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Die Kunst des kleinen Gesprächs

„Sorge dich nicht, rede!“

Dieses Zitat aus meinem neuen Smalltalk-Ratgeber schwirrt mir durch den Kopf, als ich wie jeden Morgen an der Haltestelle auf die Tram warte und meine Nachbarin um die Ecke gehen sehe. Unzählige schlaue Sprüche und Fragen schwirren durch den Kopf, doch letztlich lässt mein Mund nur ein lang gezogenes „Naaa“ heraus. Das wäre ja weiter kein Problem, würde meine Nachbarin nicht mit demselben wortgewandten Ausdruck antworten. So stehen wir also da und weiter geht es mit der Frage „Alles klar?“ – „Ja und bei dir?“ – „Ja, alles klar!“. Es gibt ja Menschen, die brauchen nur ein Stichwort und schon sprudeln Worte und Sätze aus ihnen hinaus, die keiner erwartet hätte, doch meine Nachbarin und ich zählen wohl eher nicht dazu.

Gespräche unter Freunden sind leicht- aber Smalltalk?

Gespräche unter Freunden sind leicht- aber Smalltalk?

Der Klassiker: Das Wetter

Ist der Kopf leer, wenn man mit jemandem reden möchte, ist das Wetter allzeit als Notlösung bereit. Aber das sollte es eigentlich auch bleiben, eine Notlösung. Als echter Klassiker in Sachen Smalltalk kann das Wetter zwar als Einstieg in ein Gespräch dienen, aber nach ein bis zwei Sätzen darüber, wie laut es in der letzten Nacht gewittert hat oder wie sehr man die Sonne genießt, reicht es auch wieder. Ein zehnminütiges Gespräch über das Wetter? Nein, danke! Das Wetter macht die Dinge leicht, jeder kann darüber reden, aber in manchen Fällen sollten die klassischen Smalltalker doch lieber mal hinter die Wolken blicken.

Die Quasselstrippe: Wenn der Mund schneller ist als der Kopf

Ganz nach dem Motto „Ich weiß, was ich denke, wenn ich höre, was ich sage“ bringt man sich in Sachen Smalltalk schnell in eine unangenehme Lage. Für manche ist Stille unerträglich und deshalb wird einfach aus Prinzip immer geredet und zwar ohne Punkt und Komma. Der Inhalt des Gesprächs ist egal, Hauptsache Töne erfüllen den Raum und dabei kann es leicht passieren, dass der Mund Dinge ausspricht, die der Kopf lieber für sich behalten hätte. Trotzdem ist es wahrscheinlich besser das Wetter vorzuziehen, anstatt von der letzten Nacht mit dem netten Kollegen zu erzählen, denn wer weiß am Anfang eines Gesprächs schon, ob es sich beim Gegenüber nicht auch um eine Quasselstrippe handelt. Und ist das der Fall, bleibt nur auf den Moment zu warten, in dem der nette Kollege nicht mehr ganz so nett vor der Tür steht.

Die Alternative: Der Dauerlächler

Wer lieber auf Nummer sicher gehen will, bevor er sein ganzes Leben auf den Tisch legt, tut es am besten den Pinguinen aus Madagaskar nach: Immer lächeln und winken. Obwohl man das Winken meistens lieber lassen sollte. Es bleibt also der Dauerlächler. Lächeln ist auf keinen Fall verkehrt, wirkt sympathisch und interessiert und wenn der Gegenüber zum Typ der Quasselstrippe zählt, reichen einige zusätzliche kleine Bemerkungen, wie „Achso!“ „Oha!“ „Krass!“ „Echt?“, um von einem zwar relativ einseitigen, aber erfolgreichen Smalltalk zu sprechen. Wenn der andere jedoch ebenfalls zu den fröhlichen Dauerlächlern gehört, gestaltet sich das mit dem Smalltalk schon etwas schwieriger. Da ist beispielsweise dieses Mädchen in der Uni. Wir besuchen gefühlt jedes Seminar zusammen, haben aber noch nie ein Wort gewechselt. Wir sind Dauerlächler ohne Namen.

Der Notfallplan: Verstecken

Wenn die Laune für den Dauerlächler nicht gut genug ist und man dem ehemaligen Klassenkameraden, der da geradewegs auf einen zukommt, eigentlich sowieso kein Lächeln mehr schenken wollte, gibt es noch einen Joker, den Notfallplan: Verstecken. Hierfür gilt es, ständig auf der Hut zu sein, sonst kann es schnell passieren, dass man dem anderen direkt in die Arme läuft. Also Augen auf und für den Fall der Fälle immer einen Hut, einen Schirm, eine Zeitung oder ähnliches dabei haben, falls gerade kein Baum oder eine Ecke in der Nähe ist, hinter der man sich verstecken könnte. Wer noch am Anfang der Versteckkarriere steht und regelmäßig entdeckt wird, kann zu raffinierten Ausreden greifen. („Oh, ich habe dich gar nicht gesehen. Meine Augen werden auch immer schlechter. Um die Ecke ist ja ein Optiker, ich mache sofort einen Sehtest!“ oder „Du ich habe gerade überhaupt keine Zeit, in zwei Minuten muss ich beim Arzt sein“) Eine weitere Smalltalk-Vermeidungs-Methode ist das Telefonieren. Und wenn man gar niemanden am anderen Ende hat, so ist es für den ein oder anderen immer noch angenehmer mit einem Handy zu reden, als Smalltalk zu führen.

Versteckspiel vor Smalltalk?

Versteckspiel vor Smalltalk?

Manche werden so regelrecht zu Profis im Verstecken und zu strategischen Smalltalk-Vermeidern. Aber mal ehrlich, sollten wir das Versteckspielen nicht lieber unserem 20 Jahre jüngeren Ich im Kindergarten überlassen und uns dem kleinen Gespräch stellen? Smalltalk ist auch ein Spiel und zwar ein Spiel, das vom Hin und Her lebt. Und hin und wieder wird aus dem kleinen ein großes Gespräch und aus dem entfernten Bekannten ein richtig guter Freund.

Christina Bacher

2 Kommentare

  1. Voll gut, irgendwie haette ich mir noch eine Anleitung zum Smalltalk unter dem Titel vorgestellt/ gewuenscht, aber vielleicht ist es sogar besser nur dazu aufzuforden mal den Mut zu haben einen Smalltalk durchzuziehen.

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  2. Liest sich super! Konnte mir an manchen Stellen das Grinsen nicht verkneifen, weil man manche Situation einfach wiedererkennt. Beispiel: Dauergrinser ohne Namen :D

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