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Traumjob Lektor?

10 Fragen an eine Random-House-Lektorin

Den ganzen Tag mit einer Tasse Tee am Schreibtisch dicke Manuskripte wälzen, sich in  Geschichten verlieren und all die aufregenden Menschen, die Autoren kennenlernen, die sich hinter den Texten verbergen. Mit genau diesen Persönlichkeiten in Cafés über Literatur philosophieren und einige Monate später stolz das schillernde Cover im Hugendubel betrachten. Gerade Germanisten träumen von einem Job im Verlag und aktuell zur Frankfurter Buchmesse werden diese Traumvorstellungen wieder von allen Seiten mit Bildern von dekorativen Messeständen, kameradschaftlichen Autorentreffen und dem Image der großen Literatur-Familie angeheizt. Aber was muss man mitbringen, um ins Verlagswesen zu kommen? Wie sieht der Berufsalltag aus? Und vor allem: ist der Lektor eine aussterbende Spezies? Britta Claus, selbst Lektorin bei Random House (genauer gesagt bei der DVA, der Deutschen Verlags-Anstalt) hat ein paar Fragen zu ihrem Berufsfeld beantwortet.

1. Lektor – ein Beruf aus Leidenschaft?

In jedem Fall! Man wird sich schwertun, einen Lektor zu finden, der seinen Beruf nicht aus Leidenschaft ausübt.

2. Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag als Lektor aus?

Bei uns ist man recht flexibel, was den Arbeitsplatz angeht – ich ziehe mich meist zum Lektorieren ins home office zurück, da man dort mehr Ruhe hat als im Büro. Generell sind  9-Stunden-Tage eher die Regel als die Ausnahme und es kann auch mal mehr werden. Manuskripte werden darüber hinaus oft in der „Freizeit“ oder am Wochenende gelesen, dazu kommen Veranstaltungen und Autorenbesuche.

3. An wie vielen Manuskripten arbeiten Sie im Schnitt gleichzeitig?

Wenn es geht, nur an einem – aber meist sind es zwei oder drei in diversen Stadien, es können auch mal noch mehr sein. Und unser belletristisches Programm ist recht klein, das sieht in größeren Programmen, z.B. im Taschenbuch, sicher anders aus.

4. Welche Aufgaben gehören neben der Arbeit am Text noch zu diesem Beruf?

Hauptsächlich Akquise, also die Suche nach neuen Autoren: Manuskriptprüfung, eigenständige Entwicklung von Buchideen oder Erarbeiten einer Buchidee mit einem Autor sowie die Kontaktpflege zu Agenturen und Fremdverlagen, und auch Projektmanagement, was die Koordination mit den anderen Abteilungen, Titel- und Übersetzersuche, Umschlag-, Vorschau- und sonstige Werbetexte, Titelpräsentationen etc. beinhaltet.

5. „In jedem Lektoren steckt eigentlich auch ein Schriftsteller“ – richtig oder falsch? 

Würde ich so nicht sagen – es gibt viele schreibende Lektoren, aber auch viele, die lieber mit den Texten anderer arbeiten. Es hilft sicher, wenn man selbst auch Erfahrung mit dem Schreiben hat. Beim Lektorieren nimmt man allerdings meist mehr die Position des (ersten) Lesers ein, da ist der Blick etwas anders gelagert.

Steckt in jedem Lektor gleichzeitig ein Schriftsteller?

Steckt in jedem Lektor gleichzeitig ein Schriftsteller?

6. Wie viel darf ein Lektor bei seiner Arbeit wirklich auf die Kunst des Textes achten und wie sehr muss er der „Massentauglichkeit“ den Vortritt gewähren?

Das kommt auf das Verlagsprofil an und die Art Buch, mit dem man es zu tun hat – im Genre/mass market steht das Verkaufspotenzial sicherlich eher mal im Vordergrund als in der literarischen Belletristik, dort würde es mir nie einfallen, mit dem Argument „Massentauglichkeit“ zu argumentieren. Aber solche Entscheidungen werden in jedem Fall immer mit dem Autor getroffen und diskutiert.

