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Über das Grauen muss gesprochen werden

Ein Stück über Schuldzuweisungen und immer noch klaffende Wunden

Als Franz Werfel 1933 seinen Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ veröffentlichte, wurde er von den Nationalsozialisten sofort verboten. Das Werk behandelt den Völkermord an den Armeniern und den armenischen Widerstand auf dem Musa Dagh, dem Mosesberg in der Nähe der türkischen Mittelmeerküste. Über eine Million Armenier wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vertrieben und massakriert, eine Kapitel der Geschichte, das in der öffentlichen Diskussion mittlerweile längst als Völkermord betitelt, von der Türkei jedoch bis heute nicht als solcher anerkannt wird. Zusätzlich bringt die IS-Miliz die Region nahe des Musa Dagh als Schauplatz religiös motivierter Vertreibung und Ermordung erneut auf die Tagesordnung, während uns regelmäßig Schlagzeilen über staatliche Restriktionen und enorme Flüchtlingsbewegungen aus der Türkei erreichen.

© Konrad Fersterer
vorne v.l. Daron Yates, Simon Werdelis, Ismail Deniz

Grund genug also, das Thema als aktuell anzusehen und in einem Bühnenwerk aufzugreifen. Das derzeit im Marstalltheater aufgeführte Stück „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ basiert auf eben diesem Werk Franz Werfels, das damals, wie heute brennenden Zündstoff für Diskussionen liefert.

 

 

Und genau daran erinnert das gesamte Stück auch. An eine einzige große
Diskussion. Wer ein klassisches Bühnenwerk in drei Akten erwartet, ist hier fehl am Platz.
Der Roman dient hier nur als Basis, tatsächlich werden daraus lediglich zwei Passagen wirklich gespielt. Stattdessen lässt die Inszenierung Raum für Gedanken, Gefühle und Geschichten seiner Protagonisten. Im Mittelpunkt steht dabei zunächst der türkischstämmige Ismail Deniz, der von der Ansicht seiner Großmutter berichtet. Sie erzählte ihm von armenischen Banden, die plündernd in türkischen Dörfern umherzogen.

„Das ist unsere Wahrheit.“ – Ismail Deniz

Ihm tritt sogleich Daron Yates gegenüber. Yates hat armenische Vorfahren und spricht nicht nur über das Schicksal seiner Familie, sondern auch von seiner Hassliebe zur Türkei. Zwei Standpunkte, zwei Sichtweisen und dazwischen pure Streitlust. Schließlich steht die Frage im Mittelpunkt, was denn eigentlich passiert ist, zwischen den beiden Gruppen und wie es überhaupt so weit kommen konnte.

Diese Frage zu beantworten, das ist das Ziel und der Kern dieses Stücks. Das deutsch-türkisch-armenische Schauspielerensemble arbeitet kollektiv und biographisch die türkisch-armenische Geschichte der letzten hundert Jahre auf und geht dabei ebenso objektiv wie aufwühlend vor. Da werden alte Dokumente durchforstet, Fakten ans Licht gebracht und grausige Bilder lebloser Menschen betrachtet. Besonders explosiv wird das Geschehen für das Publikum, als Deutschland als Mitwisser der Vernichtung des armenischen Volkes ins Visier genommen wird.

Über Identität, Trauma und Tabu

Das Besondere an der Inszenierung ist, dass die Darsteller immer auch ihre eigenen Eindrücke zur Thematik reflektieren. Gemeinsam tauchen sie immer tiefer in die Materie ein und arbeiten die Geschichte systematisch auf. „Über Identität, Trauma und Tabu“, wie auch der Untertitel des Stückes lautet, wird hier philosophiert und debattiert.

Regisseur Nuran David Calis bedient sich dabei einiger außergewöhnlicher Techniken für das Bühnenbild. Im hinteren Teil der Bühne befindet sich ein Fotolabor, in dem die Schauspieler Fotos aus der Zeit von 1915 und 1916 entwickeln. Auch eine Kamera kommt zum Einsatz, die es ermöglicht, die
Darsteller live zu beobachten, während sie dem Publikum in Wirklichkeit den Rücken kehren.

© Konrad Fersterer
v.l. Ismail Deniz, Daron Yates, Michaela Steiger (Projektion)

 

Insgesamt werden in diesen zwei Theaterstunden eine Fülle von Informationen und Eindrücken vermittelt, die den Zuschauer zu erschlagen drohen. Zuweilen macht sich geradezu Überforderung breit. Doch gerade diese Flut an Wahrnehmungen macht den Reiz dieses Stücks aus und vermittelt zumindest eine Ahnung dessen, was damals geschehen ist.

Wer also neugierig und offen für unkonventionelles, anspruchsvolles und vor allem packendes Theater ist, der sollte „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ auf keinen Fall verpassen.

Bis Ende April ist das Stück im Marstalltheater zu sehen, Karten sind für 24 € erhältlich.

Amelie Bauer

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