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Alleskönner Kaffee?!

Der Zusammenhang von Koffeinwirkung und Persönlichkeit

Kaffee macht bekanntermaßen wach, fördert die Konzentration und steigert die Leistungsfähigkeit – doch ist diese Wirkung eigentlich bei allen Personen identisch? Und bilden wir sie uns manchmal sogar nur ein?

Er gehört einfach zum Alltag – egal ob als Espresso, Cappuccino oder ganz klassisch mit Milch und Zucker: Laut Erhebungen des deutschen Kaffeeverbandes von 2014 konsumiert der Durchschnittsdeutsche pro Jahr ganze 162 Liter Kaffee. Das entspricht einer beachtlichen Menge von 440 Millilitern pro Tag, in denen etwa 350 Milligramm Koffein enthalten sind – bereits eine Einmaldosis von lediglich 85 mg führt zu merklichen Verbesserungen der Stimmung sowie kognitiver Leistungen. Doch wirkt Koffein bei allen Menschen gleichermaßen positiv?

Nach den Erkenntnissen vieler Forscher nicht: Es gibt zahlreiche Belege, dass Träger bestimmter Persönlichkeitseigenschaften  auch anders auf Koffein reagieren. Als relevante Variable hat sich hier insbesondere die Temperamentsdimension „Extraversion“ erwiesen. Menschen mit einer hohen Ausprägung dieser Persönlichkeitsvariable werden von anderen allgemein als aktiv, gesellig und enthusiastisch wahrgenommen. Führt man etwa eine halbe Stunde nach Verabreichung einer koffeinhaltigen Substanz – so lange braucht Koffein, um seine Wirkung im Körper zu entfalten – Aufmerksamkeitstests durch, dann verbessern sich Reaktionszeit und Genauigkeit immer nur bei Extravertierten merklich. Bei den Introvertierten sind die Ergebnisse inkonsistent, mitunter aufgrund unterschiedlicher Koffeindosen in einzelnen Experimenten: Während sich bei geringen Koffeinmengen kleine Verbesserungen zeigen konnten, führten hohe Dosen an Koffein sogar zur Leistungsverschlechterung. Wie kann man sich das erklären?

ARAS Unikat

Der zwischen Gehirn und Rückenmark liegende Hirnstamm – hier befindet sich auch das ARAS.

 

Grundlage aller Erklärungsansätze ist das über 100 Jahre alte Yerkes-Dodson-Gesetz, das einen umgekehrt U-förmigen Zusammenhang zwischen Erregungsniveau und Leistung vorhersagt. Das heißt, wir zeigen eine geringe Leistung bei zu wenig oder zu viel Stress – die maximale Leistungsfähigkeit liegt genau dazwischen. Dieses Leistungsoptimum ist jedoch nicht bei allen Menschen gleich: Bei Introvertierten muss man sich die Kurve nach links verschoben vorstellen. Sie zeigen ihre maximale Leistungsfähigkeit daher schon bei  einem geringeren Stresslevel, während die Extravertierten für gewöhnlich mehr Stress und ein höheres Erregungsniveau brauchen, um zu ihrer Höchstform aufzulaufen. Interessanterweise sind diese Unterschiede nicht nur durch Erziehung und Gewohnheiten bedingt:  Man geht davon aus, dass das „aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem“ (kurz: ARAS) im Hirnstamm bei Extra- und Introvertierten unterschiedlich leicht erregbar ist. Bei Extravertierten ist dieses multifunktionelle Hirngebiet, das mitunter auch Sinnesreize filtert, weniger sensibel: Sie können Reize besser ausblenden. Introvertierte hingegen sind hierzu nicht fähig, da ihr ARAS hochsensibel ist, weswegen sie im Alltag tendenziell eher überreizt sind und nach Ruhe suchen. Bei den Extravertierten ist das Gegenteil der Fall: Sie sind im Alltag eher „unterstimuliert“ und suchen deswegen nach Anregung von außen – und genau deshalb kann höher dosiertes Koffein gemäß dem Drogenpostulat des Persönlichkeitstheoretikers Eysenck nur bei ihnen die gewünschte Wirkung zeigen. Bei den Introvertierten hingegen führt die zusätzliche Überstimulation folglich zu einer Leistungsverschlechterung.

Unikat Grafik Yerkes Dodson Persönlichkeit

Das Yerkes-Dodson-Gesetz: Während Introvertierte bei einem niedrigeren Erregungsniveau leistungsfähiger sind, zeigen Extravertierte erst bei höherer Anspannung ihre volle Leistung. (c) Rebekka Wiemer

 

Diese Theorie ist zwar sehr anschaulich, aber als reiner Erklärungsansatz mittlerweile umstritten, da das ARAS sehr komplex ist und aus vielen miteinander wechselwirkenden Subsystemen besteht. Trotz allem steht fest, dass die Wirksamkeit von Koffein von der Persönlichkeit abhängt. Doch wie sieht es eigentlich mit der Placebo-Wirkung von Kaffee aus? Verbessert sich die Leistung auch, wenn man unwissentlich koffeinfreien Kaffee trinkt? Und hängt das vielleicht sogar auch mit der Persönlichkeit zusammen? Experimente belegen, dass koffeinfreier Kaffee ausschließlich bei denjenigen Personen zu Leistungsverbesserungen führt, die explizit daran glauben, dass Kaffee ihre Leistungsfähigkeit verbessert,  und ihn genau aus diesem Grund regelmäßig konsumieren. Und dann ist der Konsum koffeinhaltigen Kaffees auch wesentlich effektiver. Daraus erschließt sich, dass der unwissentliche Konsum koffeinfreien Kaffees bei denjenigen, die Kaffee im Alltag nur aus Gewohnheit trinken, die Leistung rein gar nicht verbessert. Interessant wäre es in diesem Kontext zu erforschen, ob es auch bei der Placebo-Wirkung  Unterschiede hinsichtlich verschiedener Persönlichkeitstypen gibt: Aus der Schmerztherapie existieren beispielsweise Hinweise, dass neugierige, aufgeschlossene Patienten stärker auf Placebo reagieren als reservierte und zurückhaltende. Diese Befunde sind jedoch umstritten.

Kaffee oder nicht

Kaffee – ja oder nein?

Ob nun extro- oder introvertiert, aufgeschlossen oder eher zurückhaltend: Entscheidend sind die individuellen Erfahrungen mit Koffein. Wer bei sich bemerkt, dass ein Kaffee vor der Prüfung die eigene Leistung steigert, sollte an dieser Gewohnheit festhalten. Bei wem das nicht so ist, der muss sich auch nicht beirren lassen: Die Vorbereitung macht´s – ob man sich zwecks letzterer wiederum die Nächte davor mit Kaffee und Red Bull um die Ohren schlagen sollte, ist eine andere Geschichte.

Rebekka Wiemer

 

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