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Im Selbstversuch: Tinder

Die ultimative Tinder-Erfahrung

Die Liste der mobilen Flirtapps, die man sich heutzutage aufs Handy laden kann, ist lang. Wer sich früher umständlich in eine Bar oder ein Cafe setzen musste, um jemanden kennen zu lernen, wischt jetzt einfach lässig nach links oder rechts auf der Suche nach der besseren Hälfte – oder eben der Bekanntschaft für den Abend. Doch während sie uns in Facebook-Anzeigen und in der Werbung mit „150.000 Leute aus deiner Umgebung sind schon dabei – mach‘ jetzt mit und lerne neue, coole Leute kennen!“ angepriesen werden, haben Dating-Apps wie Tinder doch schnell einen gewissen Ruf bekommen: Da sind eh nur Leute angemeldet, die eine schnelle Nummer suchen. Aber solchen Vorurteilen sollte man ja nicht allzu schnell glauben und deshalb habe ich es doch tatsächlich getan: Mich bei Tinder angemeldet. Was ich dabei erlebt habe, könnt ihr hier lesen.

Im Selbstversuch: Tinder

Im Selbstversuch: Tinder

Die ersten Schritte

„Soweit ist es nun also schon mit mir gekommen“ ist mein erster Gedanke, als ich mir die App auf mein Handy herunterlade. Aber wie gesagt, wir wollen ja offen für Neues sein. Die Anmeldung erfolgt einfach über Facebook – Mark Zuckerberg weiß also jetzt auch, dass ich anscheinend Probleme habe, einen Kerl zu finden. Nun gut. Durch die Verbindung mit Facebook wird mein Tinderprofil automatisch mit Bildern, Alter, Wohnort und „Gefällt mir“-Angaben ausgestattet und ich kann quasi gleich loslegen. Halt – vielleicht sollte ich vorher noch einschränken, welche Herren mir vorgeschlagen werden sollen. Die Alterspanne 18 bis 50 ist mir dann doch etwas zu breit.

Als erstes lächelt mir das Gesicht von A., 25, entgegen. Sieht ganz nett aus, aber ich wische doch nach links. Ich komme mir dabei ganz schön oberflächlich vor – A. ist vielleicht ein super lieber Mensch, aber nur weil mich sein Profilbild nicht anspricht, muss ich ihn gleich komplett ablehnen? Gehört wohl zur ultimativen Tinder Experience. Ich suche also ein wenig weiter, bis ich dann einmal nach rechts wische und – Tadaa – „It’s a Match!“ verkündet mir die App fröhlich und zeigt mir mein Profilbild und das des jungen Herren vereint nebeneinander. Jetzt kann ich dem Guten entweder eine Nachricht schreiben oder – ernsthaft? – es mit meinen Freunden auf Facebook teilen. Na, das wäre ja noch schöner. Ich überspringe beide Schritte und wische erstmal ein bisschen weiter. Ich muss zugeben: Das ist nicht der schlechteste Zeitvertreib.

Die ersten Chats

Liebe via App: Geht das?

Liebe via App: Geht das?

„Merke: Wer bei Tinder jemanden finden möchte, muss ganz schön aktiv sein“

Denn wenn du keine Matches hast, kann dir auch niemand eine Nachricht schreiben. Das hat den Vorteil, dass man auch nur mit Leuten Kontakt aufnimmt, die man auch interessant findet und nicht von ungewollten Nachrichten überflutet wird. Nach zwei Wochen Tinder habe ich neben dem typischen „Hey, wie geht’s?“ tatsächlich doch auch ein paar direktere Nachrichten erhalten. Es fängt harmlos an mit einem einfachen „;-)“ und geht über „Hey Süße“ bis hin zu „Bock auf nen DVD Abend? ;-)“ – und das um 23.30 Uhr? Da werden sicher sehr viele Filme geguckt. Mein absolutes Highlight war aber folgende Nachricht: „Hey ich will ganz ehrlich sein: Ich bin gerade ziemlich im Prüfungsstress und brauche Sex zum Ausgleich. Wenn du Interesse an etwas Unverfänglichem hast, lass uns doch mal auf einen Kaffee treffen und wir schauen, ob es passt. Liebe Grüße“ Genial, der Typ. Wenigstens ist er ehrlich!

