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Im Interview mit Synchronsprecher Ulf-Jürgen Wagner

Ob Kino, Fernsehen oder Hörspiel – jeder von uns hat ihre Stimmen schon einmal gehört. Meistens haben wir ein ganz anderes Bild von den Personen, als wie sie eigentlich aussehen. Das gibt dem Sprecher die Möglichkeit, unterschiedliche Personen zu sprechen, ohne dass man das direkt merkt. Welchem Fan der Serie The Simpsons ist denn schon aufgefallen, dass Lenny und der Polizist Lou dieselbe Synchronstimme haben? Diese Stimme gehört zu Ulf-Jürgen Wagner, einem Schauspieler und Synchronsprecher. Ich habe mich mit dem Münchner auf einen Kaffee getroffen und dabei haben wir uns ein wenig über seine Erfahrungen im Synchronstudio unterhalten.

Wie bist du zur Synchronisation gekommen?

„Ich war hier in München im Schauspielunterricht und habe danach gleich Theater gespielt. Dabei habe ich einige Kollegen kennengelernt, die Synchron gemacht haben, die haben mich dann auch vorgeschlagen für ein paar kleinere Takes. Damals hatte man viel mehr Zeit, 80 Takes waren schon sehr viel. Heutzutage, also nicht bei den Simpsons, aber bei anderen Zeichentrickserien werden 400 am Tag gemacht. Und dann wurde ich quasi immer weiter gereicht.“

Was war denn deine erste Synchronrolle?

(Lacht): „Ich weiß nicht mehr, was das für eine Serie war, auf jeden Fall lief die im Fernsehen. Ich weiß noch, dass die Szene in einem Hotel am Empfang spielte und ich Sätze sagen musste wie  „Guten Tag, Monsieur Sowieso“.

Wo hast du dich zum Schauspieler ausbilden lassen?

„Das war bei Ellen Marke, einer Berliner Schauspielerin hier in München, die recht rigoros war. Da wusste man, wenn man von ihr genommen wird, dann ist das schon nicht schlecht. Ich habe mich an einem Samstag beworben, weil ich unter der Woche in der Apotheke gearbeitet habe. Das erste Jahr habe ich das sogar noch heimlich von Augsburg aus gemacht, denn meine Eltern wussten nichts von der Schauspielausbildung und sollten es auch nicht wissen.“

Wie bist du  dann zu den Simpsons gekommen?

„Ich habe mich immer schon gut mit dem damaligen Regisseur der Simpsons verstanden. Lenny ist ja nie besonders groß geworden, also mal vielleicht in einer Folge etwas mehr und Lous Szenen werden immer weniger. Aber Lenny und Carl haben sich ja schon gesteigert, ursprünglich waren sie ja nur Füllsel für Moes Bar (Anmerkung der Redaktion: Füllwesen, damit Moe nicht alleine in der Bar steht). Und dann haben sie eigene Geschichten gekriegt.“

Sprichst du Lenny schon von Anfang an oder wurde er vor dir von einem anderen gesprochen?

„Ja, der Regisseur selbst war das. Als Lenny im Prinzip noch ein Niemand war, hat der Regisseur das nebenher gesprochen und als es dann etwas mehr wurde, hat er mich gefragt, ob ich das machen wollen würde. Das war dann in der dritten Staffel.“

Welche Rollen sprichst du sonst noch?

„Ich habe jetzt neuerdings einige Zeichentrickserien, wo ich fest drin bin. Das sind Der kleine Nick und One Piece, da bin ich im Ensemble und habe auch feste Rollen. Dann habe ich in Ben Ten zwei Rollen, kann aber gar nicht sagen wie die heißen. Im Realfilm oder in Serien habe ich früher auch einiges gemacht, aber heute nicht mehr.“

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Ulf-Jürgen Wagner bei der Arbeit im Studio, (c) Ulf-Jürgen Wagner

Was ist dir lieber – Synchronsprechen oder Schauspiel?

