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Bier aus dem Teekocher

Zu Besuch im Oberhachinger Stadlbräu

Einmal an einem glänzenden Kupferkessel stehen, in brodelnder Flüssigkeit rühren und so das eigene Bier brauen. Das Stadlbräu in Oberhaching lässt diesen Männertraum mit den „Brau dich schlau“-Kursen wahr werden.

Das Innere des Stadlbräu, (c) A. Hornsteiner

Das Innere des Stadlbräu, (c) A. Hornsteiner

Brauen im ehemaligen Kuhstall

Eine massive Holztür trennt die Außenwelt von der kleinen Brauerei. Ein Blick in das Innere des ehemaligen Kuhstalls offenbart fleckige Kacheln und sprödes Holz, die sich an den Wänden des Stadls abwechseln. Zwischen alten Bildern und vergilbten Zeitungsausschnitten in schiefen Fotorahmen reiht sich allerlei verstaubter Nippes. Ein lautes „Servus“ lässt auch die letzten Kursteilnehmer zusammenzucken. Der Braumeister steht am glänzenden Zapfhahn. Der 62-Jährige heißt Sepp und grinst breit:

„Willkommensbier! Wollt’s ein Rotes oder ein Ale? Beide selbst gebraut!“

In der Stube, dem Herzstück der kleinen Brauerei, geht es bereits hoch her. An einem rustikalen Holztisch versammelt warten die restlichen der acht Kursteilnehmer mit ihren schon weniger vollen Willkommensbieren, dafür aber bestens gelaunt. Um halb zehn am Vormittag eröffnet Sepp mit erhobenem Weißbierglas und einem lauten „Prost“ offiziell das Seminar. Während noch ein oder zwei Männer schüchtern vor sich hin schmunzeln, prosten sich die anderen bereits kräftig zu. Ihrer Wangenfarbe nach zu urteilen stört sie die frühe Uhrzeit nicht.

Braumeister Sepp erklärt den Kursteilnehmer das Bierbrauen, (c) A. Hornsteiner

Braumeister Sepp erklärt den Kursteilnehmern das Bierbrauen, (c) A. Hornsteiner

Auch Hubert und sein Schwiegersohn Michael schlagen ihre Gläser mit einem lauten Klirren aneinander. Einmal hatten sie das Bierbrauen auf eigene Faust ausprobiert. Ein zu intensiver Hopfengeschmack hat sie nachher gezwungen, das Ergebnis wegzukippen. Heute, so hoffen beide, soll es mit dem selbst gebrauten Bier aber klappen. Dafür sind sie sogar aus Augsburg angereist. Braumeister Sepp weist die acht Kursteilnehmer mit oberbayerischem Dialekt ein. Alle Männer hören ihm gebannt zu. Das Bier wird heute in einem riesigen Edelstahltopf mit blinkendem Display hergestellt. Sepp bezeichnet den vollautomatischen Bierbrauapparat liebevoll als seinen „japanischen Teekocher“. Als Bierbraumeister wird er es an diesem Samstag nicht leicht haben. Wenn Frauen mit dabei sind, reißen sich laut Sepp die Männer in einer Gruppe eher zusammen. Seufzend wirft er einen Blick auf die Gestalten vor sich: Acht Männer sitzen da am Tisch und nehmen tiefe Schlucke aus ihren Gläsern. Um sie zu bändigen, gibt es nur eine Möglichkeit: Permanente Beschäftigung. Theorie, Brotzeit und noch mehr Kostproben aus dem Zapfhahn begleiten die Kursteilnehmer, während sie parallel zum Brauapparat ihr eigenes Bier direkt am Platz brauen.

