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Schön dich kennenzulernen, Fremder!

„David hat heute Geburtstag. Schreibe an Davids Pinnwand“ – Facebook ist ein zuverlässiger Erinnerer. Egal ob David nun ein guter Freund aus Schulzeiten ist oder eine flüchtige Partybekanntschaft des letzten Monats. Die Reaktion der meisten Facebook-Nutzer ist die: Facebook öffnen, „Alles Gute“ tippen, vielleicht noch mit einem Smiley und an die Pinnwand posten. Würde ein paar Stunden später jemand fragen, wann David denn gleich nochmal Geburtstag hat, hätten die meisten wohl keine Ahnung.

 

Social-Media-Phänomen: Wir alle folgen bestimmte Verhaltensregeln auf Facebook und Instagram. Warum wir das tun, wissen wir selbst meist nicht genau. Wieso laden wir das Bild eines Gemüsesalats gewürzt mit Hashtags wie #veggie #eatclean #eatgreen und Co. hoch, das wir heute mal essen mussten, weil es nichts anderes in der Kantine gab, obwohl für den Abend schon wieder die Salami Tiefkühlpizza geplant ist? Weshalb dokumentieren wir einmalige Joggingerlebnisse inklusive Bilder der leuchtenden Nikes auf dem Asphalt, wenn wir genau wissen, dass es das erste und letzte Mal in diesem Jahr sein wird? Warum laden wir Bilder von dicken Büchern, natürlich drapiert neben der Starbuckstasse hoch, wenn wir das Buch nur für die Uni lesen müssen und eigentlich keine Lust auf den Wälzer haben? Wenn man den Kommilitonen, der am Vortag ein Bild von gesunden Essen, Sport, dem literarischen Kaffee trinken oder Ähnlichem gepostet hat, in der Vorlesung anspricht, ob er denn nun Vegetarier geworden ist, angefangen hat Sport zu treiben oder plötzlich seine Liebe zur Literatur entdeckt hat, ist die Antwort meistens die selbe: „Nee, wieso?“. Wenn man fragt, woher er und David, dem er gestern zum Geburtstag an die Pinnwand gepostet hat, sich denn kennen, ist es so gut wie immer die gleiche Aussage: „Mh…Keine Ahnung. Vom Feiern wahrscheinlich“.

Offenbar scheinen wir uns ohne viel darüber nachzudenken auf Facebook und Instagram mit einem Klick in Parallelwelten zu beamen und zu komplett anderen Menschen mit anderen Idealen und auch anderen Freunden zu werden ohne groß darüber nachzudenken. Wohl deshalb, weil man es eben so macht und nicht zuletzt weil es ja auch von uns erwartet wird – schließlich: Ist David denn tatsächlich mit Maren zusammen, wenn die beiden ihren Beziehungsstatus auf Facebook nicht auch ändern? Und ist die Beziehung wirklich glücklich, wenn es nicht alle paar Wochen mal ein Kuss- oder Urlaubsbild zu bestaunen gibt? Wie es aussieht müssen wir also auf Facebook und Instagram aktiv sein, um uns als Person und unsere Aktivitäten unter Beweis zu stellen. Und umso mehr Zeugen dabei sind, desto besser. Deswegen müssen wir auch David gratulieren, wenn er Geburtstag hat – er könnte ja schließlich ein „gefällt mir“ für die nächste Statusänderung übrig haben. Schließlich will man ja nicht, dass die Facebookgemeinde denkt, man wäre ein unbeliebter Unglücks-Single.

Da es aber eben trotzdem nicht das richtige Leben ist, scheinen viele beim „Betreten“ ihres Accounts der virtuellen Welt auch zu vergessen, dass sie tatsächlich sich selbst präsentieren und fast täglich Menschen „Alles Gute“ wünschen, von denen sie nicht mal wissen, ob sie sie überhaupt mögen. Es ist wohl vielmehr so, dass man neben den „Eckdaten“ wie Alter, Beziehungsstatus, Studiengang und Wohnort zunehmend die Person darstellt, die man gerne wäre, ungeachtet des Wissens, dass die Facebook Freunde, die einen wirklich kennen, einen schnell als Lügner entlarven können. Dass Facebook und Instagram Plattformen für Selbstverliebte sind, mag zwar in einigen Fällen stimmen, aber noch viel mehr sind es Orte, an denen man sich zeigt, wie man gerne wäre und nicht wie man ist. So groß die Differenzen zwischen der echten Person und dem Ideal auch sein mögen. Und je mehr Leute mitmachen, desto niedriger wird auch die eigene Hemmschwelle, sich virtuell neu zu erfinden und einen „Avatar“ zu kreieren.

Es heißt ja immer, man lernt im Internet seine Freunde nicht mehr kennen, aber ich finde, man lernt tatsächlich sehr viel über sie. Zwar nicht wer sie wirklich sind, aber sehr genau, wer sie gerne sein würden. Wenn man jetzt über die moralische Tour käme, könnte man sagen „Leute reißt euch zusammen, setzt euch lieber in ein Café und lernt euch wirklich kennen. Und bezeichnet nicht Menschen als „Freunde“, die ihr gar nicht kennt.“ Aber da die sozialen Netzwerke nun eben nicht wegzudenken sind, finde ich es mindestens genauso interessant, die Internet-Freunde und Follower genauer zu betrachten und mir zu denken: „Aha, du wärst also gerne ein belesener, sportlicher Vegetarier. Hallo Fremder – schön, dich kennenzulernen“.

Lea Götz

1 Kommentar

  1. Klasse! So hab ich das tatsächlich noch nicht betrachtet.

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