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Wort gegen Bildung

Die Verhandlungen zwischen Universitäten und dem Autorenzusammenschluss sind vorerst gescheitert

Ein Großteil des online verfügbaren Vorlesungsmaterials droht ab Januar offline zu gehen. Hiervon ist an der LMU beispielsweise nicht nur das LSF betroffen, sondern alle Lernmanagementsysteme wie Moodle oder LMU Teams. Laut derzeitigem Stand werden Ende Dezember alle Texte in diesen Portalen, die urheberrechtlich geschützt sind, gelöscht. Das heißt konkret:

Dozenten haben bis Silvester die Möglichkeit, alle noch relevanten Texte online zu stellen und alle Studenten müssen die Texte, die sie für das restliche Semester (und die Prüfungsphase!) benötigen, schnellstmöglich herunterladen.

Natürlich stellt sich die Frage, warum Universitäten plötzlich kein solches Material mehr online stellen dürfen wie bisher. Diese neue Entwicklung hat sich aus einer Klage der Verwertungsgesellschaft Wort, kurz VG Wort, vor dem Bundesgerichtshof ergeben. Während das Oberlandesgericht vor einiger Zeit beschlossen hatte, dass eine Pauschalzahlung vonseiten der Universitäten für online bereitgestelltes Material zulässig sei, hat der Bundesgerichtshof der VG Wort Recht gegeben, dass dies nicht angemessen sei. Daraufhin wurde ein neuer Rahmenvertrag entworfen – dem die meisten Universitäten allerdings nicht beitreten wollen!

Für viele bedeutet diese Umstellung eine enorme Herausforderung für die anstehenden Prüfungen und den gesamten Unialltag, aber dennoch wurde bisher von Seiten der Universität kaum darüber informiert. Unikat hat sich gefragt, was da eigentlich los ist und wie das in den nächsten Semestern aussehen soll? Müssen wir uns künftig wieder für jede Veranstaltung einen Reader für viel Geld kaufen? Die LMU hat sich bereit erklärt, unsere Fragen zu beantworten.

©Tonja Dingerdissen

Zurück zu Papier und Stift? ©Tonja Dingerdissen

Einige Studenten haben in den letzten Wochen von ihren Dozenten gehört, dass ab Januar womöglich alle Texte, die derzeit online zur Verfügung stehen, gelöscht werden. Wie kam es dazu, dass VG Wort nun keine Pauschalzahlung mehr für die online über das LSF und andere Portale verfügbaren Texte akzeptiert?

Nach dem Urheberrechtsgesetz (§ 52a Abs. 4) ist für die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material im Intranet einer Hochschule eine Vergütung an die entsprechende Verwertungsgesellschaft zu zahlen. Bisher erfolgte diese Zahlung pauschal aufgrund eines Vertrags zwischen den Ländern und der VG Wort. Die Kultusministerkonferenz und die VG Wort haben sich Anfang 2016 darauf verständigt, die gesetzlich erlaubten Nutzungen an Hochschulen im Jahr 2016 nochmals über eine angemessene Pauschalzahlung zu vergüten.

Bund und Länder haben mittlerweile mit der VG Wort einen Rahmenvertrag abgeschlossen, der eine Einzelmeldung und -abrechnung aller genutzter Sprachwerke ab dem 1. Januar 2017 vorsieht. Die Ludwig-Maximilians-Universität München ist dem Rahmenvertrag wie die meisten anderen deutschen Hochschulen bisher nicht beigetreten.

Welche Konsequenzen hat dieser aktuelle Sachstand?

Für das Jahr 2016 müssen die Nutzungen noch nicht einzeln erfasst werden. Das bedeutet, dass bis zum 31.12.2016 noch entsprechendes Material in Lernmanagementsysteme eingestellt bzw. heruntergeladen werden kann. Da die LMU – so wie alle Universitäten – dem Rahmenvertrag bislang noch nicht beigetreten ist, darf ab dem 01.01.2017 kein entsprechendes Material mehr in das hochschulinterne Intranet eingestellt werden.

©Tonja Dingerdissen

Dunkler Himmel über der LMU ©Tonja Dingerdissen

Den Studierenden in dieser Form bereits zugänglich gemachtes Material muss zum 01.01.2017 wieder aus dem Intranet und den Lernmanagementsystemen entfernt werden, weil die Pauschalzahlung nur für das Jahr 2016 galt. Sollte sich nach dem 01.01.2017 noch urheberrechtlich geschütztes Material in Lernmanagementsystemen befinden, würde dies einen Urheberrechtsverstoß darstellen, für den die Personen verantwortlich sind, die das Einstellen veranlasst haben.

Und wieso kann und will die LMU diese nicht zahlen? Sind Sie der Meinung, dass diese Forderung nicht gerechtfertigt ist?

Darum geht es nicht. Es gibt ab dem nächsten Jahr nur die Möglichkeit, entweder nichts in internen Lernmanagementsystemen zur Verfügung zu stellen oder jede Nutzung einzeln zu erfassen. Wir haben den Verwaltungsaufwand und die Kosten nur grob geschätzt und festgestellt, dass das Prinzip der Einzelvergütung allein aus diesem Grund für eine Universität von der Größe der LMU kein Weg sein kann.

Welche Möglichkeiten hat die LMU in dieser Lage? Gibt es eine Chance, dass die Verhandlungen noch ein positives Ende nehmen oder werden nächstes Jahr nur noch kostenpflichtige Reader verwendet? Was raten Sie Studenten und Dozenten, die Texte für dieses Semester und vor allem für die Prüfungsphase brauchen?

Es bleibt zu hoffen, dass sich die VG Wort noch zu einer weniger bürokratischen Lösung durchringt, da viele deutsche Hochschulen zum Rahmenvertrag nicht beitreten. Urheberrechtlich geschütztes Material muss bis zum 1. Januar 2017 aus allen Lernmanagementsystemen entfernt werden, danach sind die Personen für einen Urheberrechtsverstoß verantwortlich, die das Einstellen veranlasst haben.

Bilden passwortgeschützte Systeme wie LMU Teams nicht eine Ausnahme, da der Kreis der möglichen Nutzer eingegrenzt ist? 

Das ist ein Missverständnis: Betroffen sind alle zentralen Systeme wie Fiona, LSF und auch Moodle sowie LMU-Teams und darüber hinaus alle dezentralen internen Systeme.

Und abschließend: Welche Reaktion wünschen Sie sich von den Studenten? Könnten Demonstrationen oder Unterschriftensammlungen helfen?

Die Hochschulleitung informiert in diesen Tage gerade die Lehrenden und alle Studierenden der LMU über diese Entwicklung. Mit der Vertretung der Studierenden speziell wird es noch vor Weihnachten ein Gespräch geben über den möglichen Umgang mit dieser Situation.

 

Unikat hat zudem versucht, von der VG Wort selbst zu erfahren, welche Motive sie hat und wie sie die Chancen auf einen positiven Ausgang bewertet, jedoch wurde uns erklärt, dass momentan alle Mitarbeiter zu beschäftigt für eine Stellungnahme seien. Die weitere Entwicklung lässt sich an diesem Punkt also kaum vorhersagen, es bleibt spannend und wir halten euch auf dem Laufenden. Dennoch raten wir allen Studenten sich abzusichern und alle Materialien herunterzuladen, solange sie noch verfügbar sind!

Tonja Dingerdissen

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