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Ein Terroranschlag, der keiner war

Die Atmosphäre eines Amoklaufs auf der Bühne

Die Münchner Kammerspiele inszenieren mit „Point of no Return“ das erste Theaterstück zum Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum. Nur wenige Monate nach der schrecklichen Bluttat vom 22.07.2016 versucht das Stück von Yael Ronen die Stimmung, die an dem Abend in München herrschte, einzufangen.

Eine Flut von Eindrücken stellt sich beim Zuschauer zu Beginn der Vorstellung ein. Man wünscht sich einen Notizblock, um die Geschehnisse festzuhalten. Denn um alle auf einmal erfassen zu können sind die Dinge, die auf der Bühne angesprochen werden, zu mannigfaltig. Zu viele Perspektiven werden während der Vorstellung konturiert. Zu viele Fragen werden aufgeworfen. Aber vielleicht ist das genau einer der Eindrücke, den „Point of no Return“ vermitteln kann oder will.

Dass auch das Schauspiel des 22. Juli 2016 im Nachhinein immer nur unzureichend beschrieben werden kann. Dass niemals alle Fragen zum Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum geklärt werden können und nicht jeder Aspekt dieser schrecklichen Gewalttat logisch und geordnet aufgearbeitet werden kann. Zu viele Gerüchte flogen in dieser warmen Nacht durch den Äther des Internets und zu viel Angst durch die Straßen der Landeshauptstadt von Bayern.

Schicksale in der Schieflage

Die Bühne der Münchner Kammerspiele verläuft im 45 Grad Winkel schief nach oben. Als die Darsteller durch eine Klappe am oberen Ende der von Spiegeln umrandeten, karg dekorierten und bizarr wirkenden Spielstätte auftauchen, müssen sie sich durch ein Seil abgesichert dem Publikum nähern. Das Bild, das auf den Brettern dargestellt wird, passt. Denn auch München befand sich in der Nacht, in der David S. neun Menschen und sich selbst tötete, in einer gewaltigen Schieflage. Nur das Seil, das den Bewohnern der Stadt eine Form von Sicherheit versprechen hätte können, suchten die meisten wohl vergeblich. „Point of no Return“ schafft es dabei, persönliche Schicksale und Gedanken zum Amoklauf zu erzählen, aber auch immer wieder die Stimmung, die an diesem Abend herrschte, einzufangen.

© David Baltzer

© David Baltzer

So erzählen die Schauspieler, wo sie sich am 22. Juli aufhielten und wie sie mit der Situation umgingen. Einer sucht in den Verkaufsräumen eines billigen Textildiscounters Schutz und betrauert dort den Tod seines Handys, das in seinen Armen stirbt, weil der Akku sich leerte. Ein anderer beobachtet wie Menschen in der Innenstadt plötzlich beginnen in Panik loszulaufen und läuft einfach mit, um nicht „uninformiert zu wirken“.

Auch den Terror des Abends thematisiert eine Schauspielerin: „Mein erster Gedanke war: Wow, wir sind die Ersten – und nicht Berlin“

Kurz darauf stellt sie enttäuscht fest, dass München gar nicht Opfer eines Terroranschlags wurde. Viele dieser Erzählung sind dabei überraschend humorvoll. Das mag bei diesem Thema im ersten Moment deplatziert wirken, das Gegenteil ist aber der Fall. Denn das Stück schafft es durch diese humoristischen Einlagen, die im Nachhinein unnötige und überzogene Hysterie des Abends zu entlarven. Die Schauspieler zeigen auf, wie abstrus die Stimmung des Abends war, als sich alle vor einem Terroranschlag, der keiner war, fürchteten. Gleichzeitig schaffen sie es aber, die als real empfundene Angst der Menschen nicht lächerlich zu machen. Die Angst war vielleicht unbegründet, aber Angst funktioniert eben auch nicht nach rationalen Maßstäben. „Point of no Return“ zeigt dabei diese Paradoxie zwischen der Kritik an der Angst und der Legitimität der Furcht.

