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Acht Millionen für neue Rekruten

Die Youtube-Serie der Bundeswehr auf dem Prüfstand

Die Bundeswehr sucht frisches Blut. Seit der Abschaffung der Wehrpflicht kämpft sie um neue Rekruten. Circa 20.000 braucht das deutsche Militär pro Jahr. Doch die Zahl der Anwerber deckt den Bedarf nicht. Deshalb setzt die Bundeswehr seit geraumer Zeit auf mehr Werbung und erntet dafür von vielen Seiten Kritik.

Bereits im vergangenen Jahr startete die Bundeswehr ihre groß angelegte PR-Kampagne „Mach was wirklich zählt“. Im öffentlichen Raum sorgten besonders die Werbeplakate der Kampagne für Wirbel. Mit Sprüchen wie „Krisenherde löschst du nicht mit abwarten und Teetrinken“ oder „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“ wurden im November 2015 Bushaltestellen und viele andere Plätze plakatiert. Dass vor allem jüngere Personen für die Bundeswehr von großem Interesse sind, ist kein Geheimnis. Da scheint es natürlich logisch, dass man nun versucht Onlineplattformen zu nutzen, um Interessenten für den Wehrdienst anzulocken. Deshalb hat die Bundeswehr nun, genau ein Jahr nach dem Start der großen PR-Kampagne, ihre eigene Youtube-Serie: „Die Rekruten“ .

Insgesamt 90 Folgen des Youtube-Formats sind geplant. Im Stil einer Reality-TV Sendung werden zwölf Rekruten während ihrer Grundausbildung per Kamera begleitet. Von der Einkleidung über kleinere Gewaltmärsche in voller Montur bis hin zum Fitnesstraining, geben die durchschnittlich sechs Minuten langen Episoden Einblick.

Deplatzierte Effekte

Die Serie kommt dabei wie ein recht einfach produzierter Vlog daher. Wackelnde Kamera-Bilder, Fisheye-Effekt und Texteinblendungen bestimmen die Optik des Formats. Letztere sollen Informationen am Rande liefern, aber auch für Belustigung sorgen. Lustig sollen auch die immer wieder eingefügten Soundeffekte sein. In beiden Fällen wirken die humoristischen Einlagen aber mehr als nur flach, teilweise auch äußerst deplatziert. So wird in einer Szene zum Beispiel ein „Digger/Alder“-Zähler eingeblendet, in einer anderen hört man eine Person verzweifelt schreien, als eine Rekrutin sich schweren Herzens von ihren Piercings trennen muss.

Gekostet hat die Serie circa acht Millionen Euro. Wohin das Geld allerdings hingeflossen ist, bleibt fraglich. Sowohl die wackligen, teilweise selbst bei höchster Auflösung noch grobkörnigen Bilder als auch die sehr schwachen Effekte lassen „die Rekruten“ schlichtweg nur billig produziert aussehen. Für acht Millionen hätte man schon erwartet, dass die jungen Bundeswehrler à la das „A-Team“ mit einem Panzer aus einem Transportflugzeug springen.

Auch das Bild, das von den Rekruten gezeigt wird, ist äußerst oberflächlich. Während den Episoden erfährt man so gut wie nichts über sie. Zwar gibt es kleine sogenannte „Homestory“-Videos, bei denen die Rekruten ihre Motivation für den Wehrdienst, ihr Umfeld und einige andere persönliche Informationen beleuchten, diese sind aber nur um die drei Minuten lang und wirken gestellt und nicht aussagekräftig. Dass die Bundeswehr ihren Rekruten in diesen Homestorys zudem Spitznamen wie „der Checker“ oder „die Biker-Queen“ verpasst, verstärkt diese Oberflächlichkeit noch.

© Bundeswehr
Mit solchen und anderen Sprüchen wirbt die Bundeswehr um neues Personal. (© Bundeswehr)

Werbekampagne ohne Realitätsbezug

Der größte, immer wieder genannte Kritikpunkt ist, dass sie ein falsches Bild der Bundeswehr vermittle. Dieser Eindruck beschleicht einen, wenn man sich die bislang veröffentlichten Folgen anschaut. Das Leben beim Bund wird als relativ unbeschwert dargestellt. Aspekte wie mögliche Kampfeinsätze, Verwundungen oder vielleicht sogar der Tod werden (zumindest bisher) kaum thematisiert. Nur in einer Episode wird das Thema PTSB, also Posttraumatische Belastungsstörung, behandelt. Die Rekruten gedenken in dieser Folge mit Pushups Soldaten, die sich aufgrund der Krankheit das Leben genommen haben. Nur kurz äußern sie selbst ihre Gedanken zu PTSB.

Aber es bleibt zu oberflächlich. Wirklich detaillierte Informationen was PTSB ist, wie die Krankheit ausgelöst bzw. behandelt wird und wie man mit ihr umgeht, gibt es nicht. Dass die Bundeswehr kaum Interesse daran haben dürfte ethische, moralische oder andere komplexen Fragen im Zusammenhang mit dem Wehrdienst in einer Werbekampagne zu diskutieren, scheint logisch. Dennoch, auch wenn die Folge zu PTSB nicht tief genug in die Thematik einsteigt, zeigt sie das die Webserie scheinbar auch schwierige Themen ansprechen will.

Was kommt noch?

Wer Einblicke über den Alltag bei der Ausbildung bei der Bundeswehr erhalten möchte, kann sich das Format durchaus anschauen. Als Werbekampagne lässt sie bisher allerdings wichtige Aspekte außen vor. Dabei wäre es doch für das junge Zielpublikum wichtig zu sehen, wie die Rekruten über mögliche Konsequenzen eines Wehrdiensts denken und wie sie selbstreflexiv die Geschehnisse der Ausbildung Revue passieren lassen. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde zwar schon gemacht, dieser reicht aber bei weitem noch nicht aus. Bleibt die Frage offen, ob die Bundeswehr es schafft, in sechs Minuten Videos solche schwierigen aber wichtigen Themen angemessen darzustellen. Ein finales Urteil bleibt also bis zur letzten Episode verwehrt.

Thomas Pillgruber

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