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Ein Davidstern ist das Vereinswappen

Auf den Spuren jüdischen Lebens in
München: Von schrecklichen Taten und jungen Hoffnungsträgern

Bei einem Stadtgang durch die Münchner Innenstadt wird an die Opfer der Reichskristallnacht erinnert.
Dass diese Menschen alle Namen und eine eigene Geschichten hatten, kommt oft zu kurz.
Ein Blick in die Vergangenheit und die Gegenwart jüdischen Lebens in München.

Gleich ist es 14 Uhr und am Treffpunkt – dem Alten Rathaus – sammeln sich die ersten Interessenten für den geführten, kostenfreien Stadtgang zum Gedenken an den 9 November 1938. Maximilian Strnad trägt einen knielangen, schwarzen Mantel und einen dunkelblauen Wollschal. Gerade hat er sich noch mit ein paar älteren Damen unterhalten. Jetzt huschen seine Augen durch die Eingangshalle. Die Gruppe, die sich in der Zwischenzeit um ihn herum versammelt hat, begrüßt er freundlich. Er ist Historiker und Doktorand am Historischen Seminar der LMU München und übernimmt heute gemeinsam mit Irene Bruns die Leitung des Stadtgangs. Nach einer kurzen Info zum Ablauf fügt er hinzu: „Gestartet wird hier am Alten Rathaus, das natürlich auch ein sehr behafteter Ort ist. Hier hat Joseph Goebbels seine Rede gehalten, die ja als Beginn der inszenierten Reichskristallnacht gilt. Nach dieser Nacht gab es 22 bekannte Suizide in München unter jüdischen Bürgern.“ Stille herrscht jetzt im Rathaus. Obwohl die meisten über die Verbrechen der Nazis Bescheid wissen, schüttelt dennoch mancher Besucher fassungslos den Kopf. Fast so, als hätten sie diese Fakten gerade zum ersten Mal gehört.

Ein Tag wie kein anderer: Der 9. November

Die klirrende Kälte des Winterbeginns hat München fest im Griff. Kein anderer Tag des Jahres ist wohl öfter in die Geschichte eingegangen als der 9. November. In München wird heute – dem Tag an dem die USA Donald Trump zu ihrem neuen Präsidenten gewählt haben – den Opfern der Reichskristallnacht gedacht. In jener Novembernacht brannten Synagogen, Schaufenster jüdischer Eigentümer wurden eingeworfen, Wohnungen verwüstet. Die Arbeitsgruppe „Gedenken an den 9.November 1938“ organisiert den Weg der Erinnerung. Ein Stadtgang entlang ehemaliger Wohnadressen verfolgter jüdischer Bürger aus München. Damit soll daran erinnert werden, dass sich hinter dem Wort Kristallnacht nicht nur zerstörte Schaufenster verbergen, sondern unzählige, tragische Schicksale ganzer Familien. Jede von ihnen hat ihr eigenes Leid.

Von vergessenen Gräbern, Namen und zerstörten Leben

In dicke Winterjacken eingepackt, macht sich die Gruppe nun also auf den Weg. Es geht durch die Kaufingerstraße. Am Marienplatz erhält der neue Christbaum gerade sein Lichterkleid. Im vorweihnachtlichen Treiben scheint es schon fast surreal, dass die Verbrechen der Nazis erst 71 Jahre zurück liegen. Während die Gruppe – bestehend aus wenigen Schülern und einigen älteren Münchnern – von Station zu Station wandert, stellen sie den beiden Referenten immer wieder Fragen. Ein älterer, schmaler Herr mit wenigen Haaren in brauner Steppjacke, der weder Mütze noch Schal trägt an diesem eisigen Tag, will wissen wie lange die SA denn jetzt genau aktiv war. Strnad beantwortet mit seiner entspannten Art und fundiertem Wissen alle Fragen.

