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Atemlos durch die Nacht

Eine Singleparty in der Dorfdisco

Es ist einer dieser Samstagabende in den Semesterferien, an denen man sich der „Ausgehpflicht“ erfolgreich entzogen hat. Ich habe eine Jogginghose an, gammle auf der Couch herum und bin vollkommen zufrieden mit meinem Plan, den Rest des Abends mit den Hauptcharakteren meiner Lieblingsserie und einer Packung Chips zu verbringen, als mich meine Freundin Theresa auf Facebook anschreibt. Ob ich denn heute Abend schon etwas vorhabe, möchte sie wissen. Ich bin hin- und hergerissen. Entweder ich sage ja, dann muss ich mich jetzt nicht aus dem Sofa schälen und eine richtige Hose anziehen, verpasse aber vielleicht eine legendäre Partynacht. Oder ich übe mich in Spontaneität und verneine die Frage, verzichte auf meinen gemütlichen Fernsehabend und riskiere, dass der Abend dann nicht einmal gut wird. Man sollte wissen, ich wohne in einem 6.000–Seelen-Dorf und hier ist eigentlich selten etwas los, wofür es sich lohnen würde, eine richtige Hose anzuziehen.

Ich entscheide mich schließlich für die zweite Variante und bereue diese Entscheidung sofort, als Theresa ankündigt, mich auf eine Singleparty mitnehmen zu wollen. Fieberhaft suche ich nach einer Ausrede. Ich bin so müde, schreibe ich ihr, und ich habe ja bereits die Gammelhose an, und überhaupt ist es jetzt schon halb zehn. Aber alle Ausreden nützen nichts, schließlich kriegt sie mich mit dem Argument, dass dies ja der letzte Abend der Semesterferien sei und wir uns nicht mehr sehen, sobald ich wieder in München bin.

Also ziehe ich mir etwas halbwegs Vorzeigbares an und warte darauf, dass sie mich eine halbe Stunde später mit dem Auto abholt. Ich hätte nie gedacht, dass ich je in meinem Leben auf eine Singleparty gehen würde. Ich bin eigentlich der Meinung, dass man beim Feiern gehen kein Beziehungsmaterial kennenlernt – und auf einer Singleparty in einer Dorfdisco, wo sich vermutlich der letzte verzweifelte Rest der alleingebliebenen Landpomeranzen herumtreibt, schon erst recht nicht. Ich ahne ja noch nicht, wie sehr ich mit meinen Vorurteilen ins Schwarze treffen werde.

Die große Liebe soll man auf der Singleparty finden – viele sind aber doch eher auf die schnelle Nummer aus

Die große Liebe soll man auf der Singleparty finden – viele sind aber doch eher auf die schnelle Nummer aus

Noch bevor wir den Eingang der Diskothek erreichen, werden wir von einer freundlichen Dame abgefangen, die Werbung für ihre Speeddating-Agentur macht, „falls es heute Abend nicht klappen sollte“. Theresa nimmt ganz begeistert den Flyer entgegen und ich befürchte, dass die nächste Single-Bespaßung, auf die sie mich mitschleppen wird, nicht mehr lange auf sich warten lässt. Am Eingang werden wir von zwei gutaussehenden Türstehern begrüßt. Ich mustere die Mädls, die vor uns in der Schlange stehen. Sie sind etwa in unserem Alter und ihrer Kleidung nach zu urteilen. haben sie es wirklich nötig. Gefühlte drei Kilo Schminke im Gesicht und Kleider so knapp, dass ein Waschlappen wohl mehr Haut bedeckt hätte, schreien „Nimm mich! Jetzt sofort!“. In Jeans und T-Shirt komme ich mir neben ihnen ein wenig fehl am Platze vor.

„Kommst du heute mit zu mir nach Hause?“

Am Einlass bekommt jeder einen Aufkleber in Herzform mit einer Nummer darauf, den er gut sichtbar auf seiner Kleidung platzieren muss. Um die Kontaktaufnahme für die Singles zu erleichtern, liegen Zettel aus, mit denen man dem Objekt seiner Begierde, sofern man die Nummer auf dessen Herzen kennt, Botschaften schreiben kann. Diese sind sogar schon vorgefertigt und man muss nur noch die richtige ankreuzen. Von „Kommst du heute mit zur mir nach Hause?“ bis hin zu „Lass uns mal auf einen Kaffee treffen“ ist alles möglich.

