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Eine Zeitreise

Filmausstellung „Zur Sache Schätzchen“ in Pasing

Eine Ausstellung über einen Film – und noch dazu über einen in Schwarz-Weiß aus den 1960er Jahren? Wie aktuell „Zur Sache Schätzchen“, der Revoluzzerfilm von 1967, gerade für unsere Generation noch ist, wird die meisten von euch überraschen – wir haben den Kurator Stefan-Maria Mittendorf zum Gespräch in den Galerieräumen der Pasinger Fabrik getroffen.

An grellen Neonröhren vorbei führt eine enge Treppe hoch in die Ausstellungsräume der Pasinger Fabrik. Dort steht Kurator Stefan-Maria Mittendorf bereits in seiner Galerie. Um die 60 Ausstellungen hat er hier schon auf die Beine gestellt – diese ist aber eine ganz besondere: Alles dreht sich um den Film „Zur Sache Schätzchen“ von 1967; Regie führte die damals noch sehr junge Regisseurin May Spils, ihr Partner Werner Enke spielte die Hauptrolle, den Tagträumer Martin, und Uschi Glas wurde durch ihre Rolle des „Schätzchens“ berühmt.

Unterschiedlichste Archivmaterialien zum Film sind im größten der drei Räume zu finden: Neben originalen Requisiten zeigen Plakate aus den 60er Jahren die Hauptfiguren, eine alte Arri-Kamera ist originalgetreu in einer der Ecken zu bewundern. In einer anderen ist der Schneideraum mit dem originalen Schneidepult aus dem Keller des Produzenten Peter Schamoni mit viel Liebe zum Detail nachempfunden und aufgebaut worden – stilecht mit gefülltem Aschenbecher, Rotwein und Chaos. Typisch 60er eben.

„Zur Sache Schätzchen“ ist der Schwabinger Kultfilm, der das Lebensgefühl Ende der 60er Jahre speziell in München auf die Leinwand brachte. Und es lohnt sich auch heute noch, 50 Jahre später, genauer hinzusehen, den Film auf sich wirken zu lassen.

Das beweist die Ausstellung „Zur Sache Schätzchen“, die Kurator Mittendorf gemeinsam mit Konrad Hirsch von Schamoni Film und Medien GmbH realisiert hat. Dieses Wochenende ist die Ausstellung noch zu sehen: bis zum 29. Januar in der Galerie der Pasinger Fabrik; Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 2 Euro.

Herr Mittendorf, ist „Zur Sache Schätzchen“ die erste Filmausstellung, die Sie kuratiert haben?

Ich hatte mich zuvor auch schon sehr intensiv mit dem Verhältnis von Film und Bildender Kunst beschäftigt. Doch in diesem Sinne, auch in Zusammenarbeit mit Konrad Hirsch von Schamoni Film & Medien GmbH, war das meine erste Filmausstellung.

Plakat zur Ausstellung „Zur Sache Schätzchen“. © Schamoni Film & Medien GmbH

Was war Ihre erste Ausstellung in der Pasinger Fabrik?

 

Eine Medienausstellung mit dem Titel „Über Schönheit und Neid“, da ging es um Schönheitsideale in unserer heutigen Gesellschaft. Schon damals, vor 15 oder 16 Jahren, spielten Film und Medienkunst eine wichtige Rolle in meiner kuratorischen Arbeit.

Was ist die größte Herausforderung bei der Realisierung einer Filmausstellung?

Zuallererst muss das Konzept natürlich überzeugend sein. Das Konzept dieser Ausstellung ist dual – es vereint Filmhistorie und zeitgenössische Bildende Kunst; die größte Herausforderung ist, diese beiden Komponenten in ein Display zu übersetzen. Das Ganze muss ja in den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten so präsentiert werden, dass es für den Besucher nachvollziehbar ist. Wenn das Konzept, die Künstler und die Liste der auszustellenden Exponate dann steht, denke ich aus dem Raum heraus.

