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Der Kompetenzhamster

Warum wir Studenten so angepasst sind

Ich sitze mal wieder mutlos an einer meiner Hausarbeiten, genauer gesagt davor, und beschäftige mich mit allem Möglichen, außer eben mit jenem Übel. Passenderweise finde ich einen Artikel zur Prokrastination, besser bekannt als „Aufschieberitis“. So, der muss jetzt unbedingt auch noch gelesen werden, bevor ich mich dem sterbenslangweiligen Thema meiner Hausarbeit widme. Na gut, so langweilig ist das Thema eigentlich gar nicht, aber das Zwanghafte der Hausarbeit und die Tatsache, dass alles auf 12.500 Zeichen (inklusive Leerzeichen!) gequetscht werden muss, nehmen mir langsam aber sicher die Freude. Oh, ich bin ja schon wieder mit meinen Gedanken bei der Hausarbeit. Also heißt es: Umblättern. Auf der nächsten Seite entdecke ich einen Artikel namens „Leerauftrag“ (MünchnerUni Magazin, 2015, 2. Ausgabe) von Dr. Christiane Florin, Lehrbeauftragte für Politische Wissenschaft an der Universität Bonn und Redaktionsleiterin der ZEIT-Beilage Christ&Welt. Sie hat vor einem Jahr eine Streitschrift mit dem Titel „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ publiziert. Interessant, denke ich mir, und fange an zu lesen.

"Oft genug bin ich als Lehrende Alleinunterhalterin, übe mich in Langeweilevermeidung" (Dr. Christiane Florin)

„Oft genug bin ich als Lehrende Alleinunterhalterin, übe mich in Langeweilevermeidung“ (Dr. Christiane Florin)

„Die Zahl macht den Marktwert aus“ (Dr. Christiane Florin)

Im Nu ist der Essay verschlungen und meine Motivation, mich mit der Hausarbeit zu beschäftigen, gänzlich verschwunden. Dr. Christiane Florin beschreibt nämlich den Misstand und das Dilemma unserer Leistungsgesellschaft. Denn viele Studenten wissen: Im Endeffekt zählen nur die Noten. Es geht nicht mehr darum, seinen Abschluss zu machen; nein, das Studium muss sehr gut abgeschlossen werden. „Die Zahl macht den Marktwert aus“, schreibt Dr. Christiane Florin. Aber Bachelor und Master reichen da nicht – denn das machen ja viele. Man muss sich noch irgendwie profilieren, gegen andere hervorheben, seinen Marktwert steigern. Praktika und HIWI-Jobs sind da gefragt. Alternativ besteht oftmals noch die Möglichkeit, Tutor zu werden. Zahlreiche Zusatzqualifikationen und Abschlüsse sollen erworben werden… und das alles so früh wie möglich. Dieser Druck muss nicht zwangsläufig in jedem Studiengang bestehen, aber laut aktuellen Studien steigt der psychische Druck der Studenten ganz im Allgemeinen. Und das obwohl so vieles doch einfacher geworden sein muss.

Viele Studenten fühlen sich unter Druck gesetzt

Viele Studenten fühlen sich unter Druck gesetzt

„Erwünscht ist der möglichst junge Kompetenzhamster, mit Bachelor, Master und diversen Zusatzqualifikationen“ (Dr. Christiane Florin)

Will man mal tiefer in die Materie einsteigen und einem Thema auf den Grund gehen, so kostet das nur wertvolle Zeit und verwirrt für die Prüfungen. Das zusätzlich angeeignete Material interferiert dann bloß mit dem prüfungsrelevanten Stoff. Und letztendlich zählen eben doch nur die Noten. Wer wird dich später auch fragen, ob du dir die Zusatzlektüre noch durchgelesen hast, wenn sich dein Kommilitone mit einem besseren Schnitt für den gleichen Arbeitsplatz bewirbt? Ganz so drastisch ist es natürlich nicht, denn Interesse und Neugierde haben noch niemandem geschadet und führen auch meist an die richtigen Personen. Dennoch ist es auf jeden Fall interessant, die Ursache der folgenden, ach so häufig gestellten Frage zu ergründen: „Ist das prüfungsrelevant?“.  Und ja, ich finde der von Dr. Christiane Florin verwendete Neologismus des „Kompetenzhamsters“ gibt eine ganz gute Antwort auf diese Frage. Auf dem Arbeitsmarkt wird der Kompetenzhamster gesucht. Und der zeichnet sich eben nicht durch seine Neugierde aus, sondern durch seine Zertifikate.

Katharina Häuser

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