Wir schreiben München – schreibt mit!

„Das perfekte Fastendinner“

 Fasten – mehr als ein Verzicht?

Eine gemütlich eingerichtete Wohnung in einem ruhig gelegenen, eher unscheinbaren Wohnhaus südöstlich von München – das ist der Sitz der katholischen Jugendstelle Taufkirchen. Ich klingele –  die Tür öffnet mir allerdings nicht wie erwartet Sophia , sondern Max (19), der im Rahmen seines  Theologiestudiums ein Praktikum an der Jugendstelle absolviert. Sophia (30), die Jugendseelsorgerin,  befindet sich gerade noch im Gespräch. Bevor ich ihr später noch ein paar Fragen stelle, berichtet mir Max als angehender Priester schon einmal ein paar Aspekte zum Thema „Fasten“.

Fasten – der religiöse Hintergrund

Max (19), Student an der LMU (katholische Theologie)

Max (19), Student an der LMU (katholische Theologie), (c) Maximilian M.

Unterschieden werden muss zunächst zwischen Fasten- und Abstinenztagen. Abstinenztag bedeutet, sich einer bestimmten Speise zu enthalten, aber sonst – bezüglich der Essensmenge beispielsweise – keine Einschränkungen vorzunehmen. Unabhängig von der Fastenzeit ist das im Christentum der Freitag: „Freitag ist  kein Fastentag, sondern nur ein Abstinenztag. Man enthält sich nur einer Speise (z.B. Fleisch). Fasten heißt ja auch, weniger zu essen.“ Eine besondere Rolle spielen darüber hinaus die Tage Aschermittwoch und Karfreitag: „Diese Tage sind Fasten- und Abstinenztage zugleich“, so der 19-Jährige. „Da ist eigentlich nur eine sättigende Mahlzeit am Tag erlaubt, das heißt entweder Frühstück, Mittag- oder Abendessen. Sonst gibt es tatsächlich nur Flüssigspeisen.“

Max fasst den religiösen Hintergrund des Fastenzeit-Endes kurz und prägnant zusammen: „Ostern ist  das Fest der Auferstehung, diesem geht der Kreuzestod Jesu am Karfreitag voraus. Die Osterzeit beginnt am Ostersonntag, an den Kartagen – Gründonnerstag und Karfreitag – erinnern wir uns an das Sterben Jesu.“ Des Todes und der anschließenden Auferstehung Jesu wird in der Osternacht gedacht. Zu diesem Anlass findet bei den Katholiken am Ostersamstag gegen 22 Uhr auch eine Messe statt: „Das ist die größte und schönste Messe des Kirchenjahres.“

„Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“

Sophia (30), Religionspädagogin (FH) und Jugendseelsorgerin in der Jugendstelle, (c) katholische Jugendstelle im Dekanat Ottobrunn

Sophia (30), Religionspädagogin und Jugendseelsorgerin in der Jugendstelle, (c) katholische Jugendstelle im Dekanat Ottobrunn

Dieses über 500 Jahre alte Zitat der spanischen Karmelitin und Mystikerin Theresa von Avila beschreibt für Sophia einen wichtigen Aspekt  der Fastenzeit. Als Jugendseelsorgerin unterstützt die 30-Jährige hier  beispielsweise die Jugendarbeit in den Pfarreien vor Ort bei der Organisation von Freizeiten und Wochenenden.  Zudem ist sie für die Vermittlung und  Mediation zwischen Jugendlichen und Kirchenmitarbeitern verantwortlich.

„Fasten ist ein Verzicht“

„Konkret bedeutet das beispielsweise, Süßigkeiten wegzulassen – seit ich hier in der Jugendstelle arbeite, schaffe ich das nicht mehr (lacht).  Außerdem bedeutet es für mich, bewusster zu leben, bewusster darauf zu schauen: Was brauche denn ich und mein Körper gerade?“  An und für sich ist sie auch der Meinung, dass Fasten zum „Christ-Sein“ dazugehört – „Ich denke aber, dass man das Fasten auch weiterfassen kann, dass es nicht immer nur ein Verzichten sein muss, sondern eben auch die bewusstere Lebensweise beinhaltet.“ Speziell auf den Verzicht bezogen – ist verzichten zu können eine Voraussetzung, um ein guter Christ zu sein? „Grundsätzlich würde ich sagen schon, das gehört dazu. Es geht darum, auch der Versuchung zu widerstehen.“ Sophia denkt diesbezüglich, „dass man selbst gut merkt, inwieweit etwas eine Versuchung für einen selbst ist – wichtig ist da auch, dass man ehrlich zu sich selbst ist, und sich fragt: Inwieweit brauche ich dieses Stück Schokolade jetzt wirklich?“