„Die Idee zum Stadtgang stammt vom Mitzwe Makers e.V. aus München, basierend auf dem Projekt Andenkenpflege“, informiert die in einen dunkelblauen Parka eingehüllte Irene Bruns. Sie spricht laut und deutlich und ein dicker Schal bedeckt ihren Hals. Bei der Initiative geht es darum, verwaiste Grabsteine auf dem Neuen Israelitischen Friedhof von den Zeichen der Zeit zu befreien und so die Namen der Verstorbenen wieder lesbar zu machen. Zu den wiederentdeckten Personen der Gräber stellten die Mitglieder des Vereins dann Recherchen an und stießen auf die ehemaligen Wohnorte der Menschen. Einige dieser Wohnungen sind heute Bestandteil des Stadtgangs, da sie mitten in der Innenstadt liegen. So auch die Wohnung von Leopold Paul Goldlust in der Herzog-Max-Straße 7. Der Mann stammte aus dem österreichisch-ungarischen Pressburg und hatte die polnische Staatsangehörigkeit, war aber deutschsprachig. Die Gruppe versammelt sich um die Infotafel der letzten Station des Stadtgangs und folgt aufmerksam den Worten der Führung, die das furchtbare Schicksal des Opfers schildert: „Herr Goldlust arbeitet als Theaterrequisiteur und als Kastellan der Münchner Hauptsynagoge. Ab Dezember 1927 hat er mit seiner Frau hier, in der Gemeindewohnung neben der Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße 7 gewohnt. Im ersten Stock des Rückgebäudes. In der Nacht vom  9. auf den 10. November zerren Nazischergen Herrn Goldlust aus der Wohnung und führen mit ihm eine Schein-Erhängung am Eisentor des Hinterhofes durch.“ Bruns hält ihren Zettel mit Notizen in der Hand und schaut in die Runde. Schweigen. Schaudern. Es folgt eine kurze Pause. Einige aus der Gruppe blicken an den Punkt, wo das Tor zum Hinterhof gestanden haben muss. „Herr Goldlust kommt später mit der Häftlingsnummer 10399 ins KZ Buchenwald, wo er unter ungeklärten Umständen ermordet wird. Seine Frau kommt in Theresienstadt um.“ Niemand scheint noch sprechen zu wollen.

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Der Gedenkstein mit Blumen. Foto: Ornella Cosenza

Leise und mit einem kurzen Händedruck verabschieden sich die Teilnehmer von Irene Bruns und Maximilian Strnad und gehen weiter zum Gedenkstein, der nur ein paar Meter entfernt ist. Vor ihrer Zerstörung durch Nationalsozialisten stand hier die Hauptsynagoge. Heute befindet sich dort das Kaufhaus Oberpollinger. Blumen sind am Gedenkstein niedergelegt worden und gelegentlich halten Passanten, die zufällig vorbeikommen, inne. Während in der Innenstadt die alljährliche Jagd auf Weihnachtsgeschenke ihren Lauf nimmt, steht die Zeit hier still. Namen werden verlesen. Es sind die Namen von Kindern und Jugendlichen aus München, die Opfer der Judenverfolgung wurden. Gelesen von Schülern und Schülerinnen. Ein junges Mädchen, vielleicht 13 Jahre alt, tritt mit gesenktem Blick auf die errichtete Bühne hinter dem Stein. Ihre Finger umklammern ein Stück Papier. Mit zarter Stimme spricht sie in das Mikrofon: „Gideon Hellmann wohnte in der Magdalenenstraße 2 und wurde im Alter von zwei Jahren deportiert und ermordet.“ Bevor sie weiterliest schluckt sie kurz. Sie wird noch eine ganze Reihe weiterer Namen vorlesen. All diese Kinder und Erwachsenen waren Bürger der Stadt. Die jüdische Gemeinde Münchens zählte, so der Historiker Maximilian Strnad, 1933 ungefähr 10.700 Mitglieder, sechs Jahre später waren es nur noch 5.500 Menschen. Wer flüchten wollte, der musste eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25% verrichten. Die Nazis erwirtschafteten damit Einnahmen in Höhe von rund einer Milliarde Reichsmark. Doch wie sieht es eigentlich heute mit der jüdischen Gemeinde in München aus?