„Ich habe das Synchron erst nicht so ernst genommen, Theater war mir wichtiger. Aber dann habe ich dabei doch sehr gut verdient und Spaß hat es mir auch gemacht. Und was noch dazu kommt, ist, dass ich auf der Bühne vom Aussehen und Typ oft so nichtssagende Liebhaber spielen durfte (lacht). Und beim Synchron konnte ich auch kranke oder gestörte Menschen sprechen, das interessiert mich mehr als solche Strahlemänner. Außerdem hatte es mich auch abgehalten, dass man zum Beispiel angeblich seinen Urlaub absagen muss, wenn man in einer Serie drin ist und diese plötzlich weitergeht. Deswegen habe ich mich erst auch so wenig um Serien gekümmert, weil ich mir dachte „Nee, nee, um Gottes Willen, ich will ja ein freier Mensch sein!“. Ich habe dann immer noch versucht, neben dem Synchron in Kellertheatern zu spielen. Dann hat das aber mit dem Synchron so Überhand genommen, dass ich dann 19 Jahre komplett auf das Theater verzichtet habe, was ich ja jetzt reichlich nachhole (lacht).“

An privaten Schulen, beispielsweise der Deutschen POP, kann man eine Ausbildung zum Synchronsprecher machen. Würdest du das empfehlen?

„Ja, es kommt immer darauf an. Ich kenne eine Kollegin, die Unterricht gibt und das halte ich schon für eine sinnvolle Sache. Aber das was andere machen, mit richtig teuren Synchron-Seminaren und -Schulen, die die Schüler dann eventuell im Ensemble oder für kleine Rollen kostenlos sprechen lassen, im Rahmen der Ausbildung, das finde ich nicht so gut. Das Entscheidende ist aber wirklich, dass jemand kommt, der dich dann auch hört, wenn du bei Aufnahmen bist. Das ist das Wichtigste beim Unterricht, dass du Kontakte bekommst. Aber das ist schwer. Wie gesagt, wir hatten früher 70 Takes am Tag und da war Zeit. Heute ist die Zeit einfach nicht da, um Leute einzuarbeiten.“

Hat sich die Arbeit als Synchronsprecher in den letzten Jahren verändert?

„Mittlerweile wird überall gespart und das ist das Ärgerliche am Synchron, dass eben die Preise eher runtergehen. Ich war bei vielen Firmen gesperrt, ich habe sogar mal einen bösen Brief bekommen von einer Firma, wo drin stand, dass ich meine Serien natürlich weitersprechen kann, aber bei anderen Sachen müsste man sich Gedanken machen, ob man das nicht billiger besetzt – genau, da stand wirklich billiger drin! Und das trifft es eben auf den Punkt!“

Sprichst du nur in München oder auch woanders?

„Größtenteils in München. In Berlin habe ich auch schon gesprochen, aber da spreche ich nicht gerne.“

Warum das?

„Weil die Berliner Kollegen neiden, dass wir hier in München höhere Gagen haben. Es wurde zwar schon öfters versucht, das zu ändern, das war aber letztlich erfolglos.“

Was würdest du jemandem raten, der Synchronsprecher werden will?

„Ich glaube, ich würde heute zum Beispiel gar nicht mehr Theater machen, eher Synchron, aber in Verbindung mit einem anderen Beruf. Weil es einfach Preisdumping ist.“

Also würdest du von diesem Berufsbild doch eher abraten?

„Von der Wertstellung her ist es einfach zum größten Teil kein Beruf mehr. Es wird alles nur noch schnell gemacht, egal wie schlecht das Ergebnis ist. Mittlerweile wird auch jeder einzeln aufgenommen, früher war man noch zusammen in der Kabine, da sind sehr schöne Situationen entstanden. Wenn du nicht bereits als Synchronkind anfängst, dann ist es wirklich schwierig. Und für Frauen, das wollen wir auch noch einmal erwähnen, ist es doppelt und dreifach schwer. Das ist wie am Theater, es gibt viel zu wenige Rollen und die Alterskluft, mit einer richtigen Lücke zwischen 30 und 50 Jahren. Man hat heute einfach nicht mehr so den Zusammenhalt wie früher, alles ist ein bisschen nüchterner geworden in jeder Hinsicht (lacht).“

Charlotte Horsch

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