Veranstaltungen zum Thema „Fastenzeit“

Konkret gibt es zwei Angebote: Die erste Veranstaltung trägt den Namen „eine Stunde Auszeit“ – ein Pilotprojekt in Form eines Gesprächsabends, bei dem es um die Besinnung und das Innehalten in der Fastenzeit geht. Außerdem gibt es dann noch „Das perfekte Jugendstellendinner“. Dieses Konzept ist ebenfalls relativ neu und wurde zu Beginn des Jahres  zum ersten Mal erprobt.  Moment – Dinner und Fastenzeit, ist das nicht ein Widerspruch? „Genau das nehmen wir als Herausforderung“ – die Jugendseelsorgerin erklärt: „Im Januar fand zum ersten Mal „Das perfekte Jugendstellendinner“ statt. Das ist sehr gut angekommen. Wir kochen nicht nur, sondern stellen das Ganze unter ein Thema. Im Januar war das ganz konkret der Jahresanfang: Was will ich erreichen?“ Ein Dinner in der Fastenzeit – wäre hier nicht eher Dinner-Cancelling angebracht?

„Das perfekte Jugendstellendinner“

Sophia (30, Jugendseelsorgerin) und Michaela (27, Jugendpflegerin) - sie kamen auf die Idee des "perfekten Jugendstellendinners", (c) Rebekka Wiemer

Sophia (30, Jugendseelsorgerin) und Michaela (27, Jugendpflegerin) – sie kamen auf die Idee des „perfekten Jugendstellendinners“, (c) WR

„Besser ein Gericht Gemüse, wo Liebe herrscht, als ein gemästeter Ochse und Hass dabei“  – unter diesem Motto aus dem Buch der Sprüche des alten Testaments versammeln sich hier in der katholischen Jugendstelle heute Abend einschließlich Sophia und Michaela (27, Jugendpflegerin) neun Hobbyköche. Zusätzlich zum Kochen in Kleingruppen und dem anschließenden gemeinsamen Essen finden zwischen den drei Gängen sogenannte spirituelle Impulse statt. Hierbei geben Sophia und Michaela ein Thema vor, mit dem man sich dann kreativ auseinandersetzt.

 Erst einmal muss jedoch gekocht werden – eingekauft haben Sophia und Max schon. Auf dem Tisch im Aufenthaltsraum liegen bereits zwei Kilo Möhren, die noch geschält und gekocht werden müssen und zusammen mit Kokosmilch die Hauptzutat für die Vorspeise sind. Für den Hauptgang stehen in der Küche Reis und Gemüse bereit, die zu einem Gemüse- Thaicurry werden und als Nachspeise soll Obstsalat mit gebackenen Bananen und Mandeln serviert werden. „Wir haben gesagt: Kein Fleisch, viel Gemüse, eher fettarm, und beim Nachtisch keine Schokolade und keine Sahne“, so Sophia.

 Also dann – auf die Karotten, fertig, los! In der Küche schnippeln währenddessen Michi (17)  und Janni (21)  Paprika und Brokkoli für den Hauptgang. Die beiden Industriemechaniker-Azubis fasten zwar  nicht explizit, finden aber, dass das gesunde Dinner auch zum Erwerb neuer Kochkenntnisse, sowie zur bewussteren Auseinandersetzung mit der eigenen Ernährung eine gute Sache sei. „Es war uns wichtig, einerseits regionale Produkte zu verwenden und  andererseits geht es darum in Gesellschaft bewusst zu essen, und nicht nebenher etwas anderes zu machen“, so auch Max, der die geschälten Möhren in die Küche bringt. Diese müssen nach dem Kochen noch mit den übrigen Zutaten  püriert werden –   schon ist die Vorspeise servierfertig. Karotten zusammen mit Kokos – schmeckt das? Nach anfänglicher Skepsis bin ich überzeugt.