Die Neugründung der jüdischen Gemeinden Münchens und das liberale Judentum

Nur wenige Straßen weiter in der Innenstadt, befindet sich am St-Jakobs-Platz das Jüdische Zentrum mit der neuen Hauptsynagoge Ohel-Jakob. Hier hat die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern ihren Sitz. Neben dem Jüdischen Museum gibt es mittlerweile auch einen Jüdischen Kindergarten, eine Kinderkrippe, eine Ganztages-Grundschule und seit September diesen Jahres  ein Jüdisches Gymnasium. Die Einrichtungen heißen auch Kinder mit nicht-jüdischem Hintergrund willkommen. Neben der großen Israelitischen Kultusgemeinde, existiert eine liberale Gemeinde in München.
Der  67-Jährige Jan Mühlstein ist Vorstand der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München. Seine Wohnung ist vollgestellt mit Büchern und Fotos von der Familie, vereinzelt ist auch ein Urlaubsbild dabei. Der ehemals als Journalist tätige Mühlstein war bis vor fünf Jahren Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland. Er entstammt einer deutschsprachigen Familie aus der Tschechoslowakei. Seit 1969  lebt er in Deutschland. Er trinkt Tee und erzählt: „Beth Shalom zählt heute knapp 500 Mitglieder und die Israelitische Kultusgemeinde um die 9.500 Mitglieder. Man muss wissen, dass es nicht nur das eine Judentum gibt.“ Das liberale und das orthodoxe Judentum basieren auf den gleichen Grundlagen, nämlich der Tora und dem Talmud. Diese werden aber unterschiedlich ausgelegt. „Es geht weniger um theologische Glaubensfragen, sondern mehr um die Religionspraxis und religionsrechtliche Fragen. Die Reformbewegung des Judentums gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert und sie entspricht dem Mehrheitsgefühl der Juden. Sie wurde zwar durch die Shoah unterbrochen, aber seitdem ist sie in einem Prozess des Entwickelns, der immer weitergeht.“ Herr Mühlstein trägt einen Strickpullover mit Rauten und wenn er erzählt, leuchten seine braunen Augen. Mit einer Hand hält er die warme Teetasse. Draußen regnet es seit Stunden.
Bis 1933 gab es eine liberale Mehrheit des Judentums in München, die aufgrund der Nazidiktatur aber verschwand. Auch die ehemalige Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße folgte dem liberalen Ritus. „Für die Neugründung der liberalen Gemeinde in München spielten insbesondere amerikanisch-jüdische Familien eine entscheidende Rolle. An anderen Orten, waren Zuwanderer aus der Ex-UDSSR an der Gründung beteiligt.“ Anders als in orthodoxen Synagogen gibt es in den Synagogen liberaler Gemeinden keine Geschlechtertrennung. „Auf die Gleichheit der Geschlechter legen wir großen Wert. Männer und Frauen sind auch in liturgischen Handlungen gleichberechtigt.“ Für die Jungen gibt es beispielsweise die Bar Mitzwa, aber auch die Mädchen haben eine eigene Bat Mitzwa. Doch das ist längst nicht alles. „Wir akzeptieren eine homosexuelle Orientierung unserer Mitglieder. Außerdem können auch nicht-jüdische Ehepartner am Gottesdienst als Gäste teilnehmen und sind in das Gemeindeleben integriert. Und: Frauen können zu Rabbinerinnen ordiniert werden.“ So wie eine von Jan Mühlsteins Töchtern. Sie ist Rabbinerin in London, worauf er sichtlich stolz ist.

Ein jüdischer Sportverein in München: Der TSV Maccabi

Im Stadtteil München-Riem steht an der Riemerstraße 300 eine Sportanlage. TSV Maccabi München steht in großen Buchstaben auf dem braunen Gebäude mit flachem Dach. Es ist einer der letzten sonnigen Herbsttage. Maurice Schreibmann, Vereinsmanager des deutsch-jüdischen Vereins, schlendert über die Anlage. Der Mann mit der weiten, schwarzen Winterjacke und einer gräulichen Mütze sagt: „Wir haben alles da was es an Religionen und Nationalitäten so gibt. Das Jüdische ist eigentlich nur, dass wir an Samstagen nicht spielen. Ansonsten ist‘s ein ganz normaler, natürlicher Fußballverein. Und es funktioniert.“ Heute ist die Anlage leer, einen Tag vorher kickten ein paar Jungs eifrig auf der großen Wiese. Hier finden Fußball und Tennis statt, alle anderen Sportarten wie Ballett, oder Gymnastik sind in der Haupthalle am St.-Jakobs-Platz untergebracht. Im Gegensatz zum jüdischen Gemeindezentrum in der Innenstadt, ist der Sportverein nicht streng überwacht. Ein Davidstern ist das Vereinswappen. Er ist auf der Fassade angebracht. „Seit einem Jahr haben wir eine Videoüberwachung für unsere Anlage. Gerade nach der Terrorwelle in Europa kamen viele, besonders auch nicht-jüdische Eltern zu uns mit dem Wunsch, die Anlage besser schützen zu wollen.“ Antisemitische Übergriffe habe es aber bisher keine gegeben. Lediglich Schmierereien an den Wänden. „Die hatten aber keinen Anti-Jüdischen oder Anti-Israelischen Hintergrund. Das waren einfach Kids, die rumgeschmiert haben. Mit der Videoüberwachung hat‘s dann aber aufgehört. Klar, das hier ist ein jüdisches Objekt, aber es ist nicht schützbar. Außer mit zehn Mann vielleicht. Wenn einer aber was machen will, dann tut er’s einfach.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Die Welt ist ja schon sehr komisch geworden, trotzdem sind andere Vereine auch nicht besser dagegen geschützt, dass einer kommt und was macht. Da kann man nur hoffen und beten, dass nix passiert.“ Absolute Sicherheit gibt es wahrscheinlich nirgendwo. Unumstrittene Tatsache ist allerdings, dass Sport die Begegnung von Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten möglich macht. Großen Wert legt der Verein auf die Trainer und die Pädagogik und darauf wie mit den Kindern umgegangen wird. Die schönsten Momente sind für ihn jene, in denen er die Entwicklung der Kinder miterleben kann: „Ich bin ja selbst noch ein großes Kind. Zuhause habe ich Töchter und hier hab‘ ich halt Jungs. Es ist toll, wenn die mit vier oder fünf Jahren hier her kommen und man sieht wie sie sich verändern und besonders erfolgreich werden.“ Dabei wirkt der bald 60-Jährige schon fast nostalgisch und stolz auf seine Schützlinge. Jedes Jahr im Juli veranstaltet der Verein außerdem ein Kurt-Landauer-Fußball-Turnier. Landauer war einst Präsident des FC-Bayern und Jude. Nach ihm ist auch die Fußballwiese benannt, vor der Schreibmann jetzt steht.

