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Ich bin dann mal Kanzler

Mein Praktikum im deutschen Bundestag

Das Klischee des taxifahrenden Politologen hat die Jahrzehnte überdauert und bis heute Bestand. Jeder meiner Kommilitonen dürfte dieses Vorurteil schon einmal gehört haben, aber entscheidend ist meiner Meinung nach, natürlich neben ein bisschen Glück, auch vor allem das, was man persönlich daraus macht. Und gerade weil der Weg für mein späteres Berufsleben schon fast vorgepflastert zu sein scheint, wollte ich mich mit dieser Aussicht erst recht nicht zufrieden geben, sondern selbst aktiv werden und die Weichen für meine weitere berufliche Zukunft stellen. Deshalb habe ich mich für ein Praktikum beworben – in Deutschlands Zentrum der Macht, dem Bundestag.

Der Ort, wo Politik gemacht wird: Der Bundestag © Philipp Maluska

Ich habe dafür den naheliegenden Weg gewählt und mich direkt bei einer Bundestagsabgeordneten beworben. Meine gesammelten Erfahrungen möchte ich nachfolgend mit euch teilen. Natürlich geht man als Praktikant nicht ohne gewisse Erwartungen und so mancher vielleicht auch mit gewissen Ängsten an ein solches Praktikum heran, denn schließlich ist der Bundestag nicht irgendeine x-beliebige Adresse, sondern gewissermaßen der Olymp der Macht in Deutschland. Auch ich habe mir im Vorfeld einige Gedanken gemacht, was mich dort wohl erwartet wird. Insgesamt kann man sagen, dass ich mit viel Respekt, aber auch mit riesiger Vorfreude in mein Praktikum gestartet bin. So manche Erwartungen wurden erfüllt, andere aber auch nicht.

Vom Anzug zu Jeans und T-Shirt und zurück

Meine erste Erwartung zu Beginn meines Praktikums war Folgende:  In meinen Augen war es klar, dass alle Angestellten des Bundestags jederzeit in Anzug und Krawatte oder Kostüm herumlaufen und gestresst ihrer Arbeit nachgehen würden. Doch diese Erwartung hat sich (zum Glück) nicht erfüllt. Denn was ich schon nach kurzer Zeit feststellen konnte war, dass die Arbeit im Bundestag zwei Gesichter hat: Ein sehr gestresstes aber auch ein tiefenentspanntes. Als die Sekretärin meiner Abgeordneten in meiner ersten Woche zu mir meinte, ich könne die nächste Woche recht „leger“ zur Arbeit kommen, hielt ich es erst für einen Scherz, doch ich irrte mich: Denn die kommende Woche war sitzungsfreie Zeit, das heißt die Abgeordneten waren in ihren Wahlkreisen und somit nicht in ihren Bundestagsbüros. Kurzum: Die Arbeit ging recht entspannt und gemächlich zu. Tatsächlich waren Jeans und Shirt der bevorzugte Dresscode, was bei einer Außentemperatur von 30 Grad und mehr natürlich ein glücklicher Umstand war. So manch ein Mitarbeiter sah aus, als wäre er auf direktem Wege vom Wannsee in die Arbeit gekommen – die entspannte Seite des Bundestags.

Im Plenarsaal werden so manche hitzigen Debatten geführt © Philipp Maluska

Doch anschließend folgte wieder eine Sitzungswoche und da ticken die Uhren traditionell etwas anders. Das Laissez-faire war vorbei. Bei allem Stress waren diese Phasen meines Praktikums aber die spannendsten, denn dann ging es von Termin zu Termin und man fühlte sich mitten drin im Trubel des Bundestagsgeschehens. Meine Abgeordnete war beispielsweise Mitglied im Finanzausschuss und ich durfte sie öfters zu Sitzungen des Ausschusses oder der AGs (Arbeitsgemeinschaften) begleiten, in welchen politische Strategiepapiere ausgearbeitet oder über Gesetzesvorhaben beraten wird. Das ist einerseits inhaltlich sehr interessant, weil man dabei lernt, wie Gesetze entstehen und wie umfangreich die Debatten und Entscheidungsfindungsprozesse sein können, andererseits kann das Ganze manchmal auch sehr ermüdend sein, denn viele Sitzungen dauern oft mehrere Stunden. Ob Fotobücher nun genauso hoch besteuert werden sollen wie normale Bücher kann da schon mal in hitzige Diskussionen unter den Abgeordneten ausarten, was für so manchen außenstehenden Betrachter aber nicht unbedingt nachvollziehbar erscheint.

Sitzungen, Büroarbeit und der Innenminister im Nebenzimmer

Die Teilnahme an Sitzungen war aber eher die Ausnahme, denn diese finden nur in den Sitzungswochen und auch nicht täglich statt. Zu den routinemäßigen Aufgaben innerhalb meines Praktikums zählten vor allem normale Bürotätigkeiten, wie das Abholen und die Aufbereitung der Post, das Drucken und Abheften von Dokumenten, die Vorbereitung von Sitzungsunterlagen oder auch die eigenständige Textarbeit. Besonders spannend wurde es aber immer dann, wenn Besuch ins Abgeordnetenbüro kam: Sei es der zypriotische Botschafter oder eine Redakteurin der FAZ. Es ist auf jeden Fall sehr aufregend, einen Botschafter in Empfang nehmen zu dürfen, allein schon, weil ich keine Ahnung hatte, wie man so hohen Besuch denn nun ansprechen sollte. Letztendlich hatte ich mich dazu entschieden, mich nur auf die nötigsten Worte zu beschränken und mein schönstes Lächeln aufzusetzen.

