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21 – ein Text übers Altwerden

Anfang 20 und mitten im Studium

Langsam kündigt sich bereits der üble Ernst des Lebens an und während man sich um immer mehr kümmern muss, scheinen die Leute um einen herum auf einmal immer jünger zu werden. Aber heißt das auch, dass man selbst „alt“ ist?

Neulich in der Mensa: Ich sitze gemeinsam mit ein paar Freundinnen über einem unspektakulären, aber wenigstens nicht ungenießbaren Hauptgericht und philosophiere über das Leben – Thema heute: Geburtstage. „Ich kann nicht fassen, dass ich bald 23 werde. Mein Abi ist jetzt schon fast fünf Jahre her! Das ist so krass!“, meint die eine. Verständnisvolles Nicken von uns anderen, eine weitere Freundin erwidert schließlich mit beschwichtigender Miene: „Ach komm, 23 ist doch noch gar nichts. Was soll ich sagen, ich werd 25, bei mir gehts jetzt auf die dreißig zu, das ist dann richtig alt.“ Diesmal folgt betretenes Schweigen. Schlimm genug, dass das Abitur schon so lange her ist, müssen wir uns jetzt wirklich auch noch mit dem Gedanken anfreunden, dass wir bald „auf die dreißig zugehen“? So weit wollen wir doch lieber gar nicht denken.

Die Zeit vergeht wie im Flug.

Die Zeit vergeht wie im Flug.

Älter werden? Schon okay. Alt werden? Nein danke.

Da ist man gerade mal Anfang zwanzig, hat ein paar Jahre studiert und schon geht es auf einmal los mit dem Thema „Alter“. Wir sind noch nicht einmal mit unserem Studium fertig, wir brauchen noch keine Faltencremes und bis zum dreißigsten Geburtstag dauert es noch ein paar gute Jahre, und dennoch wird manchmal mit einer gewissen Tragik darüber gesprochen, bei der man sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob sie nun ironisch oder ernst gemeint sein soll. Mag sein, dass wir noch nicht alt sind. Aber wir merken, dass wir älter werden: Die kleine Schwester der besten Freundin, auf die man früher im wahrsten Sinne des Wortes heruntergucken konnte, hat mittlerweile Abitur und ist einen halben Kopf größer, das Nachhilfekind, das nebenbei erwähnt schon mehr Smartphones hatte als man selbst, kennt die Backstreet Boys nicht mehr, und die ersten Klassenkameraden aus dem Abiturjahrgang haben sich bereits verlobt und planen die große Traumhochzeit. Manchmal möchte man sich eine Sekunde Zeit nehmen, um sich zurückzulehnen und einfach mal zu fragen, was eigentlich los ist mit der Welt.

Es gibt vermutlich schönere Gesprächsthemen als die Tatsache, dass wir eines Tages dreißig (und vielleicht sogar erwachsen) werden müssen. Zumindest für Studenten, die sich im Moment eigentlich noch nicht mit der Frage befassen wollen, wo sie wohl in einigen Jahren stehen werden und ob sie bis dahin tatsächlich alle Dinge, die sie während ihrer zwanzger erledigt haben wollten, abhaken können. Aber immerhin: Alt und Unglücklich sind nach wie vor zwei getrennte Begriffe. Gerüchten zufolge kann man auch jenseits der dreißig noch glücklich mit seinem Leben sein. Vielleicht sogar glücklicher als jetzt, wo wir uns doch – zumindest teilweise – mit der Aussicht stressen, dass wir älter werden und unzählige wichtige Entscheidungen für unser Leben treffen müssen.

Natürlich könnte es aber auch sein, dass ich mich hierbei irre – schließlich bin ich selbst ja auch erst einundzwanzig Jahre alt. Und wer weiß, wie ich später zu diesem Thema stehen werde, wenn ich auf einmal auch vor dem 23. Geburtstag stehe wie meine eine Freundin oder – noch schlimmer – 25 bin und auf einmal auf die dreißig zugehe. Es kann sein, dass ich in einigen Jahren, wenn ich an unser Gespräch in der Mensa oder diesen Text zurückdenke, eine kleine Träne verdrücken werde. Vielleicht werde ich aber auch laut lachen müssen. Möglicherweise sogar beides.

Cosima Schenk

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