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Stadt vs. Land

Zwischen Großstadtdschungel und Kuhweiden

Vielen Studenten mag die Situation bekannt vorkommen: Aufgewachsen zwischen Kühen, Schweinen und ein paar Dörfern, geht es zum Studium auf in die große weite Welt – beziehungsweise in die nächste Großstadt. Und dort ist erst einmal vieles anders. Eine Wohnung muss gefunden werden, ohne dass man den Vermieter, oder zumindest dessen Sohn, Onkel, Frau oder Oma, bereits kennt. Man bezieht eventuell einen Wohnblock, welchen so viele Leute bewohnen wie zu Hause das gesamte Dorf. Dafür ist eine kulturelle Vielfalt geboten, mit welcher das Heimatdorf nicht mithalten kann: Ausgefallene Cafés, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und vor allem Menschen, soweit das Auge reicht.

Münchner Stadtleben - für so manches Landkind manchmal erschlagend (c) Charlotte Horsch

Münchner Stadtleben – für so manches Landkind manchmal erschlagend (c) Charlotte Horsch

Als ich vor einigen Jahren zum Studium nach München zog, hatte ich einige Erwartungen an die Stadt und das Leben dort, welche teilweise erfüllt wurden, sich teilweise jedoch überraschender Weise als ganz anders als erwartet entpuppten.

Einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land stellen natürlich Natur und Tierwelt dar. Als Landkind weiß man ziemlich früh, dass Kühe nicht lila sind und dass das Sichten von Rehen und anderen Waldbewohnern keine Seltenheit ist. Auch der Wandel der Natur ist über das Jahr noch viel deutlicher zu bemerken, als es in der Stadt der Fall ist. Doch auch wenn einige Stadtmenschen meine Vorurteile durch panisches Verhalten gegenüber Wespen oder anderem Getier bestätigten, so gibt es auch Naturphänomene, die ich in der Stadt niemals vermutet hätte. Eines davon ist die Vielzahl an Hasen, die man überall in München (inklusive mitten am Stachus) beobachten kann. Diese sind nicht nur scheinbar überall, sondern auch die Anwesenheit der Menschen gewohnt, weshalb sie sich kaum von diesen beirren lassen. Ähnlich verhält es sich mit Eichhörnchen. Noch nie habe ich diese so nah vor mir gesehen, wie in München, wo sie der Präsenz der Menschen gegenüber sehr gelassen sind.

Wenn die Auswahl fast schon zu groß ist

Heimatliche Idylle (c) Charlotte Horsch

Heimatliche Idylle (c) Charlotte Horsch

Ein weiterer Unterschied zwischen Stadt und Land sind die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Gerade was Cafés, Bars, Clubs und Restaurants betrifft, ist die Stadt den Dörfern und Kleinstädten, wo man mit Glück zwischen drei Cafés wählen kann, natürlich um Längen voraus. Die große Auswahl finde ich jedoch manchmal sogar etwas überfordernd und ertappe mich dabei, meistens doch immer wieder die selben Locations zu besuchen, anstatt Neues auszuprobieren oder aber ich brauche ewig, um mich mit Freuden auf einen Treffpunkt zu einigen. Dieser steht auf dem Land hingegen mangels Auswahl immer fest, wobei das Sprichwort „Sehen und gesehen werden“ stets auf dem Programm steht, denn dort ist meist der halbe Landkreis zu finden.

Früher dachte ich außerdem, wer in der Stadt wohnt, muss ständig auf sein Aussehen achten, da man ja dauernd von anderen Leuten umgeben ist und beobachtet wird. Doch während es in München immer genug Leute gibt, die noch weniger Wert auf ihr Aussehen legen und es die meisten generell wenig interessiert, was du gerade trägst, trifft man auf dem Land grundsätzlich Bekannte. Gerade wenn man in Jogginghose zum nächsten Supermarkt geht, um noch schnell eine Tiefkühlpizza aus dem Kühlregal zu fischen, begegnet man mit hundertprozentiger Sicherheit den natürlich perfekt gestylten ehemaligen Pausenhofqueens, die wie immer blendend aussehen.

Vertrautheit vs. Anonymität

Für viele Landkinder ist allerdings die Vertrautheit, die dort herrscht, sehr wichtig. Man kennt die Nachbarn persönlich, weiß, wer das Dorf bewohnt und häufig lebt beinahe die ganze Familie im selben Landkreis und ist dort verwurzelt. Ein solches Zugehörigkeitsgefühl bekommt man als Neuling in München nicht ganz so schnell.  Die Anonymität, die eine Großstadt mit sich bringt, mag einige abschrecken, doch birgt auch Vorteile und Chancen: Manchmal tut es doch ganz gut, nicht jeden Zweiten zu kennen, den man beim Stadtbummel trifft und beispielsweise bei einem etwas ausgefallenerem Auftreten nicht sofort angestarrt zu werden. Ein Neustart in einer anderen Umgebung bringt die Chance, Leute frei von Altlasten kennenzulernen. Neue Uni-Bekanntschaften wissen nicht über deine Party-Ausfälle mit 16 bescheid, interessieren sich nicht für pubertäre Lehrer-Streiche und auch dein vergangenes Liebesleben ist zunächst unwichtig.

Für viele Land-Kinder mag das Leben in der Großstadt zunächst abschreckend wirken, für andere bedeutet dies eine Offenbarung an Freiheit und Neuerfindung seiner selbst. Wo man letztendlich lieber bleibt, ob man das Großstadt-Leben in vollen Zügen genießt, oder ob man lieber jedes Wochenende zurück in die Heimat fährt, ist reine Typsache. Trotzdem ist es empfehlenswert, der trauten Heimat einmal den Rücken zu kehren und der Stadt eine Chance zu geben.

Charlotte Horsch

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