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Auf der Suche nach dem Sinn

Jan Struckmeier im Interview

Sinnspagat – (M)ein Gott, ich lach doch nicht! So heißt das neue Stück der Gruppe „Theater Tut Weh“. Seit Oktober 2015 arbeiten die Darsteller unter der Leitung von Jan Struckmeier an dem Stück, das am 17. Juni Premiere feiert, und bearbeiten Fragen wie: Warum stehe ich jeden Morgen auf? Woran glaube ich? Was gibt mir Sinn? Unikat hat Jan Struckmeier getroffen und ihn zu Sinnspagat befragt.

(c) Theater Tut Weh

Jan Struckmeier (vorne) mit den Schauspielern von „Theater Tut Weh“ (c) Jean-Marc Turmes

Unikat: Das Stück heißt „Sinnspagat – (M)ein Gott, ich lach doch nicht!“ Was kann man sich jetzt genau darunter vorstellen? Was ist die Handlung des Stücks?

Jan: Also es geht vor allem um den Haupttitel „Sinnspagat“. Wir haben uns vier Tage lang am Schliersee zusammengesetzt und uns da von der Dramaturgie eines Gottesdienstes inspirieren lassen. Das war so der Grundrahmen, um dann daraus etwas zu bauen. Also wann kommt die Predigt, da muss ein sprachlicher Teil hin, wann kommt das Abendmahl, da muss ein ritueller Teil hin. Aber es hat mit dem wirklichen christlichen Abendmahl nichts mehr zu tun. Auch die Predigt ist keine Predigt mehr, sondern es ist nur noch die Form gegeben. Der Anfang ist vor allem sprachlich und der zweite Teil vor allem körperlich. Man tanzt jetzt nicht, aber man bewegt sich.

Es hat sich auch zunehmend von dem christlichen Motiv entfernt. Es war am Anfang ein Gedankenspiel, damit etwas zu machen. Wir hatten uns auch überlegt, irgendetwas mit Islam oder dergleichen zu machen. Das Logo wurde sogar von einem Syrer gestaltet, aber das war nur Zufall. Wir haben in der Gruppe selbst keinen dabei, deshalb haben wir uns entschieden, das nicht zu machen. Wir haben uns immer mehr entschlossen, vom Christentum wegzugehen und etwas Persönliches zu machen. Das Ganze ist ja als Trilogie aufgebaut und wir machen dieses Mal den persönlichen Sinn. Im zweiten Stück wollten wir vielleicht etwas mit Luther machen, aber es fängt immer mit irgendetwas an und endet ganz wo anders. Es kommt aus der Gruppe und entwickelt sich von allen zusammen.

Unikat: Du hast ja gesagt, ihr habt euch von dem christlichen Motiv wegbewegt. Aber worum geht es dann? Woran man im Allgemeinen glaubt?

Jan: Das Prinzip der Arbeit von „Theater Tut Weh“ ist generell, sich mit Standpunkten auseinanderzusetzen, die in der Gesellschaft nicht so etabliert sind. In unserem letzten Stück ging es um Nationalsozialismus und wir wollten nicht ein plattes Stück machen, darüber was alles schlecht ist an den Nazis, sondern wir wollten uns in die Thematik einfühlen. Die Reflexion sollte dann zu Hause passieren. Bei Sinnspagat ist es so: Mit dem Glaubensthema werden viele von den Zuschauern Probleme haben, weil es ein noch viel emotionaleres Thema ist. Sich auch darauf einzulassen, nicht nur durch Sprache, durch Argumentation, sondern emotional. Aber wir wollen nicht, dass sie nach Hause gehen und sagen: „Ich bin doch nicht gläubig“, sondern unser Ziel ist es, sie zum Nachdenken anzuregen. Der Impuls soll so stark sein, dass sie sich damit auseinandersetzen müssen. So geht es uns auch, das merken wir jedes Mal, wenn wir ein Stück machen. Wir sind dann so in der Thematik drin, dass wir mindestens ein halbes Jahr brauchen, um einen Schlussstrich zu ziehen. Das, was der Zuschauer an dem Abend macht, machen wir viel länger. Wir proben seit November und reden und diskutieren viel darüber. Irgendwann muss man halt etwas auf die Bühne bringen. Wir haben auch kein Originalstück und müssen alles selbst erarbeiten. Irgendwann muss man eine Position dazu entwickeln, das ist ein längerer Prozess.

Jan Struckmeier (c) Theater Tut Weh

Jan Struckmeier (c) Jean-Marc Turmes

Unikat: Habt ihr eine Antwort gefunden auf die Frage nach dem Sinn?

Jan (lacht): Das ist eine gute Frage. Nein, es ist ja ein Spagat. Wir wollen jetzt nicht zurück zu einem Theater das Antworten gibt, sondern jeder soll persönlich seinen Sinn finden. Allein der Spagat zwischen Sprache und Körper ist eine Möglichkeit, das auszudrücken. Wir wollen aber nicht nur Fragen stellen –das wäre zu einfach – sondern Antwortmöglichkeiten geben. Dadurch, dass wir auch eine Vielfalt von 17 Leuten auf der Bühne und 40 Beteiligten insgesamt haben, ist es so, dass man gar nicht auf nur eine Antwort kommen kann.

Unikat: Was ist „Theater Tut Weh“ genau?

Jan: „Theater Tut Weh“ funktioniert vor allem dadurch, dass man es immer wiederholt und selbst erlebt. Wir sind zum Beispiel gerade alle hier und bauen das Bühnenbild. Es ist total zeitaufwendig. Man muss viele Sachen organisieren und sich viel Zeit nehmen für die Proben. Man muss seinen Körper viel nutzen und teilweise kaputt machen. Eine der Schauspielerinnen hat an beiden Seiten ihre Hände verstaucht, aber sowas passiert halt. An Grenzen gehen und sehen was passiert. „Theater Tut Weh“ ist immer ein Anfang, aber dann kommt der Impuls rein: Theater muss sein. Wir wollen auch wieder zurück zu einem Theater, das nicht so verkopft ist, aber auch nicht nur spontan ist – man soll auch reflektieren. Wieder ein Spagat.

Unikat: Kann man das Stück in ein Genre einordnen? Komödie, Tragödie – oder ist es dann doch etwas Eigenes?

Jan: Also die Frage ist komisch. Wir versuchen, das Ganze mit Humor zu nehmen. Aber irgendwie ist dann doch jeder für sich alleine. Man kommt in die Gruppe hinein, aber jede Probe hat ein Ende. Das bezieht sich auf das ganze Stück: Als Gruppe sein, alleine sein. So ist es eben auch für uns. Am Ende ist da ein großes: „Trotzdem ist es schön, dass jemand da ist und auch auf der Suche ist.“

Weitere Informationen zu „Theater Tut Weh“ und ihrem Stück Sinnspagat findet ihr hier.

Sophie Obwexer

 

 

 

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