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Zug um Zug…

…in die Zukunft

Wir schauen gerne weg, auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollen. Wir verdrängen gerne die Realität und machen Urlaub in einem 4 Sterne Hotelbunker auf Kos, der den Blick nach außen versperrt, während nebenan tausende Flüchtlinge um eine bessere Zukunft kämpfen – manchmal auch nur um irgendeine Zukunft.

Auch ich habe unbewusst Urlaub zwischen Flüchtlingen gemacht und zwar in Budapest. Und erst der kurze Zwischenstopp am Bahnhof, kurz vor der Rückfahrt nach München, hat den Blick geändert, die Augen geöffnet. In einer europäischen Hauptstadt, die auch in diesem Jahr als beliebtes Touristenziel Anklang findet, wird der Bahnhof mitten in der Stadt kurzzeitig zur Heimat für Flüchtlinge, die meisten aus Syrien. Auf einer Isomatte versucht ein älterer Mann Ruhe zu finden, Mädchen spielen lachend mit einem Springseil, Frauen hängen die Wäsche am Treppengeländer zum Trocknen auf, ein kleiner Junge schläft schwer und schnell atmend auf dem Schoß seiner Mutter.

Mit dem Zug in eine bessere Zukunft?

Mit dem Zug in eine bessere Zukunft?

Montagmorgen, 9 Uhr in Budapest, Bahnhof – es geht zurück nach München. Und was für mich zurück heißt, heißt für hunderte Flüchtlinge endlich einen Schritt nach vorn, einen Zug weiter Richtung Zukunft. Für viele geht die Reise im brechend vollen Zug jedoch nicht über die Grenze zwischen Ungarn und Österreich hinaus. In Hegyeshalom werden zahlreiche Flüchtlinge im Zug kontrolliert, einigen ist wegen eines vorherigen Asylantrags in Ungarn die Einreise nach Österreich verwehrt und damit auch die Weiterfahrt nach Deutschland erschwert. Die Stimmung in meinem Abteil ist angespannt. Viele schauen aus dem Fenster oder einfach wortlos in die Augen des Gegenüber – stets in dem Bewusstsein, dass die Polizei sich gerade in unmittelbarer Nähe befindet. Sichtlich groß ist die Erleichterung und Freude als es nach circa 45 Minuten ohne Zwischenfälle weitergeht, bis die Reise dann in Wien vorzeitig endet. Wegen Verspätung gestoppt, erreicht der Zug das ursprüngliche Ziel München nicht. Die meisten steigen in den nächsten Zug, Hauptsache weiter, denn jeder Zug ist irgendwie ein Schritt in die richtige Richtung. Mein Blick folgt ihnen und ich bleibe seltsamerweise ruhig. Unter normalen Umständen wäre ich als Pünktlichkeitsfanatikerin wahrscheinlich durchgedreht, hätte mich genervt über die Bahn und eine im Endeffekt elfstündige Rückreise ausgelassen, doch was ist schon ein bisschen Verspätung gegen all das, was sich direkt vor uns abspielt.

Die Szenen vor unserer Nase erschrecken und führen vor Augen, was Medien tagtäglich berichten, was wir in unterschiedlichem Ausmaß überall sehen könnten, würden wir es nur zulassen. Doch ein Blick in die Augen verzweifelter Menschen, Familien, Kinder ist alles andere als leicht. Und können wir überhaupt etwas dagegen tun? Sind es nicht letztendlich Behörden und Gesetze, die das Leben der Flüchtlinge verändern können? Vielleicht können wir nicht die Welt verändern, doch immerhin können wir unsere Augen für die Welt öffnen und den Blick nicht länger abwenden. Und dann wird auch so etwas wie eine Verspätung der Bahn endlich zur Nebensache.

Christina Bacher

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