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Raus aus dem Rotlichtmilieu und rein ins Leben

Eine ehemalige Prostituierte im Gespräch mit unikat

Laura* ist eine 47-jährige attraktive Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Sie lebt in einer schönen Wohnung zusammen mit einem netten Mann und ihren zwei Kindern im Alter von 15 und 22 Jahren. Von außen betrachtet führt sie das perfekte Vorstadtleben. Doch der Schein trügt, denn die Vergangenheit wirft einen Schatten auf ihr jetziges Leben. Im Alter von 19 Jahren begab sich Laura auf das harte Pflaster des Hamburger Kiez. Für unikat hat sie sich ihrer Vergangenheit als Prostituierte gestellt und spricht  über ihre Erfahrungen im ältesten Gewerbe der Welt.

Laura, beginnen wir damit, wie du dazu gekommen bist, als Prostituierte zu arbeiten. War das eine freiwillige Entscheidung?

Meine erste Liebe war gerade zu Ende gegangen. Ich war 19, hatte meine Lehrstelle verloren und musste zurück nach Hause ziehen. Ich konnte mich dort ganz schlecht wieder einleben. Als ich meine neue Arbeitsstelle angetreten habe, habe ich jemanden kennengelernt, der mir das Milieu ans Herz gelegt hat. Damals dachte ich mir: Wenn ich schon nicht die große Liebe habe, dann wenigstens Geld. Man könnte auch sagen, er hat es mir schön geredet. So bin ich dann im Eros Center gelandet. Dort wurde ich eingelernt und man zeigte mir, was ich alles zu machen hatte. Danach war ich dann auf mich allein gestellt.

Wieso bist du so lange in diesem Milieu geblieben, 14 Jahre lang?

Man rutscht schnell in diese Szene ab, denn gerade am Anfang ist es schnell verdientes Geld. Warum sonst  finanzieren sich auch einige Studenten ihr Studium durch Prostitution anstatt zu kellnern? Aber je länger man es macht, desto schwieriger ist es, den Absprung zu scha­ffen. Früher war das glaube ich mit dem Geld noch viel mehr ein Anreiz. Wie es heute ist, weiß ich nicht. Aber ich denke nicht, dass man heute noch das Geld verdient, das man früher verdient hat. Aber man gewöhnt sich auch an einen ganz anderen Lebensstandard.

Das Geld ist also auch schnell wieder ausgegeben?

Ja, absolut! Man muss schon sehr konsequent sein, um zu sagen: Das Geld lege ich jetzt auf die Seite, damit ich irgendwann mal aussteigen kann. Aber das machen im Endeffekt die Wenigsten. Auch wenn das am Anfang mal das Ziel war. In dem Moment lebt man einfach von dem Geld, zahlt seine Unkosten und wenn man einen guten Tag hatte und seine 500 Euro verdient hat, dann fährt man eben in die Stadt und gibt das ganz aus, weil man sich sagt: „Ach, ich verdiene ja morgen wieder was.“

Ich habe gehört, dass Prostituierte nicht immer mit den Freiern Sex haben. Stimmt das?

Natürlich gibt es da Techniken. Richtigen Sex mit einem Freier hatte ich gar nicht! Es gibt zwar welche, die haben ihn, aber angelernt wurde ich so, dass man die Penetration vermeidet. Außerdem gibt es kein Küssen, kein Anfassen im Intimbereich. Doch heutzutage glaube ich sowieso, dass das alles viel lockerer geworden ist. Dadurch, dass die Grenzen offen sind, mit den ganzen Polinnen und so weiter, ist der Konkurrenzkampf groß geworden. Daher denke ich schon, dass sich das inzwischen geändert hat.

Wie viel Geld hast du pro Nacht verdient?

