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Christian Ude: Ein Münchner im Interview

Über Lausbuben, Kultur und das Künstlerviertel Schwabing

Journalist, Rechtsanwalt, Politiker – es gibt nicht viel, was Christian Ude in seinem bisherigen Leben noch nicht ausprobiert hat. Von 1993 bis 2014 setzte er sich als Oberhaupt der bayerischen Landshauptstadt für seine Mitmenschen ein. Nun als Alt-Oberbürgermeister lässt es der waschechte Münchner aber ein wenig ruhiger angehen. Wir haben Christian Ude fünf Fragen gestellt.

Christian Ude, (c) Susie Knoll

Christian Ude, (c) Susie Knoll

Herr Ude, Sie sind in Schwabing geboren und leben auch heute noch dort. Was fasziniert Sie an diesem Stadtteil so sehr?

„Mein Vater hat Schwabing damals mit Bedacht als Wohnort ausgesucht. Er kam in den späten 20er Jahren aus Düsseldorf an die Isar, um die Kunststadt zu erleben. Er wollte das Künstlerviertel Schwabing kennenlernen, das damals um die Jahrhundertwende schon seine legendäre Zeit hinter sich hatte. Damals wurde die abstrakte Malerei in Schwabing erfunden und es gab weltberühmte Kabarettbühnen. Ich wurde zunächst einmal hineingeboren, aber durch meinen Vater habe ich sehr schnell das künstlerische Schwabing, das literarische Schwabing, das Schwabing der Kleinkunstszene und der Künstlerszene kennengelernt. Und dann ist es einfach ein ganz wunderbares Wohnviertel. Nicht so elitär wie Bogenhausen, aber doch ein gut bürgerliches Wohnquartier. Ganz besonders liebe ich die Nähe zum Englischen Garten.“

Haben Sie hier in München einen persönlichen Lieblingsplatz?

„Ein Platz, der mir da immer als Erstes einfällt, ist der Kleinhesseloher See. Schon als Kind war ich dort unterwegs gewesen, habe meinen Großvater im Boot herumgerudert oder im Winter Schlittschuhlaufen versucht. Heute sind wir gerne am Kleinhesseloher See, weil die Wirtsleute enge Freunde von uns sind, die wir gerne spazierendgehend besuchen. Es ist wunderbar im Biergarten und am Wasser zu sitzen, das ist selbst bei heißesten Temperaturen immer erfrischend. Man kann die Spitze der Salvatorkirche sehen, sozusagen als Symbol von Alt-Schwabing. Da geht mir regelmäßig das Herz auf!“

Sie sprachen von dem künstlerischen Schwabing, welchen Zugang haben Sie zur Kunst?

„Die moderne Kunst hat mir meine ältere Schwester nahe gebracht. Mit ihr haben wir viele Museen und Ausstellungen in Europa angeschaut. Und dann habe ich Künstlerfreunde gehabt, die im Kunstverein aktiv waren oder selber Kunstwerke geschaffen haben und mir dies nahe brachten. Und ich war schon immer, seit meiner frühsten Schulzeit, ein Freund von Filmkunst gewesen. Und die Literatur habe ich durch meinen Vater kennengelernt, er war Kulturredakteur. Die ganze Wohnung war vollgestellt mit Büchern. Ich konnte auf alles zugreifen, was es überhaupt gibt. Wir haben auch in der Familie bei jedem Abendessen über Literatur gesprochen. Wenn ich aber ehrlich bin, habe ich zum Beispiel zur Oper kein Verhältnis. Und musikalisch bin ich überhaupt nicht sehr geschult bzw. erfahren. Ich höre gerne klassische Musik, aber ohne erlesenen Verstand und musikalisch hört’s bei mir eher so bei den Beatles und den Rolling Stones auf. Mit neueren Entwicklungen kann ich nicht soviel anfangen. Also gerade Discomusik und Techno ist mir zu hart und zu wenig melodiös.“

Lausbub oder Streber? Wie war Ihre damalige Schullaufbahn?

„Als Schüler passe ich in kein Klischee hinein. In manchen Fächern, darüber rede ich natürlich am liebsten, habe ich immer einen Einser gehabt, aber ohne viel zu tun. Das waren die Fächer Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde, Kunsterziehung und Religion. Ich hatte dann aber auch einige Fächer, da stand ich fast immer auf einem Fünfer oder nahe davor, so wie in Latein, Englisch, Französisch und Chemie. Ich war einerseits ein sehr guter und andererseits ein katastrophal schlechter Schüler. Ich musste immer meine vielen Fünfer im Zeugnis durch noch mehr Einser ausgleichen. Ansonsten war ich wahnsinnig gerne in der Schule, aber nicht um den Unterricht zu folgen, sondern weil wir in der Schule so viel machen konnten. Wir waren in selbstorganisierten Ganztagsklassen. Ich war immer Klassensprecher und dann später Schulsprecher. Und da hatten wir auch Literatur-, Film-, und Philosophiekurse. Ich war in der Theatergruppe dabei und habe da immer die alten Bösewichte gespielt, obwohl ich lieber die jungen Liebhaber dargestellt hätte. Aber die Rolle habe ich nie bekommen. Wir haben eine Schülerzeitung gemacht, ich war später dann auch Landesvorsitzender der bayrischen Schülerzeitungen. Wir haben jeden Nachmittag immer etwas sehr sinnvolles gemacht. Das waren Aktivitäten, bei denen man gelernt hat, Initiative zu entwickeln, sich zusammen zu schließen, etwas zu organisieren, etwas zu schreiben und in Druck zu geben. Das sind Dinge, von denen man das ganze Leben lang profitiert, nur nicht bei der Notengebung.“

Wie stehen Sie zu Nichtwählern und deren Einstellung, sich aus Wahlen vollständig herauszuhalten?

„Die weitverbreitete Einstellung, nicht wählen zu gehen, alarmiert mich. Natürlich verstehe ich es, dass man vieles als ärgerlich empfindet. Aber wer nicht wählt, überlässt das Feld den Rechtsextremen. Wenn die Demokraten zu Hause bleiben, haben die Stimmen der Rechtsextremen mehr Gewicht. Und darüber könnte ich mich ereifern, wenn jemand sagt, er ist so anspruchsvoll und so nachdenklich, dass er, weil er an allem etwas zu kritisieren hat, zu Hause bleibt. Derjenige kommt sich vielleicht dann sensibel, kritisch und nachdenklich vor und in Wahrheit überlässt er den Neonazis das Feld.“

Andrea Hornsteiner

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