Unsicherheit als Stilmittel

An diesem Gedankengang knüpft nahtlos die beeindruckendste Szene an. Der Bühnenboden verwandelt sich in eine Leinwand. Überwachungsaufnahmen werden darauf projiziert. Mehrere Menschen stürmen panisch in das Bild, kurz darauf erscheint ein Mann. Er bleibt stehen und wird wenig später niedergeschossen.

© David Baltzer

© David Baltzer

Lange erfährt der Zuschauer nichts zu den Aufnahmen. Stammt sie von dem Abend in München? Ist der Niedergeschossene eines der Opfer des OEZ-Amokschützen? Vor allem schafft die Szene aber eins: Unsicherheit. Man weiß nicht, was man sieht, was man glauben soll und wie man mit diesem Unwissen umgehen soll. Dann läuft die Szene rückwärts und beginnt von vorne. Dieses Mal geben die Schauspieler den Projektionen eine Stimme. Da ist das Mädchen, das noch eingekauft hat und jetzt um ihr Leben bangt, oder der Sicherheitsmann, der nicht weiß, ob er auf die Person vor ihm nun schießen soll oder nicht. Doch er drückt ab, weil er das Gefühl hatte, etwas tun zu müssen.

Aber kann man diesen Stimmen glauben? Man weiß es nicht. Erst nach quälend langen Minuten klärt das Ensemble den Zuschauer auf. Die Aufnahmen stammen von einem Anschlag in Israel. Der Mann, der niedergeschossen wird, heißt Haftom Zarhum. Den Anschlag hat er nicht begangen. Sterben musste er trotzdem – weil Menschen in Panik gerieten und einen Schuldigen suchten.

Die Stimmung der Szene erzeugt das Stück, indem dem Zuschauer Informationen vorenthalten werden. Informationen, die am 22. Juli auch niemand kannte. Es ist ein Sinnbild für die Gerüchte, Vermutungen und Falschinformationen, die durch die sozialen Netzwerke und Medien geisterten, als im OEZ Schüsse fielen. Am Odeonsplatz, am Stachus und auf dem Tollwood sei ebenfalls geschossen worden, hieß es da zum Beispiel. Und weil keiner etwas genaues wusste, wurde jedes Gerücht zu einem gewissen Teil Wahrheit. Wahrheit, die Ängste schürte, wo sie nicht nötig gewesen wären.

© David Baltzer

© David Baltzer

Statistiken und weitreichende Notizen

Schade, dass „Point of no Return“ diesen subtilen Ton im letzten Drittel nicht mehr trifft. Mit plumpen Statistiken, die ein Schauspieler referiert, versucht man die Ängste der Menschen zu besänftigen. Es wird erklärt, dass es wahrscheinlicher sei von einem Hund getötet zu werden oder an einem Herzinfarkt zu sterben als Opfer eines Anschlags zu sein. Dabei hatte man doch vorher so eindrucksvoll gezeigt, dass Angst nicht rational funktioniert und deshalb auch Statistik-Kenntnisse es kaum schaffen, das mulmige Gefühl im Magen bei Terrorangst zu vertreiben.

Das Ende lässt viele der aufgeworfenen Fragen offen. Was hat man da erlebt, was hat man dabei empfunden und wie soll man damit umgehen? Wieder wünscht man sich einen Notizblock, auf dem zumindest die wichtigsten Eindrücke des Abends vermerkt sind. Aber selbst der würde vermutlich nicht helfen. All diese Fragen sind zu komplex, um sie anhand von Stichpunkten im Nachhinein aufarbeiten zu können. Dieses Vorhaben braucht viel mehr Zeit. Zeit, bis sich Gedanken ordnen und in eine klare Form bringen lassen. Es sind dieselben Fragen, die sich München auch direkt nach dem Amoklauf gestellt hat – besser kann die Atmosphäre kaum eingefangen werden.

Point of no Return läuft noch bis einschließlich 24.01.2017 in den Kammerspielen.

Thomas Pillgruber

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