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„Deutschland ist so 90er.“

Jährlich gibt es europaweit über 250 000 Erasmus-Studierende. Auch deutsche Universitäten nehmen ausländische Studenten auf – unser Autor aus Norwegen ist einer davon.

Umzug. Von einem Land in ein anderes, wo die Sprache ähnlich, aber die Kultur doch unterschiedlich ist. Endlich bin ich hier. Nach vielen Jahren an der Universität Agder (UiA), die südlichste Universität von Norwegen, bin ich für ein Austauschstudium an der Technischen Universität München (TUM) nach Deutschland gezogen. Die TUM hat rund 39 000 Studenten, ungefähr viermal so viel wie die UiA.

oktoberfest

Das Oktoberfest war größer als erwartet. (c) Targeir Attestog

Ich musste selbst nach einer Wohnung suchen, weil die Universität keine Wohnungen an europäische Studenten vermittelt, nur an Studenten aus anderen Teilen der Welt. Das Studentenwerk in Agder vermittelt Wohnungen für alle Austauschstudenten – auch aus Europa. Ich begann im Sommer sofort verschiedene Vermieter aus Wohnungswebsiten zu kontaktieren und bekam wenige Antworten zurück, aber das genügte um drei Besichtigungstermine zu ergattern. Ich fuhr deshalb nach München und kam dort am sehr dramatischen Freitag, 22. Juli, an, als ein 18-Jähriger viele unschuldige Menschen am Olympia-Einkaufszentrum erschoss. Meine Herberge im Stadtteil Laim erreichte ich mit der S-Bahn ungefähr zu dem Zeitpunkt, als das Schießen anfing und kurz bevor der öffentliche Nahverkehr gestoppt wurde. Ich wohnte knapp zehn Kilometer von den grauenvollen Ereignissen weg. Es war erschreckend, die Nachrichten im Fernsehen zu sehen, aber ich fühlte mich in der Herberge – und auch in München – sicher.

Zwei Tage später hatte ich zwei von den Besichtigungsverabredungen. Die erste war in Giesing, südöstlich von der Isar. Ich konnte zwischen drei sehr ähnlichen Wohnungen im obersten Stockwerk wählen. Eine davon war an der Straße, das hieß: Lärm von Tram und Autos. Deshalb wählte ich eine von denen, die in den Hinterhof gingen. Alle Wohnungen in diesem Stockwerk wurden gerade renoviert, so war ich natürlich gespannt, wie es bei meiner Rückkehr aussehen würde.

Das erste Mal auf dem Oktoberfest

Zwei Monate später kam ich nach München zurück. Meine erste Nacht verbrachte ich in einem Hotel in Feldmoching, wohin ich meine beiden schweren Koffer schleppte. Es war gerade Oktoberfest-Zeit und ich besuchte die Theresienwiese, um zu sehen, was es dort eigentlich gab. Der Eintritt war frei, was bei vielen Festivals in Norwegen nicht der Fall ist. Es hat mich überrascht, wie viele Menschen da tatsächlich waren. Ich musste aufpassen, mich immer in Bewegung halten, so dass Menschen an mir vorbeigingen und mich nicht anrempelten. Es gab viele Tivolikarusselle und Buden, wo man gebrannte Nüsse und Eis kaufen konnte. Ich habe dort das ein oder andere probiert, aber kein Bier getrunken, weil es in den Zelten ziemlich voll aussah. Ich habe stattdessen ein Glas Bier zusammen mit einem Wiener Schnitzel im Hotel gegessen.

Am nächsten Morgen habe ich meinem TUMi-Buddy beim Hotel getroffen, mein Mentor der TUMinternational. Er kommt aus einem Dorf südlich von München und schreibt gerade an seiner Masterarbeit. In der U-Bahn hat er mir beim Tragen geholfen – in Lederhose, weil er später zu einem Fußballspiel gegangen ist und dann auf das Oktoberfest.

Als ich einzog, wurde im Badezimmer noch etwas montiert und ein Fernseher mit Tischantenne in die Wohnung gebracht. Die Wohnung war sonst voll möbliert mit Küchenecke, Schrank, Bett, Tisch, ein paar Stühle. Die Wände waren weiß.

„Vielleicht kaufe ich mir einen Projektor für Heimkino.“

Es leben die 90er Jahre

Ich musste meinen Umzug nach München beim Kreisverwaltungsreferat registrieren. Das hieß: Warten. Über zwei Stunden. Glücklicherweise hatte ich ein Lehrbuch mitgebracht, das ich in der Wartezeit lesen konnte. Nach einiger Zeit gab ein Beamter Informationen von meinem Papierformular in ein ähnliches elektronisches Formular ein – in Norwegen würde ich ein elektronisches Formular des norwegischen Volksregisters selbst ausfüllen können. Niemand muss in Schlangen warten. Liebes Deutschland! Mach es doch bitte nicht wie in den 90er Jahren!