In „Zur Sache Schätzchen“ werden ja neben Archivmaterialien Werke von zehn zeitgenössischen Künstlern ausgestellt. War es schwierig, diese Künstler zu finden und Sie für die persönliche künstlerische Auseinandersetzung mit dem Film zu begeistern?

Nein, das war überhaupt nicht schwierig. Ich habe in der Pasinger Fabrik bereits um die 50 oder 60 Ausstellungen kuratiert und mit mehreren tausend Künstlern zusammengearbeitet. Zudem funktioniert dieses duale Konzept zur Zeit sehr gut – beispielsweise gab es im letzten Winter eine sehr erfolgreiche film- und kunsthistorische Ausstellung in Bremen. Daraufhin habe ich Anfang des Jahres 2016 mehrere Künstler gezielt angeschrieben und das sind im Grunde auch die gewesen, deren Arbeiten heute hier zu sehen sind.

Sie haben den Künstlern den Auftrag erteilt, sich mit dem Film „Zur Sache Schätzchen“ von 1967 zu beschäftigen und künstlerische Arbeiten dazu zu entwickeln, wie der Film auf sie gewirkt hat. Wie waren die Reaktionen?

Viele von ihnen kannten den Film bereits und konnten gleich etwas damit verbinden – Schauspieler, Szenen oder auch Worte und Phrasen wie „fummeln“ und „es wird böse enden“. Anderen sagte der Film allerdings erstmal nichts, zum Beispiel Kota Ezawa. Er ist aus Deutschland, lebt aber seit längerer Zeit in Kalifornien. Am meisten fasziniert hat ihn das Plakative der Gesichter der Filmfiguren; das hat er mit der Porträtästhetik der Popart-Zeit zusammengebracht, was ja nicht verwundert, da er in Amerika lebt. Er hat ein Foto von Uschi Glas aus den 60er Jahren recherchiert, es digital bearbeitet und in einen Leuchtkasten gebannt. Diese schablonenhafte, mosaikartige Bildform galt damals noch als revolutionär, wurde als Hard-Edge-Stil bekannt, daher der Titel seiner Arbeit: „Uschi Glas meets Ellsworth Kelly“ [Ellsworth Kelly war ein US-amerikanischer Maler und Bildhauer und bekannter Vertreter des Hard Edge-Stils; Anm. d. R.] Das hat schon auch eine Parallele zu Andy Warhols Umgang mit den Gesichtern von Prominenten seiner Zeit, wie in seinem berühmten Marilyn Monroe-Werk. Kota Ezawa setzt sich in seiner Arbeit also mit der künstlerischen Bildsprache auseinander, die sich in der damaligen Zeit, in der ja auch der Film spielt, entwickelt hat. Die Bildästhetik des Films „Zur Sache Schätzchen“ spielt bei mehreren der hier ausgestellten Künstler eine große Rolle.

Kota Ezawa, „Uschi Glas meets Ellsworth Kelly“, lightbox, 100 x 100 cm, 2016. © Kota Ezawa

Was zeichnet den Film Ihrer Meinung nach und auch bezogen auf die Reaktionen der Künstler aus?

Obwohl der Film vor 50 Jahren gedreht wurde, hat er noch Aktualität. Es ist ein Film, der mit traditioneller Erzählform und Handlung, mit dem traditionellen Bewegtbild bricht – und genau dieser Bruch zeichnet ihn aus: dieser zeitgenössische Realismus, die Schnelligkeit im Wechsel der Szenen. Es gibt nichts Statisches in „Zur Sache Schätzchen“, sondern bemerkenswert viele Ortswechsel.

Mit den vielen Ortswechseln hat sich Thomas Taube in seiner Videoarbeit beschäftigt.