Das erste Date

Für mein Selbstversuch-Date habe ich mir aber dann doch einen der „Hey, wie geht’s?“- Herren ausgesucht: M., 22, macht gerade eine Ausbildung bei Audi und kommt auch aus München. Wir einigen uns relativ schnell auf Datum, Uhrzeit und Ort und schon bin ich unterwegs ins Parkcafé am Stachus, um mich mit meiner ersten Tinder-Bekanntschaft zu treffen. Als Frau, die ich bin, habe ich natürlich alles vorher dreimal durchanalysiert: Was ziehe ich an? Casual oder eher schick? Wie begrüßen wir uns? Förmlicher Handschlag, Umarmung oder Küsschen links rechts? Wird er bezahlen? Finden wir genug Gesprächsstoff?

Ja, finden wir. Wenig später sitze ich M. gegenüber (Zur Info: Wir haben uns zur Begrüßung umarmt) und wir unterhalten uns beim Essen über Gott und die Welt: Studium und Ausbildung, Serien- und Filmfavoriten, Zukunftspläne, Partys usw. M. hat sich übrigens vorher auch noch nie mit jemanden von einer Dating-App getroffen. Aber die eigentliche Frage ist ja nun: Sprühen die Funken? Macht es Klick? Geht da was? Ganz ehrlich: Eher nicht. Ich persönlich bin der Meinung, dass man innerhalb der ersten paar Minuten entscheidet, ob mit dem Gegenüber mehr als nur Freundschaft möglich wäre – und das war bei M. leider nicht der Fall. Er ist ein wirklich netter und sympathischer Mensch – aber halt auch nicht mehr als das. Außerdem muss ich zugeben, dass ich das Gefühl hatte, ihn während unserem Gespräch genauer unter die Lupe zu nehmen, als ich das mit einer „normalen“ Bekanntschaft machen würde. Die etwas seltsame Art zu lachen, der nicht ganz so vorteilhafte Kleidungsstil, die leichten Hasenzähne – all das springt mir förmlich ins Auge.

„Macht Tinder also wählerischer?“

Oder sollte ich, wenn ich schon eine App dafür benötige, einfach nehmen, was ich kriegen kann? Die Antwort: Nein, sollte ich nicht. Was nicht passt, muss nicht zwingend passend gemacht werden. Also genieße ich noch den Abend mit M., der mich übrigens einlädt und sogar noch mit dem Auto nach Hause fährt. Den peinlichen Abschiedsmoment überspiele ich mit einer schnellen „Gute Nacht!“-Umarmung und gehe dann brav allein ins Bett – was auch völlig okay ist.

Nur eine schnelle Nummer oder doch die große Liebe?

Nur eine schnelle Nummer oder doch die große Liebe?

Fazit

Alles in allem ist Tinder auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, neue Leute kennen zu lernen  – sowohl für Beziehungssuchende, als auch für One Night Standler, wobei die Letzteren wahrscheinlich etwas überwiegen. Generell finde ich aber, dass Tinder seinen Ruf (nur für eine schnelle Nummer bzw. für Verzweifelte) absolut nicht verdient hat. Seid doch mal ehrlich, was macht es für einen großen Unterschied, ob ihr jemanden im Club kurz kennen lernt und dann mit ihm chattet oder ob ihr gleich mit dem Chatten anfangt? Heutzutage finden sowieso – leider! – 80 Prozent der Partnersuche und des Kennenlernens via Whatsapp, Facebook oder Ähnlichem statt – wieso also nicht auch via Tinder? Natürlich hoffen wir alle insgeheim, dass wir zu den 20 Prozent gehören die ihre große Liebe im Supermarkt vor der Obsttheke oder auf der Straße kennen lernen, aber man kann seine Chancen doch ohne Probleme durch eine kleine App erhöhen. Wer den Traum dann doch noch erfüllt haben will, kann sich ja dann beim ersten Date im Rewe um die Ecke treffen. Ich jedenfalls habe die Benachrichtigungen auf Tinder vorerst deaktiviert, die App aber dann doch noch auf meinem Handy gelassen – man weiß ja schließlich nie, wann man dem persönlichen Glück mal wieder etwas auf die Sprünge helfen muss.

Viktoria Lack

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  1. Liebe geht durchs Netz | unikat - […] heißt es doch nicht, dass sie auch schnell wieder endet, oder? Wenn der potentielle Partner auf Tinder gesichtet wurde,…

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