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Generation Grenzenlos

Meine Erfahrungen mit Europa

Es wird viel über die sogenannte ‚Generation Grenzenlos‘ oder ‚Generation Europa‘ geschrieben und gesprochen, über das Zusammenwachsen der europäischen Völker durch Austauschprogramme und Auslandsaufenthalte. Doch gleichzeitig nehmen in einigen europäischen Ländern nationale Tendenzen wieder zu. Unser Autor studiert Rechtswissenschaften an der LMU und hatte die Möglichkeit durch einen einjährigen Erasmusaufenthalt an der University of Oxford Bestandteil dieser ‚Generation Grenzenlos‘ zu werden. Hier berichtet er darüber, wie ihn diese Erfahrungen geprägt haben.

‚Generation Grenzenlos‘ – mit diesem Slogan werde ich ein Leben lang mein Studienjahr in Oxford verbinden. Ein Jahr, in dem ich verstand, dass Lachen eine Sprache ist, die von jedem gesprochen wird.
Möglich gemacht hat dies Erasmus, das Austauschprogramm der Europäischen Union. Und ich kann nicht anders als Dankbarkeit gegenüber dem Träger dieses Programms zu empfinden. Dankbarkeit, dass ich die Chance hatte, Freunde aus über 30 verschiedenen Ländern zu finden und in das Leben, in die Kultur und die kleinen Eigenheiten meines Gastlandes einzutauchen.
Daher erscheint es mir geradezu unwirklich, dass mit dem Vereinigten Königreich genau dieses Land, in dem ich solche Erfahrungen sammeln durfte, bald darüber abstimmen wird, der Europäischen Union den Rücken zuzukehren. Auch macht es mich traurig, dass bei den letzten Europawahlen die EU-Skeptiker und national Denkenden in vielen Ländern stark an Stimmen zulegen konnten. So wurde etwa die Front National stärkste Kraft in Frankreich. Schließlich führt eine Absage an starke politische europäische Institutionen automatisch auch zu einer Abschwächung des Europäischen Gedankens und einer stärkeren Betonung nationaler Identitäten.
Dabei ist es dieser Europäische Gedanke, der seit fast einem Menschenleben Stabilität, Wohlstand und vor allem Friede in Europa geschaffen hat. Das sollte niemals vergessen oder auch nur klein geredet werden. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft auf diesem Kontinent und können unsere Werte von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie nur so stark nach außen vertreten, wie wir geschlossen zusammen stehen.

Natürlich habe ich mich während des gesamten Jahres als Deutscher gefühlt und war mir dessen vielleicht mehr bewusst als jemals zuvor in meinem Leben. Doch habe ich das nicht als abgrenzend und belastend erlebt, sondern empfand das Zusammenspiel verschiedener nationaler Hintergründe als spannend, bereichernd und verbindend. Durch mein Jahr in England habe ich ein ‚Mehr‘ an Identität erworben, das ich nicht mehr ablegen kann und will. Eine europäische Identität bei der Staatsgrenzen nur als willkürliche Striche auf der Landkarte erscheinen. Ich begreife Europa mehr denn je als ein großes ‚Wir‘ trotz verschiedener Sprachen und Kulturen. Ich bin stolz Deutscher in Europa zu sein.
Dass seit 1987 über drei Millionen junge Europäer mit Erasmus im Ausland waren, stimmt mich hoffnungsvoll, dass trotz allem Europaskeptizismus letztendlich der Gedanke siegt, dass wir uns in Europa in einem unumkehrbaren Einigungsprozess befinden. Dem Privileg dieses Einigungsprozesses sollten wir uns 100 Jahre nach Beginn des ersten Weltkriegs und 75 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkriegs besonders bewusst sein.
Auch vor 100 Jahren haben Deutsche in Oxford gelebt und studiert. Und vielleicht wurde so mancher Studienfreund auf dem Schlachtfeld zum Todfeind. Dass das nicht mehr passiert, dafür spüre ich eine innere Verantwortung. Durch meine Erfahrungen fühle ich mich als Repräsentant des Europäischen Gedankens, als Teil der ‚Generation Europa‘ und trage damit Verantwortung, dass dieser Gedanke weiterhin fruchtet.

 

Severin Uhsler

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