Als wir die Party betreten, möchte ich am liebsten auf der Stelle wieder kehrtmachen. Noch nie wurde ich in einer Disco so offensichtlich prüfend von oben bis unten gemustert wie hier. Theresa erwidert die Blicke herausfordernd, während ich nur stur geradeaus gucke und froh bin, als wir es bis zur Bar geschafft haben. Noch sind nicht viele Gäste hier. Die Männer sind alle sichtlich über 30 und scheinen modisch in den 90er Jahren stehen geblieben zu sein. Es ist offensichtlich, dass sie sich tuschelnd über uns unterhalten.

Die Tanzfläche ist noch gänzlich leer – bis auf diese eine ältere Frau, die man in jeder Disco vorfindet, die mit ausufernden Arm- und Beinbewegungen alleine tanzt und ganz in der Musik versunken zu sein scheint. Wir sehen ihr eine Weile amüsiert zu, während wir an unserer Cola nippen.

Langsam füllt sich die Disco und auch die Tanzfläche. Die Mehrheit der Besucher gehört der Ü30-Fraktion an. Interessiert beobachte ich das Balzverhalten der älteren Generation, ganz offensichtlich sind die meisten hier schon ein wenig aus der Übung. Ein weißhaariger Mann tänzelt unbeholfen um eine Frau herum, die ein Kostüm trägt, das ein bisschen wie eine zu groß geratene Stewardessuniform aussieht. Sie macht breitbeinige Tanzbewegungen und kaut verkrampft auf ihrer Unterlippe herum, während sie angestrengt den Boden mustert. Ich möchte ihr zurufen, dass sie es doch mal mit Augenkontakt zu ihrem Tanzpartner versuchen soll. Sie wirkt so hilflos.

Atemlos durch die Nacht

Atemlos durch die Nacht

Helene Fischer als Aphrodisiakum

Inzwischen habe ich auch schon ein paar Männer in meiner Altersklasse entdeckt. Aus irgendeinem Grund scheinen sie es für eine gute Idee gehalten zu haben, sich komplett in „FC Bayern“–Montur einzukleiden. Sie blicken in unsere Richtung, tuscheln angeregt miteinander, blicken dann in eine andere Richtung und tuscheln wieder. Ich folge ihrem Blick und sehe, dass sie die leicht bekleideten Mädls von vorhin entdeckt haben. Nach kurzer Diskussion scheinen sie sich für die „Leicht zu haben“–Variante entschieden zu haben und drehen in Richtung der Mädls ab. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Die Musik wechselt von Helene Fischer zu einem schlechten Macklemore-Remix, der klingt, als hämmerte jemand mit einem Presslufthammer von innen gegen die Boxen, dann zu „Mein Herz, es brennt“. Für mich keine aphrodisierende Mischung, aber beim Rest der Meute scheint es zu funktionieren. Die leicht bekleideten Mädls liegen den „FC Bayern“-Boys schon in den Armen. Ein Typ gesellt sich zu uns und quatscht uns an. Mit Hemd und Jeans ist er einer der wenigen Anwesenden, die zu wissen scheinen, wie man sich normal kleidet. Er scheint sich allerdings gar nicht so sehr für uns zu interessieren, sondern eher für sich selbst. Zehn Minuten lang höre ich mir an, was für ein toller Kerl er doch ist, dann tauschen Theresa und ich vielsagende Blicke aus und wir machen uns unter einem Vorwand aus dem Staub.

Genug Singleparty für heute. Ich überlege, ob ich jemals eine ähnlich absurde Nacht erlebt habe wie die heutige, als wir uns auf den Weg zum Ausgang machen. Der Türsteher wird inzwischen von einer weiteren Gruppe leicht bekleideter Mädls umgarnt. Ich klebe ihm im Vorbeigehen mein Herz auf den Rücken, denn er braucht es jetzt wohl dringender als ich, dann verschwinden Theresa und ich in die Nacht. Wenn das, was ich heute gesehen habe, meine Auswahl ist, dann bleibe ich doch lieber Single.

Katja Reinhardt

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