Die Aussicht von meinem Arbeitsplatz © Philipp Maluska

Natürlich habe ich während meines Praktikums auch zahlreiche prominente Politiker getroffen. So läuft einem schon mal Thomas Oppermann über den Weg oder Claudia Roth sitzt während des Mittagessens in der Kantine am Nebentisch. Besonders interessant wurde es aber immer, wenn der Innenminister in seinem Büro nebenan war und deswegen auf einmal die Bodyguards durch die Gänge liefen. Vor allem dann war ich darauf konzentriert, nichts falsch zu machen und mich möglichst unauffällig zu verhalten. Leider hatte ich nicht das Glückt, einmal Angela Merkel persönlich zu sehen, aber dafür Lutz van der Horst von der heute-Show. Eine ganz gute Entschädigung, wie ich finde.

Praktikanten werden nicht nur als Hilfskräfte geschätzt

Jeden Tag im schicken Anzug durch die Gänge des Bundestags zu stolzieren und während der Arbeit den Blick auf den Reichstag genießen zu können ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Noch dazu trägt man einen schicken Hausausweis, der es einem ermöglicht, sich an sämtlichen Besucherschlangen und Touristengruppen vorbei zu drängeln und einem quasi jede Tür in Berlin öffnet. Kurz gesagt: Man fühlt sich wichtig, auch wenn man das eigentlich gar nicht ist.

Dennoch sind wir Praktikanten dort offensichtlich sehr gern gesehene Gäste und zwar nicht nur als „temporäre Hilfskräfte“, sondern auch als geschätzte Diskussionsteilnehmer. Denn obwohl ich immer dachte, ich wäre der einzig politisch Interessierte in meinem Freundeskreis, so wurde ich spätestens dort eines besseren belehrt. So gab es während meines Praktikums rund 300 Mitpraktikanten, für die eigens ein Praktikantenprogramm ins Leben gerufen wurde – selbstverständlich auf freiwilliger Basis. Diese Gelegenheit ließen sich meine Freunde und ich natürlich nicht entgehen. Die Veranstaltungen waren eigentlich immer sehr gefragt. Manchmal sogar so sehr, dass manche Teilnehmer keine Plätze mehr bekamen. Auf dem Programm meiner Mitpraktikanten und mir standen unter anderem eine Führung durch den Bundestag, den Bundesrat, den BND, das ARD- und das ZDF-Hauptstadtstudio oder auch Diskussionsrunden mit bekannten Politikern wie Wolfgang Schäuble, Wolfgang Bosbach und Volker Kauder.

Hoher Besuch des Finanzministers Wolfgang Schäuble © Philipp Maluska

Auch im Bundestag wird ab und an gelacht

So trocken und langweilig das für viele auch klingen mag, hat es mir einen großen Spaß bereitet, den Vorträgen der Abgeordneten und Minister zuzuhören und mit ihnen zu diskutieren und von ihnen zu lernen. Von vielen Rednern hörte man auch im Nachhinein, dass es für sie bereichernd gewesen wäre, mit so vielen jungen Leuten zu diskutieren, zu lernen, was uns bewegt, und dass die eine oder andere kritische Nachfrage sie auch zum Nachdenken angeregt habe. Der Austausch zwischen Jung und „Alt“ funktionierte erstaunlich gut. Ehrlich gesagt hatte ich in vielen Diskussionen mehr Spaß als in so manchen trockenen Vorlesungen. Viele dieser Politiker sind viel sympathischer als sie zunächst erscheinen und man mag es kaum glauben, aber es wurde viel gelacht. Diese Treffen waren natürlich viel freier, ungezwungener und lockerer als irgendein Talkshow-Fernsehauftritt und für viele Politiker schienen diese Runden eine willkommene Auszeit zum normalen Politikbetrieb gewesen zu sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es auf jeden Fall eine sehr schöne und lehrreiche Zeit im Bundestag gewesen ist. Eine überaus wichtige Erkenntnis, die ich aus meinem Praktikum mitgenommen habe ist, dass unsere vermeintlich „unpolitische Generation“ doch politischer ist, als oft gesagt wird. Gerade im Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl ist es schön zu sehen, dass sich doch sehr viele Studenten für politische und gesellschaftliche Themen interessieren und sich dementsprechend engagieren. Unabhängig vom Studienfach kann sich jeder für ein freiwilliges oder studienbegleitendes Praktikum im Bundestag bewerben, sei es bei seinem Wahlkreisabgeordneten, bei einer Partei oder den entsprechenden Landesgruppen. Entscheidend ist meiner Ansicht nach, dass man politisches Interesse an den Tag legt und die Zukunft aktiv gestalten möchte. Ein erster Schritt dazu wäre schon mal, im September wählen zu gehen.

Philipp Maluska

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