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Promotion mit Hindernissen

Wie der Verfassungsschutz die Beschäftigung eines

Doktoranden an der LMU verzögert

Was ist für eine Karriere an der Universität wichtig? Wissensdurst? Fleiß? Intelligenz? Offenheit? Bestimmt. Aber auch die „richtige“ politische Gesinnung? Kerem Schamberger (30) absolvierte Bachelor und Master am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) an der LMU München. Jetzt würde er gerne promovieren und als wissenschaftlicher Mitarbeiter den Lehrbereich Meyen ergänzen. Doch obwohl Professor Meyen und das Institut Schamberger beschäftigen würden, ist das derzeit nicht möglich. Woran liegt das?

Wer sich auf eine Stelle im Öffentlichen Dienst bewirbt, hat in Bayern einen Fragebogen auszufüllen, bei dem „extremistisch oder extremistisch beeinflusste Organisationen“ anzugeben sind. Werden entsprechende Angaben gemacht, muss der Verfassungsschutz zu der Person Stellung nehmen. Auch wenn es wie in diesem Fall nur um eine befristete 50%-Teilzeitstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter geht. Erst dann kann die LMU entscheiden, wen sie einstellt. Schamberger, der DKP-Mitglied ist und zu seiner kommunistischen Überzeugung steht, gab deshalb vor über drei Monaten den Fragebogen ab. Doch die Stellungnahme stand bis Ende Oktober aus. Inzwischen liege diese wohl vor, doch der Inhalt ist Schamberger noch nicht bekannt.

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Warten statt lehren?

Eigentlich sollte er bereits seit Oktober Erstsemester-Studenten die Grundlagen der Kommunikationswissenschaft beibringen, Bachelorarbeiten betreuen und an seiner Dissertation schreiben. Doch bislang konnte er nichts anderes machen, als auf die Antwort des Bayerischen Verfassungsschutz zu warten. Schamberger wollte eine kritische Kommunikationswissenschaft lehren und seiner Forschung zugrunde legen. Der Lehrbereich seines Doktorvaters Professor Michael Meyen arbeitet hauptsächlich mit großen Sozialtheorien. Hier herrscht das Verständnis, dass es eine vollkommene Objektivität in einer Sozialwissenschaft nicht geben kann. Die Persönlichkeit des Wissenschaftlers beeinflusst seine Forschung, auch wenn er alle wissenschaftlichen Standards anwendet. Weswegen immer auf intersubjektive Nachvollziehbarkeit gesetzt wird, was heißt, dass die Position des Forschenden offengelegt werden muss, um diese Effekte nicht zu verschleiern. Diese Auffassung von Wissenschaft teilt auch Schamberger. Er steht zu seiner Meinung und akzeptiert, dass viele eine andere haben: „Ich bin niemand, der seine kommunistische Überzeugung anderen Leuten aufzwängen würde“. Die Verfassung würde er eher verteidigen als sie anzugreifen. So demonstrierte er gegen das Integrationsgesetz der CSU, das nach seinem Verständnis elementare Rechte des Grundgesetzes angreift.

Weshalb also diese Verzögerungen? Dazu lässt sich nur spekulieren. Kerem Schamberger publiziert viel auf seinem Blog oder in den sozialen Medien. Unter anderem prangert er den Demokratieabbau in der Türkei und die Entlassung zahlreicher kritischer Wissenschaftler aus den türkischen Universitäten an. Er ist ein Mensch, der sich engagiert – nicht nur in Gruppierungen aus dem linken Spektrum. Als Mitglied der Fachschaft organisierte Schamberger Partys gleichermaßen mit wie die Veranstaltungsreihe „KW-Abseits“. Im Rahmen von „KW-Abseits“ sollten die Studierenden einen Blick über den Tellerrand bekommen. Gäste waren unter anderem ein Kriegsfotograf, die Macher der „Anstalt“ und der SZ-Journalist Bastian Obermayer, der am Leak der Panama Papers mitarbeitete.

Die SZ und andere große Tageszeitungen berichteten kürzlich über Schambergers Situation. Die Meinungen der Leser sind geteilt. Von Empörung über das „De facto Berufsverbot“ (wie Schamberger es nennt) bis hin zu Schadenfreude finden sich viele Reaktionen im Internet. Doch das Maß an Solidarität und Unterstützung, das Schamberger entgegengebracht wird, überrascht ihn. Was er in Zukunft beruflich machen möchte, weiß er noch nicht. Er strebt weder eine Professorenkarriere an der Hochschule an, noch eine politische Laufbahn. Erstmal hofft er darauf, möglichst bald mit seiner Promotion beginnen zu dürfen.

Paula Faul

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