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Selbstständigkeit? Kriegen wir gebacken!

„Kuchentratsch“

Aktuell zaubern 16  Seniorinnen mit  Begeisterung mehrfach pro Woche leckere Kuchen nach altbewährten Rezepten . Diese werden auf Bestellung an verschiedene Münchner Cafés und Firmen, sowie auch an Privatkunden geliefert. Katrin (25) und Katharina (25) haben sich mit ihrer besonderen Geschäftsidee namens „Kuchentratsch“ direkt nach dem Studium selbstständig gemacht.

Selbstgebackene Kuchen - die Grundzutaten Mehl, Milch und Eier werden  von festen regionalen Lieferanten bezogen, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Selbstgebackene Kuchen – die Grundzutaten Mehl, Milch und Eier werden von festen regionalen Lieferanten bezogen, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Die neue Backstube

Ich treffe  die beiden an einem sonnigen Dienstagnachmittag in ihrer neuen Backstube – einer ehemaligen Fischverarbeitungshalle in der Landsberger Straße, zentral gelegen in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Katrin begrüßt mich lächelnd in bunten Crocs. Erst Anfang März sind sie hier als als neue Mieter eingezogen. Es gab und gibt noch immer eine Menge zu tun. „Wir haben Mauern reingezogen, Fliesen gelegt, die Möbel und Kücheninseln aufgebaut, gestrichen, Strom verlegt, Spinde gebaut, und Backzutaten eingekauft“, so Katrin. Während unseres Gespräches arbeitet Katharina, die zeitgleich mit Katrin ihr Studium in Innsbruck absolviert hat, zusammen mit einem Kumpel am Aufbau eines großen Tisches. Auf diesem sollen schon sehr bald Kuchen angerichtet werden, denn tagsdarauf ist hier Back-Tag –  und ein Fotoshooting mit dem Verlag ihres ersten eigenen Backbuchs, in dem dann auch die Bilder von Kuchen und Bäckerinnen zu sehen sein werden.

Es braucht nur Inspiration

Katrin und Katharina gründeten "Kuchentratsch", (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Katrin und Katharina gründeten „Kuchentratsch“, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Das Geschäft der  „frisch gebackenen“  Selbstständigen läuft: Bis jetzt wurden etwa 900 Kuchen an Privatkunden, Cafés und Firmen ausgeliefert. Kunden sind beispielsweise auch die  HUB Munich, die Industrie- und Handelskammer (IHK), sowie die Stadt München. Nicht schlecht – doch wie sind die beiden 25-Jährigen auf ihre simple, aber dennoch raffinierte Idee gekommen? Diese Frage stellt ihnen – zu Recht – fast jeder. Katrin erklärt: „Es gibt ein paar Sachen, die da aufeinandergetroffen sind. Katharina war zum Beispiel auf Reisen in Brasilien“ – und ließ sich auf ihren Wegen durch Städte und Dörfer von Straßenverkäufern süßen Gebäcks inspirieren. Ein eigener Verkaufsstand in der Münchner Kaufingerstraße, das wäre genau Katharinas Ding. Der erste Gedanke hingegen, den Katrin zum Thema „süßes Gebäck“ hat: „Wenn ich Kuchen will, dann gehe ich zu meiner Oma.“ Denn ihr Kuchen ist einfach der beste. Bei ihren Oma-Besuchen stellen Katharina und Katrin oft fest:

„Unsere Omas sind viel allein zu Hause, aber eigentlich noch fit.“

Seniorinnen eine Aufgabe zu geben, ihnen zu ermöglichen, in Gesellschaft das zu tun, was sie auch in ihrer Freizeit gerne machen – das ist eines der zentralen Ziele des Projekts. Die Seniorinnen bei „Kuchentratsch“ arbeiten zudem auf 450-Euro-Basis und bekommen einen festen Stundenlohn. Denn auch ein anderer  Aspekt ist nicht zu vergessen:

„Der Faktor Altersarmut spielt in der Gesellschaft eine wichtige Rolle, besonders hier in München. Die Frauen bekommen wenig Rente und müssen sich oft etwas dazuverdienen.“

Gegen Vereinsamung im Alter und Altersarmut vorzugehen – das ist das zentrale Anliegen und die Idee von „Kuchentratsch“.  Eine Idee zu haben ist jedoch das eine, sie auch umzusetzen, wie es Katharina und Katrin eindeutig gelungen ist, das andere. Wie sind die Studentinnen beim Realisieren ihrer Pläne vorgegangen? Ende 2013 bekamen sie für ihr „Social Start Up“ ein Stipendium der Organisation „Social Impact Start“. Doch damit war es nicht getan, denn um ein Gewerbe zu betreiben, muss man viele Vorschriften beachten. So war neben einer gewerblichen Küche auch eine Sondergenehmigung der Handwerkskammer nötig, denn wenn man sich mit einem sogenannten „A-Handwerk“ regulär selbstständig machen will, ist  im entsprechenden Handwerk ein Meisterbrief Voraussetzung. Bis  die Sondergenehmigung vorlag, hat es fünf Monate gedauert. Dann musste Katrin noch eine theoretische und praktische Prüfung absolvieren, bis im Juni 2014 in einer stillgelegten Kantine endlich losgebacken werden konnte. Die Bäckerinnen sind anfangs die eigenen Omas und back-begeisterte Rentnerinnen aus deren Bekanntenkreis – mitmachen kann übrigens jeder,  der Rente bezieht: Mitzubringen ist neben der Leidenschaft am Backen lediglich ein beim Hausarzt erhältliches Gesundheitszeugnis.

