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Mehr Action als Kino

Nicht zu verachten: Geächtet im Residenztheater

Ein regnerischer Tag: Perfekt für einen Theaterbesuch! (c) Tonja Dingerdissen

Ein regnerischer Tag: Perfekt für einen Theaterbesuch! (c) Tonja Dingerdissen

Es regnet und regnet und regnet… Was tun, an einem solch tristen Tag im Juni, wenn es wieder nichts wird mit Grillen an der Isar? Viele würden sagen, Kinowetter! Aber wer in letzter Zeit mal im Kino war, vielleicht noch in einem 3D-Film, der weiß, dass das ganz schön ins Geld geht. Eine gute Alternative: Das Residenztheater! Eine Studentenkarte kostet nur acht Euro, es ist mindestens genauso unterhaltsam, die Snacks sind besser und man muss sich nicht erst eine halbe Stunde lang Werbung ansehen, ehe es losgeht. Und wenn man sich nun für Theater entschieden hat und sowohl Faust als auch die Shakespeare-Klassiker schon kennt, wieso nicht ein neues, zeitgenössisches Stück ansehen, das immerhin 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde?

Geächtet, geschrieben von Ayad Achtar, unter der Regie von Antoine Uitdehaag, läuft seit Februar im Residenztheater. Das Plakat, mit dem das Stück beworben wird, ist sehr schlicht: Nur ein Mann im Anzug auf einer ansonsten leeren Bühne. Vor der Aufführung kann man sich auf der Seite des Residenztheaters eine sechsminütige Audioeinführung des Dramaturgen zum Stück anhören. Er erzählt knapp etwas über den Inhalt, schildert aber vor allem den Hintergrund des Stücks: Die Folgen der Anschläge des 11. Septembers für die amerikanische Gesellschaft. Ich stelle mich also auf ein ernstes, nachdenkliches Stück ein.

Zu einem anständigen Theaterabend gehört aber nicht nur eine Einstellung auf das Stück, sondern auch ein kleiner Aperitif und ein Snack vor Beginn: Im ersten Stock des Residenztheaters werden belegte Baguettes und Getränke verkauft. Und obwohl die Bar „Zur schönen Aussicht“ heute nur eine Aussicht auf ein regnerisches, ungemütliches München bietet, ist kaum noch ein Platz frei.

Der Aperitif vor dem Stück gehört einfach dazu (c) Tonja Dingerdissen

Der Aperitif vor dem Stück gehört einfach dazu. (c) Tonja Dingerdissen

So überrascht es uns kaum noch, dass das Theater praktisch bis auf den letzten Platz besetzt ist. Es herrscht ein munteres Stimmengewirr, dann ertönt der letzte Gong, das Licht geht aus und das Stück fängt an.

Das Stück ist sehr intensiv, es wirkt von der ersten Sekunde an unheimlich echt und ungekünstelt, der Zuschauer hat das Gefühl, vielmehr ein stiller Gesprächsteilnehmer zu sein als ein Außenstehender. Immer wieder bricht das Publikum in schallendes Gelächter aus oder der vollbesetzte Saal schnappt schockiert nach Luft. Vielleicht gerade dank der Kürze des Stücks – es dauert nur gut eineinhalb Stunden – gibt es in den Dialogen keine Längen, man wendet den Blick keine Sekunde von der Bühne.

Zu Beginn des Stücks werden die verschiedenen Personen mit ihrer Beziehung zueinander vorgestellt. Hierbei kommt immer wieder das Thema Islam auf: Amir, Anwalt in einer jüdischen Kanzlei, hat sich von seinem muslimischen Glauben abgewandt und seinen Namen geändert. Er steht den Lebensvorstellungen, wie sie im Koran dargestellt werden, mehr als kritisch gegenüber – sei es die Akzeptanz für Gewalt gegen Frauen oder der Anspruch, als eine Art Verfassung zu dienen. Dennoch fühlt er sich seines Aussehens wegen oft von Behörden verdächtigt und diskriminiert. Seine Frau Emily ist Künstlerin und sieht in der islamischen Kunst eine große Inspiration. Sie misst dem Islam eine große und wichtige Rolle für unseren heutigen Lebensstandard und unsere Bildung bei. Sie versucht ihren Mann von einer weniger feindlichen Haltung gegenüber seiner Religion und damit auch seiner Verwandtschaft zu überzeugen. Isaac, ein Bekannter von Amir, ist Kurator. Er hilft Emily, ihre Kunst bekannt zu machen. Er ist selbst jüdisch, jedoch begeistert von der Art und Weise, wie Emily den Islam in ihren Bildern zeigt. Seine Frau Jory, eine Kollegin von Amir, glaubt vor allem an die Ordnung. Sie ist sehr karriereorientiert und scheint sich von allen Vieren am wenigsten mit Religion zu beschäftigen.

