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Elektrisierende Kunst im Lenbachhaus

Einladung zum Träumen

Die Wände im großräumigen Kunstbau des Lenbachhauses am Königsplatz sind mit weißen Stoffbahnen behangen. Auf ihnen befinden sich geheimnisvolle Zeichnungen, die an Technik, Weltall und Science-Fiction denken lassen. Eine auf den ersten Blick unscheinbare, schmale Frau steht inmitten einer Traube von Menschen und fängt an zu singen.

Alle Augen sind nun auf sie gerichtet und lange, präzise Töne füllen den Raum. Sie singt keinen Text, macht lange Pausen und so verlieren sich die Gedanken in der Atmosphäre der künstlerischen Installation und den dazugehörigen mystischen Klängen aus dem Verstärker. Ruhige, laute, lange, kurze „Achs“ und „Ja! Ja!s“ klingen zuerst ungewöhnlich, doch passt die Performance der Sängerin perfekt zum Ambiente der Ausstellung.

Spiel von Licht und Schatten in Installation "Lunapark", ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. (c) Hendrik Ballhausen

Spiel von Licht und Schatten in der Installation „Lunapark“, ebenfalls in der Ausstellung „Electric Ladyland“ zu sehen. (c) Hendrik Ballhausen

Man fühlt sich etwas verloren in diesem riesigen, fast leeren Raum. Der Gesang dazu wirkt elektrisierend – und da findet sich auch schon die erste Parallele zum Titel der Ausstellung: „Electric Ladyland“. Die Töne irritieren, berühren. Das Zusammenspiel des etwas unheimlichen, schönen Gesangs und der elektronischen Loops und Sounds führt zu einem Empfinden, das man nicht genau einordnen kann. Der Blick schweift über die Zeichnungen an der Wand, man entdeckt mechanische Körper, Frauengesichter, Prothesen. Den Titel der Ausstellung verstand ich bei ihrer Eröffnung vor ein paar Wochen als eine Einladung der Künstlerin Michaela Melián in ihr elektrisierendes „Ladyland“.

„Good and Evil lay side by side, while electric love penetrates the sky.“ – The Jimi Hendrix Experience, 1968.

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Entspannt Musik hören in einem der „Mannheim Chairs“ und dabei die Wandgrafiken auf sich wirken lassen (c) Hendrik Ballhausen

Den Jimi Hendrix-Fans jedoch wird nicht entgangen sein, dass „Electric Ladyland“ auch der Titel des letzten Albums des Gitarrenvirtuosen im Jahr 1969 war. Solche Bezüge, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen, die Vergangenes und Neues verbinden, sind Meliáns Spezialität. Es lohnt sich an dieser Stelle, tiefer in das Konzept der Ausstellung einzutauchen und auch einige frühere Arbeiten der Künstlerin anzuschauen, die ebenfalls im Kunstbau gezeigt werden und sich thematisch in das „Electric Ladyland“ einfügen.

Bleiben wir noch einmal bei Jimi Hendrix letztem Album. In einem Interview sagt die Künstlerin, sie wurde weniger von der Musik, sondern vor allem von den Lyrics inspiriert: „Have you ever been to Electric Ladyland? Electric Woman waits for you and me.“

„Ach“ und Ja!Ja!“ von Hoffmanns Olympia

Doch wo liegt nun die Verbindung von elektronischen Loops, Zeichnungen von technischen Formen, Robotern und Frauen und den gesungenen Tönen? (Übrigens hört man den Gesang über Lautsprecher in regelmäßigen Abständen, Live-Performances von der Sängerin gibt es aber hin und wieder auch.) Weiblichkeit und Technologie sind die zentralen Themen in E.T.A Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. „Ach“ ist neben „Ja! Ja!“ das einzige, was die mechanisch angetriebene Puppe Olympia sagen kann. Der Protagonist Hoffmann selbst schafft diesen Automaten, der zu einem betörend weiblichen Geschöpf mutiert, in das er sich schließlich verliebt. In seiner Erzählung wächst sie ihm allerdings mit der Zeit über den Kopf, wird zu einer eigenständigen Person und lässt sich schließlich nicht mehr von ihrem Erfinder kontrollieren. Michaela Melián interessiert sich vor allem für Jaques Offenbachs musikalische Interpretation der Erzählung. Sie stützt sich auf dessen Oper von 1881 und verwandelt die berühmte Arie der Olympia in ein zeitgenössisches Gesamtkunstwerk.

Ausstellungsansicht "Electric Ladyland" (c) Lenbachhaus

Ausstellungsansicht „Electric Ladyland“ (c) Lenbachhaus, die Künstlerin, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die fiktive Frauenfigur Olympia, die aus ihrer Rolle des konstruierten mechanischen Geschöpfs ausbricht und sich der Beherrschung durch ihren männlichen Erfinder entzieht, steht thematisch in einer Linie mit früheren Arbeiten der Künstlerin. „Electric Ladyland“ widmet sich indirekt Frauen, die in vergangenen Zeiten Großes geleistet haben, von der Geschichtsschreibung aber übergangen wurden und heute vergessen sind. Dieser leise Feminismus spricht auf unaufgeregte, lässige Weise aus Meliáns Arbeiten. Zu diesem Thema treten die Zeichnungen in Beziehung, denn sie reichen von Laborsituationen, Darstellungen von Maschinenfrauen bis hin zu Science-Fiction-Settings.