Sepps „japanischer Teekocher“

Der vollautomatische Bierbrauapparat, (c) A. Hornsteiner

Der vollautomatische Bierbrauapparat, (c) A. Hornsteiner

Während in Sepps „japanischem Teekocher“ bereits Malzschrot leise vor sich hin köchelt, greifen die Kursteilnehmer geräuschvoll zu ihren Brauutensilien. Neben Kochplatte, Topf und Holzlöffel stehen auch drei Schüsseln mit Malz auf dem Tisch. Braumeister Sepp gibt den Männern die ersten Anweisungen: „Erst einmal müsst ihr das Wasser im Kochtopf auf exakt 62 Grad erhitzen.“

Einige Männer, darunter auch Hubert und Michael, beugen sich übereifrig vor – jede einzelne Graderwärmung wird von ihnen mit Hilfe eines Thermometers genauestens registriert. Die Anderen lehnen sich samt dem Rest ihres Willkommensbiers entspannt zurück. Doch kaum sind die 62 Grad erreicht, blicken auch sie gebannt zur Kochplatte. Einzelne Malzschüsseln werden nun hinzugegeben. Ein Kursteilnehmer greift zum Holzlöffel und rührt schwungvoll die dicke, einem Müsli ähnelnde Brühe um. Nach knapp einer Minute zieht ihm schon der nächste Mann den Kochlöffel aus der Hand. Gespannt wartet jeder darauf, mit dem Rühren an der Reihe zu sein. Sepp füllt solange am Zapfhahn die leeren Biergläser auf.

Zwischen Malzschrot und kühlem Weißbier

Mit einem lauten Witz kehrt der 62-Jährige in die Stube zurück: „Was sagt der Mann, wenn seine Frau die Kellertreppe herunterfällt? Schatz, bring gleich ein Bier mit!“ Die Männer grölen und prosten sich zu. Doch dann muss Sepp schnell reagieren. Die brodelnde Brühe wäre beinahe übergelaufen. Zur allgemeinen Beruhigung werden noch einmal tiefe Schlucke aus den Gläsern genommen und mit Schaumresten in einigen Bärten geht es weiter. Nun wird das Abläutern eingeleitet. Der mittlerweile trübe Sud muss abgegossen und gekühlt werden. Sorgfältig trennen die Kursteilnehmer mit einem Sieb die Flüssigkeit von den Malzschrotresten. Ein schwerer Duft liegt inzwischen in der Luft. Zeit für die Männerrunde, sich erneut ein frisch gezapftes Bier zu genehmigen. Der vollautomatische Brauapparat köchelt derweil leise vor sich hin. Ihm wird schon länger keine Beachtung mehr geschenkt, ab und an überprüft Sepp noch die Werte. Die Kursteilnehmer haben inzwischen Gefallen am kühlen Weißbier gefunden und philosophieren grinsend über Farbe und Geschmack des bayerischen Gerstensafts.

Der Sud der Kursteilnehmer, (c) A. Hornsteiner

Der Sud der Kursteilnehmer, (c) A. Hornsteiner

Einige derbe Witze später versammeln sich wieder alle mehr oder weniger gesittet um den Holztisch herum und das Würzekochen wird eingeleitet. Nur noch am Rande registrieren die Kursteilnehmer, dass Sepp ihrem Sud einige Hopfenpellets hinzufügt. Und wieder heißt es kräftig rühren. Skeptisch blicken die Männer in ihren Kochtopf. Der trübe Sud wirft grünliche Blasen. Sepp muss laut lachen und gesteht schließlich, dass man eine so geringe Menge Bier gar nicht brauen kann. Die Flüssigkeit würde zu schnell verdampfen. Augenblicklich legen die Kursteilnehmer Kochlöffel und Thermometer zur Seite. Mit glühenden Wangen nehmen sie Sepps Geständnis aber doch recht gelassen hin. Lautes Klirren erklingt abermals in der kleinen Stube und es geht wieder wie gewohnt hoch her. Inzwischen ist das Bier im Brauapparat fertig und wird von Sepp ins Lager gebracht, wo es die nächsten drei Wochen reifen muss. Nach dem langen Tag genehmigen sich die Kursteilnehmer dann lieber doch noch ein frisches Bier aus dem allseits beliebten Zapfhahn.

Alle packen mit an - bis Sepp den Scherz gesteht, (c) A. Hornsteiner

Alle packen mit an – bis Sepp den Scherz gesteht, (c) A. Hornsteiner

Langsam und wankend verlassen wenig später die ersten Männer das Stadlbräu. Kühle Luft schlägt ihnen entgegen, es dämmert bereits. An die einzelnen Schritte des Herstellungsprozesses können sie sich auf Nachfrage nur noch schwammig erinnern. Aber den geschmacklichen Unterschied zwischen einem Ale und einem Roten, den kennen sie jetzt.

Andrea Hornsteiner

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