Nicht nur beim TSV Maccabi trifft man auf eine neue Generation junger Menschen mit jüdischem Hintergrund. Für Studierende gibt es einen Verband, in dem manche von ihnen aktiv teilnehmen.

Zwischen Vorurteilen und friedlichem Zusammenleben: Die junge Generation

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Die Ohel-Jakob-Synagoge am St.-Jakobs-Platz. Foto: Ornella Cosenza

Sapir von Abel ist Master-Studentin der Interkulturellen Kommunikation in München und derzeit Vorstand des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB). Für ihr Studium kam sie vor vier Jahren nach München und hat davor drei Jahre lang in Israel gelebt. Im Telefongespräch erklärt sie: „Erst nach und nach habe ich begriffen, wo ich jetzt eigentlich wohne. Je älter ich werde und damit auch bereiter werde, mich mit meiner Umwelt auseinander zu setzen, merke ich, dass es auch schwer sein kann in München zu leben. Besonders beim Anblick der Gebäude aus der Nazi-Zeit, kann das echt bedrückend sein.“ Der VJSB organisiert diverse Veranstaltungen und zwar gezielt für jüdische StudentInnen in Bayern. Einmal im Monat gibt es das Angebot, gemeinsam am Freitagabend am Shabbat-Gebet in der Ohel-Jakob-Synagoge teilzunehmen. Es ist keine Voraussetzung bei religiösen Veranstaltungen dabei zu sein. Man kann auch beim anschließendem Essen im jüdischen Restaurant Einstein, direkt gegenüber der Synagoge am St.-Jakobs-Platz, dazu stoßen. Dieses wird ebenfalls streng bewacht. Hinein kommt man nur nachdem man eine Sicherheitsschranke wie am Flughafen passiert hat. Das kennen die meisten, sie sind es gewohnt. „Ich würde mich wundern, wenn keine Polizei da wäre. Außerdem glaube ich, dass es schon viel Rassismus Antisemitismus und Vorurteile in der Gesellschaft gibt.“ So schildert Sapir, dass ein Thema, das sie seit ihrer Jugend begleite, die Geld-Sache sei: „Die Annahme, dass alle Juden reich sind. Juden und Geld, das gehört für viele zusammen. Das hat sich über die Jahre hinweg scheinbar bewahrt. So nach dem Motto: Aha, dann hat deine Familie also Geld. Oder auch Leute, die dann von einer zionistischen Weltverschwörung reden. Sowas kann man irgendwann einfach nicht mehr hören.“

Nicht nur der VJSB, aber auch viele andere jüdische Gemeinden, darunter die liberale Gemeinde Beth Shalom, kooperieren oft mit anderen religiösen Verbänden, wie dem Münchner Forum für Islam. Für einen interreligiösen Dialog und gegen Vorurteile auf beiden Seiten. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Parteien europaweit erstarken, ist ein Zusammenhalt der verschiedenen Kulturen wichtiger denn je.  „Das ist zwar manchmal ein mühsamer Prozess“, meint Gemeindevorstand Jan Mühlstein und fügt hinzu: „aber er ist da.“  Zum Schluss zitiert er eine Stelle aus dem Talmud von Rabbi Tarphon: „Nicht liegt es an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei von ihm abzulassen.“

Ornella Cosenza

Die Reportage ist im Rahmen des Workshops „Die Kunst des Reportage-Schreibens“ am Schreibzentrum der LMU unter der Leitung von Ursula Kals (FAZ) entstanden.

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