigkeit des bunten Geländes und seiner Besucher.

Als es langsam Nacht wird im Viehhof, werden die Backsteinmauern mit sanftem grünem und rotem Licht bespielt. Das Biergartengemurmel verdichtet sich an den Tischen. Kerzen in Papierwindlichtern werden ausgeteilt. Das Freiluftkino wird vorbereitet. „Noch gemütlicher wird es mit unseren Kuscheldecken“, verheißt das Schild an der Ticketkasse. In der Strandecke wird die Feuerschale entzündet. Einige Kinder, die auch dieser heiße Tag nicht müde bekommen hat, spielen Fußball im entschwindenden Tageslicht. Für die Nachwuchs-Kicker wurde extra ein mit grünem Filz ausgelegter Minifußballplatz in den Viehhof integriert. Allroundbaumaterial im Viehhof ist der Bierkasten, egal ob für die Theke, die Bande für den Fußballplatz oder die Blumenkästen. Ein Stapel vom Umfang eines Kleinwagens ist allein für die Fantasie der Kinder reserviert. Immer neue Gebilde entstehen unter ihren flinken Fingern. Geschäftig rufen sie sich Anweisungen zu.

Der Viehhof soll verschwinden – was jetzt?

Der Blick nach Westen reicht so weit, dass jedes nahende Gewitter zu erkennen ist. Doch heute bleibt der Himmel klar. Während der Film im hinteren Bereich des Viehhofs beginnt, dürfen die Besucherinnen und Besucher bis um ein Uhr Nachts ihre Getränke und Leckereien von einem der Essensstände genießen. Es gibt Variationen von Stockbrot, Falafel und Crêpes, Vegetarisches und Fleischgerichte. Es scheint vor allem um eines zu gehen auf dem Viehhof: Um das unvoreingenommene Zusammensein. Um die Begegnung verschiedenster Menschen. Nun muss ein neuer Ort für den Viehhof gefunden werden, da hier ab 2018 das neue Volkstheater sowie Wohnungen und eine Grünfläche entstehen sollen. Auch ein Refugium für die Zauneidechse, welche hier ansässig ist, soll geschaffen werden.

Es war klar, dass Hartmut Senkel diesen Ort als Zwischennutzer bespielen wird. Ein Ende war also abzusehen. Doch er sieht darin auch etwas Positives: „Es gehört zu einer Stadt dazu, sich weiterzuentwickeln. Manifestieren finde ich langweilig. Ich glaube, dass man durch eine immer wiederkehrende Herausforderung nie den Geist für etwas Neues verliert.“ Der Viehhof wird schmerzlich vermisst werden. Doch Senkel ist sich sicher: „Es ist die Aufgabe der Bürgerinnen und Bürger, solche Orte zu finden. Und es gibt sie. Aber es gibt sie selten.“

Gerade im derzeitigen Diskurs über eine neue „Weide“ für den Viehhof ruft er dazu auf: „Wir Bürgerinnen und Bürger, angestupst und auf neue Plätze aufmerksam gemacht, haben die Aufgabe, unseren Raum zu gestalten, ihn zu hegen und zu pflegen.“ Mit viel Liebe und Kreativität, ohne die Strukturen dieses urbanen Raums zu zerstören, gelang es ihm, Kunst, Kultur, Musik und Kino mit einem Biergarten zu verbinden. „Wenn ich die Macht hätte, würde ich den Viehhof zum Weltkulturerbe erklären“, meint mit einem Augenzwinkern.

Julia Truxa

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