Thomas Taube ist ein ganz wunderbarer Medienkünstler. Er hat „Frames per Second“ für diese Ausstellung entwickelt. Der Hintergrund: Er war Stipendiat in New York in dem Monat, als die Ausstellung entstand – das floss in seine Arbeit mit ein. Für ihn ist das Wesentliche in „Zur Sache Schätzchen“ wie Martin und Barbara durch München streifen und die Stadt somit erkunden. Er hat das auf sich übertragen und einen Streifzug durch Brooklyn mit Fotografien dokumentiert. Das brachte er dann in die Form des Daumenkinos, das ja auch im Film vorkommt.

Was ist das Schöne am Kuratieren?

Indem ich ein bestimmtes Thema, eine Bildästhetik in ein neues Bild, ein neues Display übersetze, möchte ich bei den Menschen einen Dialog auslösen und Gespräche initiieren. Meine Projekte haben natürlich auch immer etwas mit meiner eigenen Haltung zu tun; ich könnte nie ein Projekt machen, mit dem ich mich nicht identifiziere. Jeder Mensch ist auf der Welt, um eine Haltung zu entwickeln – keine Spur zu hinterlassen, wäre ja langweilig. Es geht um meine und andere Auffassungen von der Welt, von der Gesellschaft; um Visionen und Lebensmodelle. Es geht auch darum, sich von Konventionen zu befreien. Genau das passiert in „Zur Sache Schätzchen“. Ich hoffe, dass man hier wirklich in diese Welt von damals eintauchen kann.

Was kann der Film von 1967 uns Studenten heutzutage noch mit auf den Weg geben?

Ich finde er zeigt Haltung dem Leben gegenüber. Die jungen Darsteller im Film sind ja Mitte 20, also in Ihrem Alter. Schön finde ich gerade die Szenen, in denen immer wieder über das Altwerden, über den Lauf des Lebens reflektiert wird. Deutlich macht das diese Arbeit „Angenommen ich werde 50“ von Frank Moll, die sich auf die Schlüsselszene im Film bezieht: Martin und Barbara sitzen in seiner Studentenbude und sie bemerkt die vielen kleinen Striche an Martins Wand, wovon er jeden Tag einen durchkreuzt. Martin erklärt ihr: „Angenommen ich werde 50, dann wären das 18250 Striche.“ Genau dieses Kalendarium hat Frank Moll aus Leipzig auf die Leinwand gebracht. 18250 Striche sind hierauf zu sehen, in einem Triptychon. Hier wird das Verstreichen der Zeit spürbar, die menschliche Existenz… das ist für mich richtig philosophisch, und spiegelt genau den philosophischen Part im Film wieder. Da muss ich eigentlich an Existenzphilosophie denken.

Frank Moll, „Angenommen ich werde 50“, 3-teilig, je 200 x 160 cm, 2016. © Frank Moll

Kann man zusammenfassend also sagen, dass das Aktuelle und Authentische des Films im besonderen Umgang mit Sprache und im radikalen Bruch mit der traditionellen Bildästhetik liegt?

Ja. Wenn wir an Kino der Nachkriegszeit, also aus den 50er und 60er Jahren denken, kommen uns diese ganzen alten Schinken, Heimatfilme wie Sissi, der ja wieder an Weihnachten lief, in den Sinn. Dieser Film bricht mit solchen Klischees, er setzt sich mit zeitgenössischer Lebenswirklichkeit auseinander! Unterschiedliche Lebenskonzepte, wie sie heute in unserer offenen Gesellschaft normal sind, wurden damals in keiner Weise realisiert und wahrgenommen – und schon gar nicht akzeptiert. Dieser Aspekt des Ungehorsams, des Widerstandleistens ist auch heute noch wichtig.

 

Uschi Glas als „Schätzchen“: hier in der berühmten Szene auf dem Polizeirevier. © Schamoni Film & Medien GmbH

 

 

Bei den Dreharbeiten: Werner Enke als Martin, Regisseurin May Spils und Uschi Glas als Barbara. © Schamoni Film & Medien GmbH

 

Ausstellungsansicht von „Zur Sache Schätzchen“ in der Pasinger Fabrik. © Stefan-Maria Mittendorf

 

Daya Sieber

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