Das hing natürlich davon ab, wie viele Freier es in der Nacht waren. Es gab Nächte, da habe ich nichts verdient und in anderen bis zu 600 Mark. Im Durchschnitt fing es mit 30 Mark pro Kunde an. Ich habe ihm auf der Straße erzählt, was wir alles machen können. Im Zimmer fing es dann mit einem Blowjob an und wenn er mehr wollte, habe ich darauf verwiesen, dass wir nur das vereinbart hatten. Wenn er aber mehr wollte, musste er auch mehr bezahlen. Aber ich musste ja auch das Zimmer im Haus bezahlen. Bei uns war das so: Wenn das Zimmer 100 Mark am Tag kostete hat und es um 50 Mark ging, dann hatte ich erst mal zwei Kunden, ohne was zu verdienen. Und dann musste ich auch noch pro Kunde einen Pauschalbetrag abgeben.

Wie bist du über die Runden gekommen, wenn du eine Menge Geld an deinen Zuhälter abtreten musstest?

Wir mussten alle „kobern“, das heißt: Wir mussten so viel wie möglich aus dem Kunden herausholen. Und was ich da mehr verdient habe, konnte ich einstecken, aber ich musste vorsichtig sein. Bei einigen meiner Kolleginnen war es so, dass in den Zimmern angeblich Abhörgeräte waren. Ich glaube, dass da auch viele Gerüchte gestreut wurden. Es wurde nie aufgezeichnet, aber es war anscheinend so, dass der Zuhälter reinhören konnte und wenn da dann eine erwischt wurde, gab’s richtig Ärger. Hamburg war wirklich eine schlimme Zeit! Als ich dort anfing, hatte ich auch einen Zuhälter. Und die kriegen dann das, was du übrig hast. Ich hab‘ sehr schlecht verdient, ich war sozusagen eine Brandpartie und deswegen wurde ich auch schnell von meinem ersten Zuhälter zum nächsten verkauft. In Hamburg konnte ich meine Kunden an einer Hand abzählen. Da habe ich mich eigentlich von Tee und Zucker ernährt, da ich nie Geld hatte, um mir etwas zu essen zu kaufen. Es gab zwar jemanden, der mit belegten Semmeln vorbei kam, aber ich durfte mir nichts kaufen, bevor ich nicht einen Kunden hatte. Später, als ich das dann alleine gemacht habe, waren es dann mal fünf Freier pro Abend, mal acht. Das war unterschiedlich.

Hattest du keine Probleme, weil du ohne Zuhälter auf den Strich gegangen bist?

Nein, nicht in München. In Hamburg war das etwas ganz anderes. Gerade in St. Pauli geht das überhaupt nicht. Die jungen Zuhälter mussten sich gegenüber den Älteren beweisen, haben von ihnen gesagt bekommen, dass sie es zuerst zuckersüß probieren müssten. Wenn das nichts gebracht hat, sollten sie auf die harte Schiene umsteigen. Ich habe beides erlebt. Aber München ist da ein ganz harmloses Pflaster. Ich glaube, das liegt daran, dass viele Zuhälter hier Angst haben, wegen Zuhälterei angeklagt zu werden.

Gab es auch Kunden, die dich für die ganze Nacht gebucht haben oder dir versprochen haben, dich aus dem Milieu rauszuholen?

So wie man das immer in den Filmen sieht, meinst du? Ich hätte gerne einen Richard Gere gehabt (lacht), aber das waren Kunden. Mit verlieben war da nichts. An so etwas habe ich wirklich nie gedacht.

Was waren die prägendsten Erlebnisse in dieser Zeit?