"Kuchentratsch" - Omas Kuchen mit Liebe gemacht, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

„Kuchentratsch“ – Omas Kuchen mit Liebe gemacht, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Das „süße Gebäck“ kommt an

Fehlt noch die Kundschaft: „Wir sind mit Kuchen durch Schwabing gelaufen und haben bei verschiedenen Cafés angefragt.“ Darüber hinaus präsentierten die beiden Studentinnen ihre Idee auf zahlreichen Messen, wie zum Beispiel dem „Heldenmarkt“.  Hier konnten sie das Café „Black Bean“ für sich gewinnen – die Filialen an der Münchner Freiheit und an der Amalienstraße gehören nun zu den Stammkunden.  Außerdem erhielten die beiden Jungunternehmerinnen sogar eine Anfrage der BMW-Stiftung.

Die Tage der Uni-Absolventinnen sind fortan straff durchgeplant: „Vor dem Umzug hatten wir beide noch einen 20-Stunden-Werkstudentenjob, um unser Leben zu finanzieren“. Montags wurde immer gebacken – das nimmt inklusive  Aufräumen und Ausliefern einen ganzen Arbeitstag in Anspruch. Zusätzlich musste sich Woche für Woche um die Buchhaltung, den Internetauftritt und das Anwerben neuer Kunden und Bäckerinnen gekümmert werden. Seit Mitte Februar arbeiten Katrin und Katharina nun hauptberuflich bei „Kuchentratsch“.  Zeitgleich begann auch ein Crowdfunding-Projekt, dessen Ziel es ist, durch Sponsoring bis zum 23. März diesen Jahres 35.000 Euro einzunehmen – wird dieser Betrag nicht überschritten, geht das Geld an die Sponsoren zurück.  Ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist eben mit Risiken verbunden: „Im Moment schreiben wir noch rote Zahlen“, gibt Katrin zu. Aber trotz der vielen Arbeit und Ungewissheit:

„Bereut haben wir es keine Sekunde lang“

Backpause - Zeit für einen gemütlichen Tratsch, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Backpause – Zeit für einen gemütlichen Tratsch, (c) Katharina Mayer u. Katrin Blaschke

Neben dem finanziellen Risiko müssen die Studentinnen ihre Idee auch Kritikern gegenüber verteidigen: „Es wird manchmal kritisiert, dass wir die Seniorinnen ausbeuten“. „Oma-Arbeit“ anstatt Kinderarbeit? Wohl kaum. Denn die Seniorinnen bekommen bei „Kuchentratsch“ nicht nur einen festen Stundenlohn und entscheiden selbst, an welchen Tagen sie wie lange arbeiten. Katharina und Katrin legen außerdem auch viel Wert darauf, dass die Seniorinnen beim Backen ihre eigenen  Rezepte und Ideen umsetzen und sich wohl fühlen können – jede Bäckerin hat ihren eigenen Back-Platz inklusive einem Schrank mit Back-Equipment. Für den Wohlfühl-Faktor beim „Tratsch“ in den Pausen ist die Anschaffung bequemer  Sitzmöbel für draußen geplant.

Ein Kuchenverkauf „to go“

Auch hinsichtlich des Geschäfts und der Ideen kommt dieses Jahr viel Neues dazu: Im Moment wird dreimal wöchentlich gebacken: „Das war auch mit ein Grund für unseren Umzug – die alte Küche stand uns nur montags zur Verfügung, aber wir hatten sehr viele Anfragen und Omas, das war mit einem Tag einfach nicht mehr zu stemmen.“ Möglichst bald möchten sie hier jeden Tag backen, zudem soll bis zum Sommer ein Kuchenverkauf „to go“ eingerichtet werden.  Außerdem  gibt es bereits Anfragen aus anderen Städten wie Hamburg oder Stuttgart, die das Konzept gerne übernehmen würden – zuerst soll „Kuchentratsch“ aber in München fest etabliert werden, wie Katrin betont.

Rebekka Wiemer

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  1. Ein Stück Selbstständigkeit | unikat - […] Mehr Informationen zu “Kuchentratsch” findet ihr auch hier. […]

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