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Panik vor dem Terror

Warum wir keine Angst haben dürfen

Nach den Terroranschlägen in Paris vom 13. November 2015 steht seit kurzem fest: Satelliten zur Aufklärung, eine Fregatte und 1200 Soldaten werden unter anderem in das Bürgerkriegsland Syrien geschickt – für den Auslandseinsatz gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Seit ein paar Wochen stehen außerdem Bundespolizist mit Maschinenpistolen an deutschen Bahnhöfen, die Angst vor einem Terroranschlag ist allgegenwärtig. Aber ist die Angst, oder besser gesagt Sorge bei vielen nicht auch „übertrieben“? Ein Kommentar.

„Gut, dass ich dich jetzt noch sehe – ich reise nämlich morgen ab!“, sagt mir eine Freundin aus meinem Hostel. Sie sieht fertig aus, als ob sie die ganze Nacht nicht geschlafen hätte. Ihre Augen und ihr Gesicht sind leicht gerötet. „Was ist denn los?“, frag ich. „Ich hab gestern mit meiner Mutter telefoniert – sie will, dass ich so schnell wie möglich nach Wien zurückfliege. Wenn hier auch irgendwann die Grenzen zu sind, kommt ja sonst niemand mehr aus England raus!“

Ich studiere momentan in England, London und wohne in einem Hostel. Seit den Anschlägen in Paris haben mir bereits ein paar Freunde geschrieben ob es mir denn gut gehe und die Sorge spürt man natürlich auch vor Ort. Nachdem vor zehn Jahren in Paris, London und Madrid Anschläge verübt wurden, ist ein weiterer in einer der größten Hauptstädte der Welt auch wieder nicht undenkbar.

Meine Freundin ist nun abgereist und hat ihren Sprachkurs, der noch drei Wochen gedauert hätte, abgebrochen. 200 Euro hat sie dadurch verloren. Weitere 200 Euro für den eigentlichen Rückflug am 22. Dezember. „Gerade um die Weihnachtstage könnte ja sonst was passieren!“ Mich hat sie durch ihre „Reaktion“ auch zum Nachdenken gebracht… Sollte man um Weihnachten oder Silvester herum sich besser nicht an öffentlichen beliebten Plätzen aufhalten? Sollte man momentan generell besser nicht in London (Berlin, Paris – irgendeiner Hauptstadt?) wohnen?

„Unsinn!“, meinte dann eine mexikanische Freundin. „Es kann überall etwas passieren. Und nicht nur ein Terroranschlag! In Mexiko, das ja nicht gerade das sicherste Land auf der Welt ist, kann häufiger etwas passieren – ich war da aber nie „hysterisch“. Wenn jeder so reagiert wie das Mädel aus Wien dann heißt es am Schluss nur noch „to survive“ und nicht mehr „to live“!“

Umso länger man angstmachende Situationen meidet, desto schwieriger wird es aus ihnen herauszukommen.

Umso länger man angstmachende Situationen meidet, desto schwieriger wird es aus ihnen herauszukommen.

Auch Psychologen wie Herr Borwin Bandelow raten: Es bringt nichts, die Sorge vor sich herzuschieben. Wenn man sich versteckt und hofft, die Gefahrenlage sei in ein paar Wochen anders, hilft das nicht: Denn rational betrachtet ist das nicht so. Es ist besser, trotzdem auf die Straße zu gehen, sonst macht man sich selbst nur noch mehr Sorgen. Den Terroristen zu zeigen, dass man keine Angst hat, hilft auch ein wenig, sie bei sich selbst zu lindern.

Über die Weihnachtstage wieder in Deutschland geht das „Gerede“ ein paar meiner Freunde weiter. Ich frag eine Freundin zum Beispiel ob wir auf den Christkindlesmarkt gehen. „Auf keinen Fall!“, sagt sie. „Da kann doch was passieren. Lass uns lieber etwas anderes machen. Das ist mir zu gefährlich.“ Ernsthaft? Denke ich mir. Dann gehe ich halt mit wem anders. Klar, sind die deutschen Sicherheitsbehörden entsprechend in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Dass während der Christkindlesmarkt-Zeit mehr Polizisten im Einsatz sind als letztes Jahr ist für viele Menschen nicht unbedingt beruhigender, sondern erinnert sie nur verstärkt daran, dass ja etwas passieren könnte: Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlages, auch in Deutschland, wird von Experten auch nicht ausgeschlossen – sie ist gegeben. Warum sorgen sich aber viele Menschen beim Anblick von Polizisten, während andere sich sicherer fühlen? Im Gehirn haben wir zwei Angst-verarbeitende Systeme. Ein intelligentes und ein primitives. Während uns das eine sagt: Die Polizisten beschützen uns, sagt uns das andere: Wo bewaffnete Polizisten sind, muss es auch gefährlich sein. Alles in allem ist es aber natürlich eine Typfrage: Menschen die emotionaler gestrickt sind reagieren anders als überwiegend strukturiert und rational denkende Menschen.

Wichtig ist also, dass man sich nicht verkriechen und trotz schlimmer Nachrichten die Weihnachtszeit mit Familie und Freunden – egal wo – genießen sollte. Für mich heißt das: Den Moment genießen, Glühwein trinken auf dem Christkindlesmarkt und Silvester feiern in London.

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