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First world obligations

Ist uns eigentlich bewusst, wie gut es uns geht? Ein Kommentar.

900. Eine große Zahl. So viele Menschen sind Mitte April 2015 im Mittelmeer auf der Überfahrt nach Europa ertrunken. Die meisten davon werden für immer namenlos bleiben und ihre Familien werden nie erfahren, was mit ihnen passiert ist. Aber warum passieren solche Unglücke immer wieder, bei denen innerhalb von einer Woche über 1.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind?

Auf den ersten Blick wegen der Gier einzelner: Schleuser pferchen viel zu viele Menschen in nicht hochseetaugliche Boote und schicken sie aufs Mittelmeer hinaus. Himmelfahrtskommandos, die möglich sind, weil die Menschen sie als den einzigen Weg aus der Armut sehen. Sicher sind solche Schleuser absolut rücksichtslos und sollten drakonisch bestraft werden. Aber man sollte sich auch fragen, warum so etwas überhaupt möglich ist. Schließlich ist es für uns alle unmöglich, sich vorzustellen, dass man lieber in einen nahezu sicheren Tod fährt, anstatt in seinem Heimatland zu bleiben. Diese Ansicht ist sehr westlich. Die tägliche Angst um das eigene Leben, religiöse Verfolgung, Hungersnöte, all das ist uns fremd. Warum ist das so? Weil wir hier in Europa fleißiger arbeiten als in Afrika? Weil wir bessere Menschen sind? Wohl kaum: Es ist schlicht und ergreifend Zufall. Zufall, dass wir in eine wohlhabende Gesellschaft geboren wurden. Zufall, dass wir uns jetzt mit nahenden Klausuren, anstehenden Seminararbeiten und einem nicht vorhandenen Liebesleben beschäftigen, während andere nicht wissen, wo sie heute Nacht schlafen können.

Was haben wir den Flüchtlingen voraus? Zunächst mal einfach Glück

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Sind Politiker wirklich alleinverantwortlich?

Sicher, die Überschrift ist provokativ. Zumindest für einen normalen Bürger. Die Frage, inwieweit die europäischen Parlamente falsche Entscheidungen getroffen haben oder was sie jetzt tun müssen, um die Situation zu verbessern wird momentan ausführlich diskutiert. Aber zum einen sollte sich jeder von uns überlegen, ob wir wirklich viele hundert Abgeordnete des vorsätzlichen Totschlags beschuldigen wollen (Vorsatz = Absicht oder Wissentlichkeit?), oder ob wir uns bei all dem nicht auch ein Stück weit selbst hinterfragen müssen. Wären wir bereit gewesen auf Annehmlichkeiten wie die Erhöhung des Kindergeldes oder auf Kitaplätze zu verzichten, um eine bessere Sicherung der Gewässer im Mittelmeer finanzieren zu können? Oder wären wir bereit gewesen, für solche Vorkehrungen zu zahlen? Letzten Endes leben wir in einer Demokratie. Die Regierungen agieren, wie es das Volk will. Aus Gutmenschentum? Sicher, ein paar. Die meisten aber einfach, weil sie ihren Job behalten wollen, sie wollen wiedergewählt werden. Insofern ist es heuchlerisch zu sagen, eine einzelne Personengruppe wäre verantwortlich. Die Frage der Asylpolitik ist eine höchst komplexe, denn sie führt zu unangenehmen Fragen: Sind wir bereit neben unserem Haus ein Asylbewerberheim aufzustellen? Haben wir ein Problem damit, wenn viele tausend ungelernte Arbeitskräfte auf den ohnehin oftmals angespannten Arbeitsmarkt kommen? Ich glaube, hier ist in den letzten Jahren viel falsch gelaufen. In der Politik, aber auch in der Gesellschaft.

Die Frage, wie eine Kontrolle des Mittelmeerraumes vonstattengehen kann, können die wenigsten von uns lösen. Aber auch wir können etwas verändern, angefangen bei unserer Einstellung. Wir leben sehr privilegiert in Deutschland und das sollte uns bewusst sein. Die meisten Leser dieses Artikels sind wahrscheinlich Studenten. Sicher, das ist auch oftmals eine Zeit mit vielen Widrigkeiten, aber letzten Endes geht es uns gut. Wir gehen in die Universität, um später einmal einen guten Job zu haben und haben doch eigentlich alle sehr viel Spaß dabei. Und wenn wir uns all das bewusst machen, wenn uns klar ist, das nichts als der pure Zufall uns von den 20-Jährigen in Syrien und anderen Ländern unterscheidet, dann ist der Gesellschaft schon sehr geholfen.

Philipp Früh

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