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#aufschrei, #ausnahmslos und Co.

„Ich beobachte Ermüdungserscheinungen in der Bewegung“

Am 26. April ging die Veranstaltungsreihe „Gendersalon“, organisiert vom Lehrstuhl für Soziologie und Gender Studies der LMU München, in die fünfte Runde. Die öffentlichen Diskussionen sollen die Auseinandersetzung mit dem Thema Gender aus verschiedenen Blickwinkeln fördern. So wurden seit November bereits Queer Urban Gardening, Gender in der Oper, Cross-Gendering und Maker Culture behandelt – dieses Mal ging es um den Hashtag #ausnahmslos, der sich nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus aussprach, und um die Frage: „Was wurde aus (netz)feministischen Initiativen?“

Stefanie Lohaus, Nadia Shehadeh und Lorena Jaume-Palasi (v.l.n.r.) diskutierten beim fünften Gendersalon am 26. April über netzfeministische Initiativen. © Stephanie Berens

Zu diesem Thema diskutierten drei Expertinnen in Sachen Feminismus im Internet: Stefanie Lohaus ist Mitbegründerin des Missy Magazins, Mitinitiatorin des Hashtags #ausnahmslos und Autorin bei der Zeit Online-Kolumne „10nach8“. Lorena Jaume-Palasi ist Politikwissenschaftlerin und Philosophin, Gründerin der Dynamic Coalition on Publicness des UN Internet Governance Forums und Mitglied bei AlgorithmWatch sowie im Expertenrat der Initiative „Code Red“, die gegen Massenüberwachung vorgeht. Zudem organisierte sie den Slut Walk in München 2011 mit. Nadia Shehadeh ist Soziologin und Bloggerin, sowohl für ihre eigene Platform „Shehadistan“ als auch für die „Mädchenmannschaft“.

#aufschrei katapultierte die Sexismus-Debatte in den Mainstream

Die wohl bekannteste Initiative, die 2013 das Thema Sexismus in den deutschen Mainstream katapultierte, war der Hashtag #aufschrei. Die Journalistin Laura Himmelreich veröffentlichte im Stern einen Artikel mit dem Titel „Der Herrenwitz“, in dem sie beschrieb wie FDP-Politiker Rainer Brüderle ihre Figur mit dem Satz kommentierte: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Daraufhin twitterten zahlreiche Frauen unter dem Hashtag #aufschrei über Alltagssexismus, den sie selbst tagtäglich erlebten.

Stefanie Lohaus, Mitbegründerin des Missy Magazins, war von der Berichterstattung über #aufschrei in den Mainstream-Medien enttäuscht. © Stephanie Berens

Bei aller Publizität, die dem Thema zuteil wurde, bemerkte Lohaus jedoch, dass über den Hashtag hinaus keine tiefergehenden Debatten in den Medien geführt wurden: „Das flache Niveau, auf dem das verblieben ist, hat mich wahnsinnig frustriert.“ Generell gehe laut Lohaus der Feminismus zu langsam in den Mainstream über. „Das ist wie alter Kaffee, der immer wieder aufgewärmt wird,“ sagte sie und betitelte die Verhaltensweisen der Presse als Machtstrategie, die der Bewegung jegliche Kontinuität absprechen soll. „Es wird so getan, als gäbe es seit den 70er Jahren keinen Feminismus mehr.“

Sprache als Hindernis

Jaume-Palasi fügte hinzu, dass die Debatte über Sexismus schon allein an Definitionsschwierigkeiten oft scheitert: „Wo Sexismus bei den einen anfängt, hat er bei den anderen schon längst angefangen.“ Lohaus merkte auch an, dass der Feminismus sich zwar akademisch, aber keineswegs im Mainstream weiterentwickelt hätte – „und die Schere geht immer weiter auf.“

Lorena Jaume-Palasi, Philosophin und Coderin, betonte die bedeutende Rolle von Sprache bei der Verbreitung von Feminismus. © Stephanie Berens

Ein wichtiges Element dieser Disparitäten sei Sprache. Jaume-Palasi betonte, dass man aufgrund unterschiedlicher Filterblasen über keine gemeinsame Sprache verfüge, um die eigenen Ansichten möglichst genau auszudrücken: „Das ist der Grund, warum es immer wieder knallt.“ Als Beispiel führt die Coderin ihre technik- und männlich dominierte Arbeitswelt an, wo allein die Umsetzung gendergerechter Sprache utopisch ist. „Da muss ich noch immer erklären, dass ich nicht einfach gegen meinen Willen durch den Raum transportiert werden darf.“ Laut Jaume-Palasi erreichen Hashtag-Initiativen jedoch das, was Fachdiskussionen nicht schaffen: Sie können die Filterblasen brechen.

Hat der Feminismus eine düstere Zukunft?

Nadia Shehadeh, Soziologin und Bloggerin, sieht keine rosigen Aussichten für die feministische Bewegung. © Stephanie Berens

Für Shehadeh erweist sich trotz Initiativen wie #aufschrei und #ausnahmslos in den letzten Jahren vor allem der aktuelle Rechtsruck in der Gesellschaft als besorgniserregend. „Ich beobachte Ermüdungserscheinungen in der netzfeministischen Bewegung. 2017 macht es viel weniger Spaß feministisch und intersektional zu bloggen als 2010. Heute kommt kübelweise Scheiße zurück.“ Lohaus merkte jedoch an, dass sie gerade durch diese gesellschaftlichen Entwicklungen und auch die Wahl von Donald Trump neues Interesse am Feminismus beobachtet.

 

Der nächste Gendersalon zum Thema „Feministisches Unternehmertum“ findet am 31. Mai um 20 Uhr in der Glockenbachwerkstatt, Blumenstr. 7, statt. Der Eintritt kostet drei Euro.

 

Stephanie Berens

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