 (v.l.n.r) Oben: Max beim Pürieren der Suppe; Michi und Janni - die Sieger des Abends. Unten: Sophia - auch daheim kocht sie oft und gerne; der fertig gedeckte Tisch - im Hintergrund bereiten Michaela (21) und Helena (16) den Nachtisch zu, (c) Rebekka Wiemer

(v.l.n.r) Oben: Max beim Pürieren der Suppe; Michi und Janni – die Sieger des Abends. Unten: Sophia – auch daheim kocht sie oft und gerne; der fertig gedeckte Tisch – im Hintergrund bereiten Michaela (21) und Helena (16) den Nachtisch zu, (c) WR

 

IMG_3644

Der Hauptgang, (c) WR

Der erste Gang ist vorbei und damit die Zeit für den ersten spirituellen Impuls gekommen.  Dafür befüllt Sophia mit uns allen Pappbecher mit Farbe. Außerdem liegen Pinsel und 15 kleine Leinwände auf dem Tisch des Aufenthaltsraum – was daraus werden soll, erklärt Sophia in einer kurzen Ansprache: Das zentrale Motiv  an diesem Abend ist  passend zur Fastenzeit das Kreuz: „Jeder kann nun für sich überlegen, wo er im Leben ein Kreuz zu tragen hat und dafür ein Symbol finden, das dann auf die Leinwand kommt.“ Das ist gar nicht so einfach und auch eine sehr individuelle und persönliche Angelegenheit. Nachdem  jeder kurz ein Wort zu seinem Symbol gesagt hat, geht es auch schon mit der Hauptspeise weiter – es gibt Reis mit Gemüse-Curry, das nicht nur schön angerichtet ist, sondern auch sehr gut schmeckt. Direkt im Anschluss folgt dann der zweite spirituelle Impuls – diesmal ist das Kreuz eine Metapher für Hoffnung, die in diesem Zusammenhang von vielen mit Licht oder Frühling assoziiert wird.

 

IMG_3663

Das Kreuz – alle Symbole für Leid, Hoffnung und Leben im zentralen Motiv vereint, (c) WR

Nach dem Nachtisch, der von Michaela (21) und Helena (16) sehr schön angerichtet wurde, bildet der letzte spirituelle Impuls, mit dem dann auch das Bild vervollständigt wird, den Abschluss des Abends. Nun ist das Kreuz ein Symbol für die Auferstehung und den Neubeginn – also im weitesten Sinne das Leben.  Jeder kann sich an Situationen erinnern, in denen aus etwas Schlechtem etwas Gutes wurde: Der letzte weiße Fleck auf der Leinwand ist bestimmt für ein Symbol hierfür. Eine Idee war beispielsweise die „Straße“ als Symbol des Lebens: Straßen beginnen oft klein und unscheinbar und vergrößern sich im Laufe der Zeit, führen uns durch unbekanntes, teilweise riskantes Terrain und können manchmal abrupt und unvorhergesehen enden – der an diesem Tag geschehene Absturz der Germanwings-Maschine über Südfrankreich ist dafür ein tragisches Beispiel und ist während des Abends auch immer wieder Gesprächsthema.

Nach einer kurzen „Gedankenpause“  füllen alle noch ein Bewertungsblatt für jeden Gang aus und anschließend können die Sieger gekürt werden – and the winner is: Das Hauptspeisen-Team (Michi und Jan-Niklas)!

Die Fastenzeit – ein Fazit

Sich umfassend über ein religiöses Thema zu informieren und dabei viele unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen, war interessant – vor allem war es auch spannend zu erfahren, inwieweit die Fastenzeit von jungen Leuten im Alltag tatsächlich praktiziert wird. Anfangs war es jedoch nicht ganz einfach, überhaupt Fastende in unserem Alter zu finden.  Besonders das Fastendinner hat gezeigt, dass religiöses Fasten nichts mit Diät, Entgiftungskuren oder gar Nahrungskarenz zu tun haben muss. Auch und gerade die spirituellen Impulse beim Fastendinner, unter denen ich mir am Anfang eher eine Art Gebetsrunde vorgestellt habe, waren sehr bereichernd.

Die wichtigsten Aussagen und Erkenntnisse, bewusst auf die Bedürfnisse des Körpers zu hören, Ungesundes wegzulassen und „sich selbst etwas Gutes zu tun“  sind an sich sicherlich sinnvoll – Verzicht hingegen ist im Hinblick auf eine  dauerhaft gesunde Lebensweise immer schwierig: Je größer der Verzicht, desto größer wird die Versuchung. Viel mehr kann und sollte deswegen die Fastenzeit meiner Meinung nach auch dazu dienen, darüber nachzudenken, wie man die neuen Gewohnheiten dauerhaft im Alltag etablieren kann – und das mit Freude und möglichst ohne ein Gefühl des Verzichten-Müssens.

Warum junge Menschen fasten, könnt ihr hier nachlesen.

WR

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.