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Vom Experiment zum Event – Eye Contact Munich

Was passiert, wenn zwei Fremde….

….sich für ein paar Minuten ohne zu sprechen in die Augen schauen?

2015 organisierte eine australische Gruppe namens The Liberators ein Event, um dies herauszufinden. Menschen aus aller Welt, aus insgesamt mehr als 150 Städten nahmen daran teil. Das Experiment kam bei den Teilnehmern so gut an, dass sich im Nachhinein in einzelnen Städten kleinere Gruppen formierten, die das Experiment als Event fortführen wollte.

   Es könnte sehr lustig werden, dachte ich mir und habe begeistert zugestimmt. Außerdem muss ich sowieso immer lachen, wenn ich Menschen länger in die Augen sehe. Jetzt stehe ich hier, vor dem Café Luitpold und denke mir: es könnte auch seltsam werden. Sehr seltsam.

Auch in München hat es diese Gruppe gegeben. Sie organisierten ihre ersten Events und befanden sich auf dem Höhenflug. Der Ansturm war groß. Also beschlossen sie, aus Eye Contact Munich eine wöchentlich stattfindende Veranstaltung zu machen.

Nachdem der erste Hype vorbei war, kam zunächst der Dämpfer. An manchen Tagen kamen bloß drei Leute. Doch sie glaubten an ihr Projekt. An diese Idee, welche Fremde zu Bekannten machen und die Gegenwart in den Vordergrund rücken soll. Und es zahlte sich aus. Immer mehr Menschen kamen, machen sogar immer und immer wieder. Vor wenigen Wochen feierte Eye Contact Munich sein dreijähriges Jubiläum.

   Der Raum neben dem Café ist aufgestuhlt und darin tummeln sich schon recht viele Menschen. Meine Freundin und ich setzen uns etwas unsicher kichernd gegenüber. Wir können ja mal mit uns anfangen. Bald geht es los. Der ganze Saal ist voll.

Eye Contact bedeutet genau das: zwei Personen, die sich im Idealfall vorher noch nicht kannten, sitzen sich gegenüber und machen nichts Weiteres, als sich gegenseitig in die Augen zu schauen. Keine Worte, keine Gesten begleiten den Moment. Geschaut werden darf solange es die Partizipienten wollen. Eine Minute, zehn, eine halbe Stunde. Es gibt kein Zeitlimit. Nachdem einer von beiden – oder beide einvernehmlich – den Kontakt abgebrochen haben, kann entweder ein neuer Partner gesucht werden, oder aber es besteht die Möglichkeit sich mit seinem Gegenüber noch zu unterhalten. Dazu werden extra Räumlichkeiten angeboten, um die anderen Teilnehmer nicht zu stören.

Denn das ist einer der spannenden Punkte, der das Experiment so populär gemacht hat. Mag es einem am Anfang merkwürdig erscheinen, so stellen einige derjenigen, die sich wirklich darauf einlassen, fest, dass die vorher fremde Person auf einmal gar nicht mehr so fremd ist. Tatsächlich ist ein langanhaltender Blickkontakt sehr intim. Wer diesen teilt und bei wem auch die Chemie stimmt, der baut eine Verbindung zum Partner auf. Zwischen den Augen werden Emotionen ausgetauscht. In ihnen wird gelesen. Die Mauern fallen. Und wir sind alle Menschen mit einer Geschichte.

   Am Ende war es weder sonderlich lustig noch seltsam. Es war interessant. Tatsächlich haben sowohl meine Freundin und ich die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt nicht gut mit Personen, die man bereits kennt funktioniert. Mit uns beiden hat es auch nicht wirklich geklappt. Auch hatten wir nicht damit gerechnet, dass der Augenkontakt ohne Zeitlimit gehalten wird und keiner von uns wusste recht, wann es angemessen wäre, aufzustehen. Doch mit dem nächsten Partner klappte es besser. Man musste einfach loslassen. Versuchen genau Hier und Jetzt zu sein. Gar nicht so einfach.  Doch überraschenderweise hatte ich nicht das Bedürfnis wegzusehen, und dass, obwohl ich Menschen sonst selten in die Augen schaue. 

Neu erfunden haben die Australier diesen Versuch aber nicht. Die Übung existiert schon seit vielen Jahrhunderten und lässt sich in der Mediation, im Buddhismus, auf einer Theaterbühne und bei Aufmerksamkeitsübungen wiederfinden. Neben dem Kontakt zwischen Fremden herstellen, hat das Ganze nämlich noch einen anderen Zweck. Es ist eine Übung für das Bewusstsein. Alles Gedankenkreisen, Probleme, Sorgen, soll in den Hintergrund verbannt werden. Einfach mal wieder präsent sein.

   Meine Freundin war hellauf begeistert. Sie konnte vieles fühlen. Ich muss zugeben, mich hat es nicht komplett für sich eingenommen. Es war eine neue, interessante Erfahrung, aber fasziniert war ich nicht. Und manchmal ist es vielleicht auch nicht die beste Idee, nach einem angenehmen Eye Contact ins laute Gespräch zu gehen…
   Doch was ich gespürt habe, ist, dass das Abschalten in unsere Welt tatsächlich etwas zum Trainieren geworden ist. Dass wir viele Mauern um uns haben. Außerdem war das Eye Contact Event auf jeden Fall ein Ort, an dem Menschen jeden Alters und Herkunft zusammenkamen, die sich ansonsten niemals begegnet, geschweige denn sich eines weiteren Blickes gewürdigt hätten. 

Wer mehr über Eye Contact Munich wissen möchte, kann deren Website besuchen: eyecontactmunich.com.
Die Facebook- oder Meetup Gruppe informiert über kommende Events. Der Eintritt liegt bei 4€. Damit kann man nicht viel verkehrt machen und es ist mal etwas Anderes. Also falls euer Interesse geweckt ist, findet heraus, was reiner Augenkontakt mit euch macht. Was passiert, wenn IHR einem fremden Menschen in die Augen seht?

Josephina Richardt