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Die Leere unserer Fülle

 Leben ohne Likes

(100 Tage ohne Timeline- ein Selbstversuch)

Welches Jahr haben wir? Ach ja, 2015. Das Jahr, in dem wir uns vor sozialen Interaktionsmedien wie Facebook, Twitter und Whatsapp kaum noch retten können. Und das wortwörtlich. Denn was bedeutet diese Flut an Selbstdarstellungsplattformen für unser Menschsein? Und was passiert mit unserer Fähigkeit zur Selbstakzeptanz? In einem waghalsigen Projekt möchte ich diesen Fragen auf den Grund gehen.

Ihr habt es schon gelesen, ich möchte für 100 Tage drauf verzichten… Facebook zu nutzen?

Nein, das wäre zu eisern. Schließlich erleichtert Facebook durch seine Nachrichten-Funktion auf erhebliche Weise die Kommunikation mit Einzelnen und Gruppen. Dies soll auch kein Facebook-Schmäh-Artikel werden. Das wäre unsinnig, da ich logischerweise selbst passionierter Facebook-Nutzer bin. Aber es gibt auf Facebook diese Funktion der Timeline, ich würde sagen, fast das Herzstück der ganzen Sache.

Durch sie sind wir mit anderen in Kontakt, ohne mit ihnen zu sprechen oder sie zu sehen. Wir sehen, sofern sie es posten, was sie wann getan haben, was sie gerne mögen, was sie sehr gut können, ja sogar, was sie gerne und wann essen. Wo sie wann im Urlaub sind, welcher Stimmung sie gerade sind und was sie denken- über sich, das Leben, über die Welt. Diese Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen. Das heißt, in einem Akt der stillen Teilhabe werden wir vor unseren Computer- Handy- und Tabletscreens Zeuge der zur Schau gestellten Lebenswirklichkeit anderer Menschen.

„Mehr als alles andere ist Aufmerksamkeit ein Akt des sich Verbindens“, schrieb schon Julia Margaret Cameron. Doch was bedeutet es heute, Aufmerksamkeit zu schenken?

Verbunden sind wir mit ihnen dabei nur durch ein dünnes Band virtueller Funktionen, allseits bestens bekannt als Like und Kommentar. Eine gute Freundin, selbst nicht auf Facebook, sagte in einem Gespräch zu diesem Thema mal etwas ganz erhellendes:

Aber was ist schon so ein Like? Das rotzt man doch schnell mal so runter

Was meinte sie damit? Nun ja, ich würde mal behaupten, es gibt nur sehr wenige Menschen (ich selbst kenne ein paar), die wahrheitsgemäß und aus tiefer Überzeugung -und das wirklich jedes Mal- auf diesen Like-Button klicken. Aber wieso tun es so viele andere Menschen aus einem scheinbar völlig anderen Grund? Was sagt dieses Like aus?

In aller erster Linie ist es die Kurzform für I like. Mag klar sein, dennoch übersieht man schnell den Zusatz zu diesem Like. Nämlich I! Ich! Moi! Dieses Like schreit: Mir gefällt’s! Und oft steckt hinter diesem Tastenbekenntnis ein Wunsch: Sich zeigen. Denn was können wir liken, zu was haben wir Zugang auf unserer Timeline? In erster Linie sind es Posts von Freunden oder Personen des öffentlichen Lebens bzw. Institutionen, die wir bereits geliked haben. Selbst wenn ich 2000 „Freunde“ habe (und die Hälfte davon vielleicht nur einmal gesehen), ist es mir wichtig, präsent zu bleiben. Mich zu zeigen, in dem was mir gefällt, dem anderen etwas zu „schenken“. Ein Like. Man weiß ja aus eigener Erfahrung, wie schön so ein Like sein kann, bekommt man es für etwas, das man von sich mitgeteilt hat. Für einen Artikel zum Beispiel, den man gut fand und teilen wollte. Oder für ein Foto, eine Momentaufnahme des eigenen Lebens. So manch einem hat diese positive Geste des Like schon den Tag gerettet. Man fühlte sich bestätigt, gestärkt. Man hatte etwas gutes geteilt. Etwas, das man selbst gut fand. Also ist man auch gut. Like!