„Lunapark“ (c) Hendrik Ballhausen

Es lohnt sich auch, auf die Beleuchtung zu achten. Abwechselnd glimmende Glühbirnen, die in unterschiedlichen Abständen von der Decke hängen, lösen ein zeitlupenhaftes Empfinden aus. Geht man weiter, so spielt das Licht eine besondere Rolle in einer Installation, die unterschiedlichste Glasformen auf einen rundumgehenden Vorhang projiziert. „Lunapark“ erzeugt durch das sich ständig ändernde Zusammenspiel von Schatten, Licht und Bewegung flüchtige Projektionen von schönen Bildern.

Reise in die Vergangenheit: „Föhrenwald“

Glasbilder "In a mist" (c) Hendrik Ballhausen

Bunte Glasbilder mit Geschichte: „In a mist“ (c) Hendrik Ballhausen

Vorbei an bemalten Glasbildern, die von der Decke hängen, geht es einige Stufen nach oben in einen abgedunkelten, kleinen Raum. Man wird eingeladen, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen, und zwar zu einem Ort mit wechselhafter und spannender Geschichte: Föhrenwald, heute eine Wohnsiedlung in Waldram bei Wolfratshausen, südlich von München. An dieser Stelle ist es auch interessant zu wissen, dass Melián bereits mit ihrer Arbeit „Memory Loops“ Münchner begeisterte. Hierfür schuf sie 2010 an unterschiedlichen Orten in München virtuelle Formen des Erinnerns und Gedenkens an Opfer des Nationalsozialismus. In „Föhrenwald“ schafft es die Künstlerin durch eine Dia-Projektion einen Spaziergang durch den bedeutungsvollen Ort zu simulieren. Begleitend dazu hört man einen Soundloop aus Sprache und Musik. Mehrere Stimmen berichten aus den verschiedenen Phasen der Siedlung, die nach Kriegsende von einem Lager für Zwangsarbeiter zu einem Camp für jüdische „Displaced Persons“ wurde.

Dia-Projektion in "Föhrenwald" (c) Hendrik Ballhausen

Dia-Projektion in „Föhrenwald“ (c) Hendrik Ballhausen

„Electric Ladyland“ verführt zum Träumen und Nachdenken

Bei dieser Ausstellung bekommt man ständig neue, spannende Inputs und es werden ungewöhnliche poetische Themen auf neuartige Weise präsentiert. Alles in allem wird einem in „Electric Ladyland“ bewusst, wie vielseitig ein Kunstwerk sein kann und dass sich bei tieferem Eintauchen in Meliáns komplexes Werk intelligente, kulturgeschichtlich relevante Zusammenhänge ergeben.

Auch wenn man anfangs noch nicht so hinter die Kulissen blickt und Gefühle und Empfindungen erst einmal überwiegen, ist die ausgeklügelte Bedeutung hinter ihren Arbeiten schnell zu spüren. Dabei fällt es  ganz leicht, sich auf den angenehmen, zurückhaltenden Geist der Künstlerin einzulassen, der in all ihren Arbeiten steckt.

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„In a mist“ (c) Hendrik Ballhausen

Bei meinem zweiten Besuch in der Ausstellung mit unserem Fotografen raunte mir ein glücklich lachender Mann zu: „So etwas Verrücktes, aber Schönes habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“ Um Zugang zu Michaela Meliáns Kunst zu bekommen, muss man also gar nicht so tief in die Bedeutung ihrer Konstellationen einsteigen – es genügt, sich in ihrem „Electric Ladyland“ zu verlieren und ein wenig zu träumen, während die unterschiedlichen, von ihr komponierten Soundtracks in den Ohren liegen.

Wen die Münchner Künstlerin, die auch mit Hörspielen viele Menschen zu erreichen sucht, jetzt mehr interessiert, sollte unbedingt für einen unschlagbaren studentischen Preis von fünf Euro den Kunstbau besuchen. Bis zum 12. Juni ist die Ausstellung noch zu sehen. Es lohnt sich! Und wenn das nicht ein schöner Anlass ist, Eröffnungen der wechselnden Ausstellungen im Kunstbau des Lenbachhauses generell anzupreisen: Neue Eindrücke und volles Haus sind auf jeden Fall versprochen, nicht zuletzt lockt zu den Eröffnungsabenden auch der freie Eintritt und ein schönes Gläschen Wein, um neugewonnene Inspiration und den Spaß an der Kunst zu feiern!

Mehr Infos auf der offziellen Homepage.

Daya Sieber

 

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