7. Ist die Verlagswelt für Studienabgänger wirklich ein so schwierig zu betretendes Arbeitsfeld?

Man hört es immer wieder – mich hat das Argument selbst sogar zunächst davon abgehalten, mich als Lektorin zu bewerben, ich bin erst auf einigen Umwegen beim Verlag gelandet (was in der Branche aber nicht unüblich zu sein scheint). Aber als ich mich einmal entschieden hatte, war es sehr einfach, an Bord zu kommen. Nichts desto weniger gibt es gerade im Belletristiklektorat nur selten ausreichend Stellen, man sollte also flexibel sein und sich auch in anderen Bereichen umsehen – Sach- oder gar Fachbuchlektorat, wenn man das nötige Fachwissen hat, Lizenzen, Presseabteilung, Vertrieb – alles auch sehr spannende Jobs rund ums Buch! Und wenn man sich entschieden hat, ein schlecht bezahltes Praktikum zu machen (das ist meiner Erfahrung nach immer noch der klassische Einstiegsweg): die Zeit maximal nutzen, um Kontakte zu knüpfen, und viel Leidenschaft zeigen.

8. Gibt es eine bestimmte Ausbildung / bestimmte Studiengänge, die Voraussetzung für diesen Beruf sind?

Fürs Lektorat sicherlich weiterhin die klassischen philologischen Fächer, und man sollte in jedem Fall Englisch und am besten eine weitere Fremdsprache beherrschen, ohne geht es kaum. Mit selteneren Kombinationen wie Biologie/ Germanistik oder Informatik/ Germanistik o.ä. hat man sicher blendende Chancen im Fachbuch. Und es gibt natürlich noch die einschlägigen Buchstudiengänge mit mehr Praxisbezug. Eine Buchhändlerlehre, Literaturblog-Erfahrung o.ä. kann auch nie schaden!

9. Anders gesagt: Was bringt der ideale Bewerber für einen Lektorenjob mit?

Die nötigen Uni-Qualifikationen – zudem besagte Leidenschaft fürs Buch und das Lesen, und eine große Bereitschaft, sich einzubringen. Was vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, aber ungemein wichtig: Man hat als Lektor viel mit Menschen zu tun – es macht einem das Leben leichter, wenn man kommunikativ ist und ein Händchen für den Umgang mit anderen, auch schwierigen Persönlichkeiten, hat. Neben der alltäglichen Zusammenarbeit mit den Kollegen unterschiedlichster Abteilungen sind es vor allem die Verhandlungen mit Übersetzern und Literaturagenten sowie die Lektoratsgespräche, die manchmal ein gewisses Fingerspitzengefühl brauchen.

10. Sind Lektoren in den Zeiten von Selfpublishing, papierlosen Ebooks etc. eine aussterbende Spezies?

Ich hoffe doch nicht! Ob ein Buch auf Papier oder elektronisch erscheint, ist ja erstmal rein eine Frage des Ausgabeformats – der Inhalt ändert sich dadurch nicht. Relevanter ist dagegen der Umstand, dass die Zeitspanne zwischen Fertigstellung eines Textes und Publikation kürzer wird. Wir sind heutzutage die langen Phasen, die ein Buch im Verlag bis zum Erscheinen durchläuft, nicht mehr gewohnt, es muss schnell gehen – was aber zum Beispiel bei Literatur nicht immer von Vorteil ist, manche Texte müssen reifen bzw. es würde ihnen guttun. Im Sachbuch dagegen kann es schon mal sein, dass es wichtiger ist, ein Buch schnell auf dem Markt zu haben als sich Zeit fürs Lektorat zu nehmen. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass der Lektor per se überflüssig ist – meines Erachtens tut es jedem Text gut, wenn noch jemand anders als der Autor drüberschaut, und im besten Fall ist das jemand, der Erfahrung mit Texten hat.

Lea Götz

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