Einmal war ich von meinem Zuhälter so zusammengeschlagen worden, dass ich voller Blut war. Und das nur, weil ich jemanden nicht angesprochen habe. Das habe ich nie vergessen. Die Zuhälter kennen keine Gnade, da hat man das Gefühl, jetzt ist es vorbei und er schlägt einen tot. Ein weiteres Erlebnis war, dass das Haus angezündet wurde, in dem ich damals gearbeitet habe. Ich war an dem Wochenende aber nicht dort, da ich meine Sachen schon gepackt hatte. Ich wollte da nicht mehr arbeiten. Ich war wieder an einen Mann geraten und wollte den anderen nichts davon erzählen, sondern einfach abhauen. Daher habe ich von dem Brand erst mal nichts mitbekommen. Dann rief mich die Kripo an, die hatten schon nach mir gesucht. Alle dachten, ich sei in dem Haus umgekommen. Ich war ja von meinem ehemaligen Arbeitsplatz in Hamburg weggelaufen und die vermuteten, dass es mich damit erwischen sollte. Sie haben mich dann gefragt, ob ich zu einer Aussage bereit sei. Also wartete ich eine Woche in dem Hotelzimmer und niemand meldete sich mehr bei mir. Daraufhin habe ich eine alte Kollegin angerufen und von dem Ganzen erfahren. Da bin ich zusammengebrochen. Man hat mich dann für eine Woche in die Psychiatrie eingewiesen. Ich war zu dem Zeitpunkt einfach seelisch kaputt. Das Schlimmste war die Abschlussvisite. Da kam ich in einen Raum mit zehn Ärzten rein, die mir zuerst sagten, dass ich gehen kann. Dann haben sie erwähnt, dass sie mit meinen Eltern telefoniert hätten, mit meiner Mutter.

Wie alt warst du zu dem Zeitpunkt?

Das war alles kurz aufeinander. Mit 21 war ich ja schon in München, das Ganze hat sich also innerhalb dieser zwei Jahre abgespielt.

Und deine Mutter wusste bis dahin nichts davon?

Doch, aber da hat sie gesagt, dass ich nicht mehr nach Hause kommen darf. „Komm ja nicht wieder nach Hause!“. (Lauras Stimme versagt und sie beginnt zu weinen.) Ich dachte, ich sei schon über das alles hinweg. Doch ich habe es meinen Eltern nie verziehen, dass sie mich so im Stich gelassen haben. Meine Eltern wussten, dass ich in Hamburg auf den Strich ging, da ich einmal abgehauen bin und dann vor ihrer Wohnung stand, weil ich nichts mehr zu essen hatte. Als man mich aus der Psychiatrie entließ, stand ich da und wusste nicht weiter. Ab da habe ich angefangen, herumzureisen, lebte aus dem Koffer und habe hier und da gearbeitet. So kam ich dann irgendwann auch nach München.

Wie verarbeitest du deine Vergangenheit?

Ich muss meine Vergangenheit nicht vergessen, aber ich muss auch nicht viel darüber reden. Ich habe damals auch viele Abstürze miterlebt. Viele nehmen Drogen oder trinken Alkohol, um der Realität zu entfliehen. Aber ich habe mir damals schon geschworen, nie zur Alkoholikerin, Drogenabhängigen oder ordinär zu werden. Und das habe ich auch gehalten. Es ist einfach ein Abschnitt in meinem Leben gewesen, der sehr negativ war. Auf jeden Fall ist es etwas, wovon ich jeder Frau abraten würde, weil sie dann auch bei der Männerwahl viele Probleme hat. Du siehst dann alle Männer als Freier. Heute ist das natürlich nicht mehr so, aber damals schon. Ich habe alle soliden Männer als Freier angesehen. Man hat sich mit denen auch nie abgegeben außer als Freier.

Wenn du gerade von Männern sprichst: Waren unter deinen Freiern auch viele Ehemänner dabei oder waren das eher Alleinstehende?

Das war alles gemischt. Oft sind die „braven“ Männer die schlimmsten. Und Ehemänner kommen viele! Die wollen dann mit dir machen, was sie zu Hause nicht bekommen.

Hast du dich jemanden aus deinem jetzigen Umfeld anvertraut und über deine Erfahrungen gesprochen?

Aus meinem jetzigen Bekanntenkreis weiß kaum jemand etwas über meine Vergangenheit. Die wenigen, denen ich es erzählt habe, konnten nicht damit umgehen und haben den Kontakt abgebrochen. Vor allem aber möchte ich nicht vorschnell verurteilt werden. Ich will, dass mich die Leute so sehen, wie sie mich kennengelernt haben und nicht als Prostituierte. Ich habe auch mit niemandem aus meinem alten Leben Kontakt, außer noch einer Prostituierten in München. Keinen regen Kontakt, sondern eher hin und wieder mal. Aber sonst zu keinem mehr, denn richtige Freundschaften gab es da eh nicht.

* Name von der Redaktion geändert

sd

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