Like

Das Tastenbekenntnis unserer Zeit.

Was ist das für eine Welt?

Der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (*1875), schrieb einmal: „Wir sehen Farben, aber keine Wellenlängen“. Nichts drückt die Komplexität menschlicher Interaktion besser aus, als dieser Satz. Und zwar sowohl jene in der Realität, als auch die der virtuellen Welt. Mag C.G. Jung damals noch nichts von den Möglichkeiten der modernen Kommunikationsmedien geahnt haben, so bleibt doch das menschliche Sein das gleiche wie vor fast 200 Jahren. Vieles bleibt uns verborgen. „Reale“ Kommunikation besteht zu 20% aus Gesprochenem und zu 80% aus nonverbalen Signalen. Von diesen 80% können wir in der Interaktion jedoch nur einen Bruchteil erfassen, je nachdem wie sensibel und offen wir sind. Und wie sieht es nun in der virtuellen Kommunikation aus? Ich behaupte, das Schreiben von Nachrichten sowie das Posten von Fotos, Artikeln, Videos etc. zählt zur verbalen Kommunikation. Man könnte sie auch visualisierte Kommunikation nennen. Das, was normalerweise ausgesprochen wird, wird geschrieben oder gepostet. Doch was ist dann mit den anderen 80%? Im „realen“ Gespräch zeugen Gesten, ein Blick, ein Lachen oder ein Stirnrunzeln davon, dass wir uns angenommen, geliebt oder abgelehnt fühlen. Und was passiert im Netz? Ersetzt das Like die nonverbale Kommunikation? Ich sage nein, denn ein Like ist ebenfalls ein visualisiertes Bekenntnis des Gefallens. Es ist greifbar.

80 Prozent einer „kompletten“ Kommunikation fallen gänzlich weg

Was bedeutet das nun für uns? „It’s a struggle“, würde ein englischer Singer-Songwriter wehklagen. Und ja, es ist mühselig. Wir sind ständig damit beschäftigt, uns in sozialen Netzwerken gut zu stellen, uns gut darzubieten, uns in den bestmöglichen Farben zu zeigen, um diese fehlenden 80% der nonverbalen Kommunikation auszugleichen. Die Folge: Wir kommen nie an. Es ist nie genug. Denn wir wissen nicht, wie unser virtuelles „Gegenüber“, seien es zwei oder 2000 FB-Freunde, zu uns steht. Wie es uns wahrnimmt, den virtuellen Abdruck unserer Selbst beurteilt. Und wir sind in der Zwickmühle, denn die Büchse der Pandora ist geöffnet. Hat man einmal das selbstbestätigende Prinzip der Selbstdarstellungsplattformen durchschaut und genutzt, reicht oft die reale Interaktion mit anderen nicht mehr aus. Warum nur eines, wenn man beides haben kann. Höher, schneller, weiter, das Motto unserer Zeit. Die Angst, außen vor zu bleiben, nicht vernetzt zu sein, nicht informiert zu sein, übersehen zu werden, Kontakte wieder zu verlieren – zu groß.

Im Außen ständig erreichbar. Immer vernetzt. Doch wie sieht es in unserem Innern aus?

Facebook, die Droge unserer Zeit. Selbstbestätigung und Bestätigung durch andere, die Sucht

In einem 100 Tage-Experiment werde ich mich dem stellen, wovor sich so viele fürchten. Als „halbaktive“ Facebook-Nutzerin werde ich Nachrichten schreiben und Gruppenunterhaltungen nutzen, jedoch weder die Timeline checken noch etwas posten. Ich werde nichts liken und keine Likes bekommen. Ich werde mir Videos ansehen, ohne meine Entdeckung zu teilen, Artikel lesen, ohne sie zu kommentieren. Ich bin für 100 Tage unsichtbar. Zumindest auf Facebook.

Ob dieses Experiment Auswirkungen auf mein reales Leben hat, erfahrt ihr in meinem nächsten Artikel!

Teresa Frank

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