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Zwischen Hoffen und Bangen

Ein Flüchtlingsschicksal in Erding

Haseeb schaut aus dem Fenster. Sein Blick fällt auf den verschneiten Garten. Er wirkt ernst. Mit gerade einmal 18 Jahren hat er schon ein ganzes Leben hinter sich. Haseeb fährt sich mit der Hand durch sein schwarzes, dichtes Haar. Er wurde in Kabul, der Hauptstadt von Afghanistan, geboren. Mit 16 Jahren musste er mit seiner Familie flüchten: Erst in das Nachbarland Iran, dann über den Irak und die Türkei nach Griechenland. Von dort aus ging es mit großer Hoffnung im Gepäck weiter nach „Germania“, Deutschland. Heute lebt Haseeb in Erding bei München. Er schiebt seine Hände in die Taschen des knallgrünen Kapuzenpullovers. Hinter ihm ertönen Worte in der persischen Sprache Dari. Haseeb dreht sich um. In der Tür steht eine kleine, stämmige Frau, seine Mutter Farida. Er soll schon mal den Tisch decken. Der junge Mann lächelt. Er bekommt heute noch Besuch.

Haseeb zwischen Fernseher und Hochbett: Oft hat der 18-Jährige nicht genug Platz zum Lernen, (c) Andrea Hornsteiner

Haseeb zwischen Fernseher und Hochbett: Oft hat der 18-Jährige nicht genug Platz zum Lernen, (c) Andrea Hornsteiner

Ein Leben auf kleinstem Raum

Mit wenigen Schritten steht er auf der anderen Seite des Zimmers. Auf nicht einmal 20 Quadratmetern spielt sich das Leben von Haseeb und seinen Eltern ab. Sie leben zu dritt in der kleinen Wohnung, die aus zwei winzigen Zimmern besteht. Das alte Haus am Ende einer Nebenstraße beherbergt noch vier weitere Flüchtlingsfamilien. Afrikaner und Afghanen wohnen hier Wand an Wand und teilen sich Küche, Bad und den kalten Flur. Unter dem alten Eisenhochbett, in dem er und seine Mutter schlafen, zieht Haseeb eine Plastik-Tischdecke mit rosafarbenem Blumenmotiv hervor. Liebevoll breitet der junge Mann sie auf dem Teppichboden aus. In dem zweiten Zimmer hustet ein Mann. Haseebs Vater Janagah liegt auch tagsüber in seinem Bett. Noch vor zwei Jahren hatte er Tuberkulose. Auf der Flucht musste ihn Haseeb die meiste Zeit auf dem Rücken tragen, so schwach war sein Vater damals. Noch immer benötigt Janagah sein Sauerstoffgerät. Fast 16 Stunden täglich hört man das pfeifende Geräusch des grauen Kastens. Eine große Plastiktüte voll mit Medikamenten lehnt daneben an der Wand, darin auch die Tabletten von Mutter Farida gegen ihre schwere Diabetes. Aus dem Flur ertönen Stimmen. Haseeb lächelt: Alex ist da.

Zwischen Schule und Behördengängen

Ein großer sportlicher Mann erscheint im Türrahmen. Freudig umarmen sich die beiden. Vor einem Monat haben sie sich kennengelernt. Als ehrenamtlicher Helfer der „Aktionsgruppe Asyl“ unterstützt Alex Flüchtlinge im Landkreis Erding. Er hilft ihnen in ihrem neuen und oft noch ungewohnten Alltag zurechtzukommen und begleitet sie zu Ärzten und Behörden. Haseeb sieht in Alex längst mehr als nur einen Betreuer. „Er ist ein guter Freund. Auf ihn kann man sich verlassen“, erklärt der 18-Jährige stolz. Brüderlich legt er die Hand auf seine Schulter und schiebt ihn ins Zimmer. Alex setzt sich wie gewohnt auf den Boden. „Ich kann heute aber wirklich nicht lange bleiben. Wir wollten doch nur schnell die Unterlagen für morgen durchgehen“, erklärt Alex. Sein Blick fällt auf den großen Reisteller vor sich, den Mutter Farida auf die Tischdecke stellt. Ein intensiver Duft nach fremden Gewürzen erfüllt den kleinen Raum. Morgen muss Haseeb schon wieder aufs Amt. Mindestens zweimal die Woche fallen die Behördengänge an. Alle sechs Monate erhält die Familie eine neue Aufenthaltsgenehmigung. „Ausländerbehörde“, „Kreisverwaltungsreferat“ und „Sozialamt“ – diese Begriffe gehen dem jungen Afghanen schon in perfektem Deutsch über die Lippen. Seine vorläufige Rentenversicherungsnummer muss erneut geprüft werden. Haseeb verdreht die Augen. Wieder ein Nachmittag, den er auf dem Amt verbringen muss. Farida stellt den letzten Teller ab. „Guten Appetit“, wünscht sie in brüchigem Deutsch. Gekochter Reis mit Rosinen und Karotten, Lammfleisch, Fisch, Geflügel und selbst gebackenes Brot liegen ausgebreitet auf der Tischdecke. Alex erkennt seine aussichtslose Situation und beginnt, sich Fleisch auf den Teller zu legen. Bei Afghanen wird Gastfreundschaft nun einmal groß geschrieben.