In der zweiten Hälfte findet das Stück seinen Höhepunkt in einem Abendessen der vier Hauptcharaktere. Sie unterhalten sich über Kunst, Religion, Flughafenkontrollen und Gesetze. Im Laufe des Gesprächs wird Amir immer wütender. Er betont zunächst immer wieder, dass er sich nicht als Muslim versteht und die Religion ablehnt. Bis er plötzlich ausrastet und seinen Gesprächspartnern erklärt, dass er beim Anblick der Bilder vom 11. September Stolz empfunden hätte, weil „sie“ endlich einmal gewonnen hätten. Er fällt völlig aus seiner vorherigen Rolle und schockiert in höchstem Maße. Er beendet damit das Gespräch an dieser Stelle und die Tischgemeinschaft trennt sich kurz. Diese Trennung führt zur endgültigen Eskalation des netten Beisammenseins und gleichzeitig zur persönlichen Katastrophe für Amir, jedoch nicht – wie zu erwarten wäre – aufgrund der unterschiedlichen Ideale und Ansichten, sondern wegen profaner Dinge. Es stellt sich heraus, dass Jory eine Beförderung bekommen hat, die Amir verwehrt worden war, weil er auf Drängen seiner Frau Emily einem Imam bei seinem Prozess geholfen hatte und daraufhin in seiner Kanzlei erstmals als Muslim wahrgenommen wurde, und dass zudem Isaac und Emily eine Affäre hatten. Nun verliert Amir völlig die Kontrolle: Er bespuckt Isaac und, als dieser und Jory dann fort sind, schlägt er Emily. Man kann in dieser Szene auf beunruhigend intensive Art beobachten, wie der Protagonist langsam von der Person, die sich von seiner islamischen Herkunft und Erziehung abgewendet, diese Vorstellungen ablehnt und verurteilt hat, zu einer Person wird, die all seine Vorurteile und alle Aspekte, die er so sehr hasst, verkörpert.

Das Abendessen eskaliert in einen Streit. (c) Matthias Horn v.l. Bijan Zamani (Amir), Lara-Sophie Milagro (Jory), Nora Buzalka (Emily), Götz Schulte (Isaac)

Das Abendessen eskaliert in einen Streit. (c) Matthias Horn
v.l. Bijan Zamani (Amir), Lara-Sophie Milagro (Jory), Nora Buzalka (Emily), Götz Schulte (Isaac)

Am Ende steht Amir vor zwei Umzugskartons. Er hat alles verloren, was ihn vorher ausgemacht hat, seine Frau, seinen Job, seine Wohnung. Was ihm bleibt ist ein Porträt, das Emily von ihm gemalt hat. Er sieht das Bild lange an ohne ein Wort zu sagen, ehe er langsam den Blick hebt und die Zuschauer ansieht – als wäre auch ihm gerade eben erst wieder eingefallen, dass es sich hier nur um ein Stück auf einer Bühne handelt.

Als der Beifall abgeklungen ist und die Zuschauer sich langsam Richtung Garderobe bewegen, höre ich eine Dame ein paar Plätze weiter: „Ach schade, ich hatte gehofft, es geht versöhnlicher aus.“ Die Äußerung bleibt mir noch lange in Erinnerung: Natürlich sehen wir alle gern ein Happy-End, aber wäre es hier am rechten Platz gewesen?

Am Ende ganz allein (c) Matthias Horn v.l. Bijan Zamani (Amir)

Am Ende ganz allein. Bijan Zamani (Amir) (c) Matthias Horn

Tonja Dingerdissen

 

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