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Orientierung für Austauschstudenten an der TUM. (c) Targeir Attestog

Bargeld hat immer noch ein sehr aktives Leben in Deutschland, was es in Norwegen nicht mehr hat. Doch, man kann noch fast überall in Norwegen bar bezahlen, aber so ist es auch mit Bank- und Kreditkarte. Dem Personal in norwegischen Cafés und Restaurants gefällt es besser, wenn du mit Karte bezahlst. Vielleicht ist ihr Kopfrechnen nicht so gut wie bei ihren deutschen Berufskollegen? Ich bezahle eigentlich nur im StuCafé bar, wenn ich Pause von den Vorlesungen habe, und in Gaststätten, wenn ich bei einem Stammtisch bin, wie mit lokalen Computerspielentwicklern in München.

Tram und Zug ist in Norwegen nicht so üblich im Nahverkehr in den Städten. In Oslo hat man viele Linien mit Tram und „T-banen“, was Tunnelbahn bedeutet. In Bergen hat man eine lange Linie mit „Bybanen“, also die Stadtbahn. Trondheim hat eine einzige Tram-Linie, alles andere fährt man mit dem Bus. Das geht meistens problemlos in Norwegen, denn die meisten Städte haben nicht so viele Einwohner. Die zwei Universitätsstädte in der Region Agder, Kristiansand und Grimstad, haben jeweils 70 000 und 30 000 Einwohner. Diejenigen, mit den kürzesten Wegen zur Arbeit und Uni, kommen mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Ich habe mich jetzt an die U-Bahn gewöhnt, aber ich finde die Aussicht durch das Fenster langweilig. Außerhalb von der U6 nach Garching-Forschungszentrum ist sie in Ordnung, weil sie die letzte Hälfte der Strecke oberirdisch fährt.

Alpenausblick vom Perlacher Mugl

Ich wohne also im Stadtteil Giesing, direkt bei einem schönen Naturgebiet entlang der Isar. Im Oktober ist der Wasserspiegel tief gewesen, so dass ich auf runden, weißen Steinen spazieren konnte. Mit der U-Bahn oder Tram komme ich nach Süden zu den großen Waldgebieten des Perlacher Forsts und des Grünwalder Forsts. Perfekt zum Laufen, wenn ich vom Studium Entspannung brauche. Ich habe hier den künstlichen Hügel Perlacher Mugl bestiegen, wo man an klaren Tagen die Alpen sehen können soll. Ich war dort und es war sonnig, aber ich wusste nicht, ob ich in der Ferne Wolken oder schneebedeckte Berge sah.

Neue Wege gehen im Perlacher Forst

Neue Wege gehen im Perlacher Forst. (c) Targeir Attestog

Die Hälfte meiner Vorlesungen sind auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Ich habe keine Probleme, die gesprochenen Worte zu verstehen, aber natürlich ist es eine Herausforderung, dem fachlichen Inhalt zu folgen. Ich habe zum Glück die Möglichkeit, alles nachher selbst durchzulesen, um es besser zu verstehen. Alle meine Dozenten geben sich Mühe den Lehrstoff interessant zu präsentieren. Obwohl ich nicht immer alles gleich verstehe, habe ich immer Lust alles zu lernen.

Von Unikum zu Unikat

Zu Hause habe ich für die lokale Studentenzeitung Unikum geschrieben, und muss sagen ich war sehr überrascht, als ich herausfand, dass eine der Studentenzeitungen in München ähnlich heißt, nämlich Unikat. Das norwegische Unikum wurde 2001 als Printmagazin gegründet und erscheint auch heute noch monatlich auf Papier. Dies ist möglich, weil die Zeitung ökonomische Unterstützung von der Universität Agder und dem Studentenwerk Agder bekommt. Aber auch, weil sie sich mit Anzeigen finanziert. Unikum und Unikat haben für mich ähnliche journalistische Profile. Unikum ist meistens auf Norwegisch, aber hat einige Artikel auf Englisch, die von Austauschstudenten geschrieben sind. Vielleicht willst du mal auf der Website vorbeischauen?

 

Targeir Attestog

Diesen Artikel findet ihr im Original auf Norwegisch auf der Seite von Unikum.

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  1. Gabriel Knight 2: The Beast Within | unikat - […] Herbst habe ich in einem Artikel erwähnt, dass einige Aspekte des Lebens in Deutschland ein bisschen an die 90er Jahren…

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