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Von Coca-Cola und toten Hühnern

In einem kleinen Dorf im Süden Mexikos wird der Kirchgang zum besonderen Erlebnis – die Bewohner opfern Hühner und verwenden kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke zur Geisteraustreibung.

Die Einwohner des Dorfes San Juan Chamula sind Nachfahren der Maya und haben viele ihrer Traditionen und Bräuche bewahrt. Sie gehören zu dem im Hochland von Chiapas ansässigen Tzotzil-Stamm, dessen Mitglieder die indigene Tzotzil-Sprache sprechen. Über die Hälfte davon kann kein Spanisch. Obwohl sie immer auf ihre kulturelle Unabhängigkeit bedacht waren, konnten sie sich gewisser katholischer Einflüsse nicht entziehen, sodass es zu einer faszinierenden Mischung der Religionen kam.

Zu erreichen ist das Dorf relativ einfach, es liegt nur etwa zehn Kilometer von der vor Hippieflair nur so sprühenden Stadt San Cristóbal de las Casas entfernt. Der Kaffee dort ist übrigens fantastisch, und zahlreiche alternative Restaurants bieten eine willkommene Abwechslung von Pollo und Bohnen.

Toursiten und Dorfbewohner drängen sich vor der Kirche

Touisten und Dorfbewohner drängen sich vor der Kirche

Es gibt weder einen Altar, noch Kirchenbänke

Vom Stadtzentrum aus fahren in regelmäßigen Abständen Kleinbusse, sogenannte colectivos, nach Chamula. Die zwanzigminütige Fahrt über holprige Lehmstraßen endet direkt am Dorfplatz mit der Kirche. Von außen wirkt das Gebäude mit den weißgetünchten Wänden und den türkisfarbenen Rundbögen hell und freundlich. Im Inneren ist die Luft schwer vom Rauch unzähliger Kerzen. Ihr flackerndes Licht fällt auf die Gesichter von lebensgroßen Heiligenfiguren, die entlang der Wände aufgereiht sind. San Juan Bautista (Johannes der Täufer) wird als wichtiger angesehen als Jesus und erhält einen Ehrenplatz. Abgesehen von einem mannshohen Holzkreuz neben der Tür enden die Gemeinsamkeiten mit einem christlichen Gotteshaus hier auch schon; es gibt weder einen Altar, noch Kirchenbänke. Der Boden ist mit Piniennadeln bedeckt, die einen harzigen Geruch verbreiten.

Dunkelhaarige Menschen sitzen in kleinen Gruppen auf dem Boden, manche murmeln Beschwörungen in einer fremdartig klingenden Sprache. Vor ihnen stehen langstielige Kerzen in verschiedenen Farben. Während die Frauen ihre Haare zu Zöpfen geflochten haben und Röcke aus schwarzer Wolle tragen – sie erinnern damit etwas an Krähen – bevorzugen die Männer meist Jeans und ausgeblichene Hemden.

Mit einer beiläufigen Bewegung dreht sie dem Tier den Hals um

Eine Frau streicht mit einem Pflanzenbündel über den Körper eines jungen Mädchens. Dann wiederholt sie die Bewegung mit einem apathischen Huhn, das in einer schwarzen Plastiktüte steckt. Nur der Kopf schaut heraus. Plötzlich dreht sie dem Tier mit einer beiläufigen Bewegung den Hals um. Einer anderen Frau gelingt das Töten des Huhnes nicht sofort und es beginnt unter hektischem Flügelschlagen laut zu schreien. Erst mit der Unterstützung ihres Sitznachbarn wird der Vogel zum Schweigen gebracht. Später werden sie die toten Hühner – und mit ihnen die negativen Energien, die auf sie übertragen wurden – vergraben.

Nach der Hühnerexekution entspannen sich die ernsten Gesichter und es wird Posh (selbstgebrannter Zuckerrohrschnaps) getrunken. Einige beträufeln damit sogar ihre Haare und nehmen Schlucke aus den Coca-Cola- und Fanta Flaschen, die zwischen den Kerzen stehen.

Exorzismus durch Rülpsen

Die Flaschen werden aber nicht – wie des Öfteren behauptet – angebetet. Vielmehr geht es um eine allgemein eher unbeliebte Nebenwirkung von Kohlensäure: das Rülpsen. Heftiges Aufstoßen soll nach dem Glauben der Tzotzil böse Geister austreiben. Exorzismus durch Rülpsen sozusagen. Ursprünglich wurde zu diesem Zweck ein natürlich gewonnenes Maisgetränk genutzt, doch mit Einzug der Globalisierung greift man auf die leichter zugänglichen Softdrinks zurück.

Ziel der Rituale ist meist das Heilen von Krankheiten. Die Tzotzil vertrauen weniger auf moderne Medizin, als auf jahrhundertealte Überlieferungen. Sie glauben, dass Krankheiten das Resultat eines Verhaltens sind, das nicht mit den Regeln der Gemeinschaft zu vereinbaren ist. Neid oder üble Nachrede würden negative Energien verursachen. Die Rituale helfen, sich von diesen Energien zu befreien. Eine wichtige Rolle spielen die dabei verwendeten Kerzen. Blaue Kerzen dienen der Heilung, rote weisen schlechte Energien zurück und schwarze wenden das Böse ab. Ausführliche Informationen zu den Praktiken der Tzotzil gibt es im Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal.

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Markthalle von San Juan Chamula

Sein Ruf eilt San Juan Chamula weit voraus: das Dorf hat sich zu einem Touristenmagneten entwickelt und bei einem Aufenthalt in der Gegend ist ein Besuch fast obligatorisch geworden. Beim Fotografieren ist jedoch Vorsicht geboten, da die Tzotzil darauf ablehnend oder sogar aggressiv reagieren. Im besten Fall verlangen sie nur ein kleines Bußgeld, es soll jedoch schon vorgekommen sein, dass Kameras zerstört wurden und unbelehrbare Touristen einige Nächte im Dorfgefängnis verbringen mussten. Wer auf ein Andenken nicht verzichten möchte, der kauft den mitunter sehr armen Dorfbewohnern einige bunte Armbänder ab, bevor er zu seinem Leben im 21. Jahrhundert zurückkehrt.

Mara Kuttler

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