Gastfreundschaft wird in Afghanistan groß geschrieben: Haseeb bereitet eine Mahlzeit für Alex vor, (c) Andrea Hornsteiner

Gastfreundschaft wird in Afghanistan groß geschrieben: Haseeb bereitet eine Mahlzeit für Alex vor, (c) Andrea Hornsteiner

Haseeb erzählt währenddessen von der Schule. Jeden Morgen fährt er eine Dreiviertelstunde mit der S-Bahn und dem Bus nach München. Die Berufsschule in der Nähe des Ostbahnhofs bietet eine eigene Klasse für Flüchtlinge an. Der 18-Jährige geht gerne dorthin. Er ist ein guter Schüler. Sein Lieblingsfach ist Deutsch, dafür zu lernen macht ihm Spaß. Diesen Sommer will er den Quali schaffen. „Danach könnte ich mir eine gute Ausbildung suchen. Aber am liebsten würde ich weiter zur Schule gehen. Das würde mir wirklich Spaß machen“, erklärt Haseeb. Seine dunklen Augen strahlen. In Afghanistan konnte er nicht zur Schule gehen. Schon als Kind musste er hart arbeiten, um seine Familie zu ernähren. Die wenige freie Zeit verbrachte er mit seinem größten Hobby: Dem Ringen. Auch hier in Deutschland trainiert Haseeb im Verein. Dreimal die Woche fährt er dafür nach München. Selbst an großen Wettkämpfen hat er schon teilgenommen. Hinter Alex hängt an der kahlen Wand eine Bronzemedaille. Während Farida das Geschirr wegräumt, erzählt Haseeb stolz von den letzten deutschen Meisterschaften. Immer wieder schaut er dabei zu der Medaille hinüber.

Eine ungewisse Zukunft

Alex lobt Haseeb für sein gutes Deutsch und verspricht ihm, bald wieder bei der Familie vorbeizuschauen. Farida drückt dem großen Mann noch eine Tüte mit Essen in die Hand. „Für deine Familie. Damit sie auch afghanisches Essen hat“, erklärt Haseeb mit einem Grinsen. Die beiden Männer umarmen sich. „Gibt es eigentlich Neuigkeiten wegen der Wohnung?“, fragt Alex plötzlich. Haseeb wird schlagartig ernst und schüttelt stumm den Kopf. Während sich Alex auf den Heimweg macht, stellt sich der junge Afghane ans Fenster. Draußen schneit es wieder. Ende des Monats müssen Haseeb und seine Eltern aus der Wohnung ausziehen. Das Haus wird abgerissen. Die Familie soll in dem 20 Kilometer entfernten Dorf Emling untergebracht werden. Nicht einmal ein Bus fährt dort. Der tägliche Schulweg wird damit für Haseeb zum Hindernis. Die fast 20 Kilometer bis nach Erding müsste er täglich zu Fuß gehen, um weiter nach München fahren zu können. Wie sein kranker Vater zum Arzt kommen soll, ist ebenfalls unklar. Ob er dann überhaupt noch ringen kann? Haseeb weiß es nicht. Er neigt den Kopf zur Seite und betrachtet die Schneeflocken, die immer dichter vom Himmel fallen.

Andrea Hornsteiner

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